{"id":3104,"date":"2010-05-15T16:46:21","date_gmt":"2010-05-15T16:46:21","guid":{"rendered":"https:\/\/neos-music.com\/?post_type=product&#038;p=3104"},"modified":"2022-11-21T14:16:25","modified_gmt":"2022-11-21T14:16:25","slug":"york-hoeller-topic-horizont-mythos-schwarze-halbinseln","status":"publish","type":"product","link":"https:\/\/neos-music.com\/en_us\/product\/york-hoeller-topic-horizont-mythos-schwarze-halbinseln\/","title":{"rendered":"York H\u00f6ller: Topic &#8211; Horizont &#8211; Mythos &#8211; Schwarze Halbinseln"},"content":{"rendered":"<p>Infotext:<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"100%\" rules=\"none\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"bigcontent2\">\n<div id=\"infotext\">\n<p><b>Musik als Klangrede<br \/>\nEin Portr\u00e4t des Dichters in Kl\u00e4ngen: York H\u00f6ller<\/b><\/p>\n<p>Die Urauff\u00fchrung von Topic durch das Orchester der K\u00f6lner Musikhochschule im Gro\u00dfen Sendesaal des WDR K\u00f6ln brachte York H\u00f6ller 1967 den Durchbruch. Ein Vertreter des Schott-Verlags nahm den jungen Komponisten daraufhin unter Vertrag, und auf Veranlassung des Musikredakteurs Otto Tomek spielte das WDR Sinfonieorchester unter Leitung von Michael Gielen die revidierte Fassung des St\u00fccks 1970 beim Warschauer Herbst, den Darmst\u00e4dter Ferienkursen und erneut in K\u00f6ln. Durch diese Folgeauff\u00fchrungen fand H\u00f6ller wichtige Interpreten in Pierre Boulez, Daniel Barenboim und Hans Zender. Zudem wurde er von Karlheinz Stockhausen, dem Leiter des Studios f\u00fcr Elektronische Musik des WDR, eingeladen, hier seine erste und einzige reine Tonbandkomposition Horizont zu realisieren.<\/p>\n<p>Topic (1967) ist H\u00f6llers erstes von vielen weiteren Orchesterwerken und steht noch unter dem Einfluss des Studiums bei Bernd Alois Zimmermann und der eindr\u00fccklichen Urauff\u00fchrung von dessen Hauptwerk Die Soldaten an der K\u00f6lner Oper 1965. Die neun Abschnitte sind in Charakter, Dynamik, Tempo und Instrumentation teils extrem unterschiedlich und bilden gerade in ihrem Kontrast eine \u00fcbergeordnete Einheit. Unverkennbar ist das souver\u00e4ne Talent des damals 23-J\u00e4hrigen im Umgang mit dem gro\u00dfen symphonischen Apparat und bei der Gestaltung dramatischer Spannungsb\u00f6gen. An Zimmermann erinnern Fanfaren-Attacken der Trompeten sowie eine gewisse stilistische Offenheit mit gelegentlichen Ankl\u00e4ngen an Barock- und Jazz-Musik. Zugleich handelt es sich bei aller ungeb\u00e4rdigen, teils ins Katastrophische gesteigerten Wildheit um eine sehr planvolle Musik. Der englische Werktitel meint soviel wie Thema oder Gegenstand einer Diskussion und betont Leitideen, die H\u00f6llers gesamtes Schaffen bestimmen: klare Konstruktion, expressive Ansprache, poetischer Gehalt und die Vorstellung von Musik als Klangrede. Statt wie andere Komponisten seiner Generation die serielle Nachkriegsavantgarde einseitig abzulehnen, fand H\u00f6ller unter Ber\u00fccksichtigung wahrnehmungspsychologischer Erkenntnisse zu einer individuellen Verbindung von strukturellem Denken mit spontaner Erfindung und \u00bbeffektivem Geh\u00f6rseindruck\u00ab. Dabei lie\u00df er sich immer wieder von au\u00dfermusikalischen Eindr\u00fccken inspirieren, von r\u00e4umlichen, bildlichen, literarischen, philosophischen oder naturwissenschaftlichen Vorstellungen, die dem H\u00f6rer weite Assoziations- und Erlebnisr\u00e4ume \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Fr\u00fchzeitig orientierte sich H\u00f6ller am Ideal von Musik als lebendigem Organismus, dessen s\u00e4mtliche Bestandteile wie bei einem genetischen Code sowohl in jeder Zelle als auch in der Struktur des Ganzen enthalten sind. Analog dazu wollte er in seiner 4-Kanal-Tonbandkomposition Horizont (1971\/72) ohne vorgefertigten Formplan mit relativ eingeschr\u00e4nktem, rein elektronisch generiertem und transformiertem Material eine stilistisch einheitliche, prozessartig sich entfaltende und vor allem \u00bbeigene, sehr pers\u00f6nliche Klangwelt\u00ab schaffen. Mit der Schnittlinie von Endlichem und Unendlichem beschreibt der Werktitel die intendierte Verbindung von mathematischer Kons-truktion mit musikalischer Expression bzw. den Formverlauf des St\u00fccks als \u00bbimagin\u00e4ren Kreis, der Geschlossenheit und Offenheit zugleich repr\u00e4sentiert\u00ab. Der Untertitel Elektronische Musik in Form eines Essays \u00fcber logarithmische Gef\u00fchle spielt dagegen auf den \u00bbEssay \u00fcber Gef\u00fchle\u00ab an, den die Hauptperson Ulrich in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften zu schreiben beabsichtigt. Zudem benennt er den psychophysischen Umstand, dass das Unterscheidungsverm\u00f6gen der menschlichen Sinnesorgane nach logarithmischen Abstufungen funktioniert, welche auch die Zeitgestaltung des St\u00fccks bestimmen.<\/p>\n<p>Ende der 1970er Jahre besch\u00e4ftigte sich H\u00f6ller mit Wagners Musikdramen sowie mit den psychoanalytischen Schriften Carl Gustav Jungs und der von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gemeinsam verfassten Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Diese Auseinandersetzung vermittelte ihm die Einsicht, dass Musik \u00fcber mimetische Kr\u00e4fte verf\u00fcgt und der Natur des Subjekts zum Ausdruck verhelfen kann. Im Ensemblewerk Mythos (1979\/80, rev. 1995) zielte er folglich nicht auf eine bestimmte mythologische \u00dcberlieferung, sondern auf die urspr\u00fcngliche Bedeutung des Begriffs allgemein als Rede oder Erz\u00e4hlung. Tats\u00e4chlich nennt H\u00f6ller sein St\u00fcck \u00bbKlanggedicht\u00ab, was den Doppelcharakter seiner Musik gut beschreibt: einerseits ist sie ein rational konstruiertes Gebilde von gro\u00dfem Klangreichtum und direktem, spontan-impulsivem Ausdruck; andererseits handelt es sich um in Mikro- und Makroform, Metrik, Versen und Strophen gleichsam sprachlich gestaltete Musik. Mythos wurde f\u00fcr H\u00f6ller insofern wegweisend, als er hier erstmals \u00bbarchetypische Erfahrungen\u00ab und \u00bbUrerlebnisse\u00ab anhand profilierter musiksprachlicher Gesten, symphonischer Gestaltcharaktere und instrumentatorischer Topoi gestaltete, die hier allerdings nur in sehr stilisierter Form begegnen: \u00bbDem Werk liegen teilweise vertraute poetische Bilder und Ausdruckscharaktere zugrunde, wie z.\u2009B.: Von Wind, Wasser und der Nymphe Syrinx, Hornruf und Echo, bedrohliche Gesten, in eine Art Marche Fun\u00e8bre m\u00fcndend, Silberfarbenes Nocturne, Dionysischer Rundtanz, Nachtschwarzer Hymnus usw.\u00ab Dabei bediente sich H\u00f6ller eines Kontinuums zwischen instrumentalen und per Tonband zugespielten elektronischen Kl\u00e4ngen, die teils kontrastieren, teils nahtlos verschmelzen oder unmerklich ineinander \u00fcbergehen. Als konstruktive Keimzelle f\u00fcr die harmonischen, rhythmischen und gro\u00dfformalen Strukturen dient eine Klanggestalt, wie sie H\u00f6ller seit seinem Streichquartett Antiphon (1976) fast allen seinen Kompositionen zugrunde legte. In diesem Fall handelt es sich um eine 34-t\u00f6nige Melodie, die mit demselben Ton es beginnt und schlie\u00dft sowie s\u00e4mtliche zw\u00f6lf chromatischen T\u00f6ne in zwei unterschiedlich phrasierten 17-t\u00f6nigen H\u00e4lften durchl\u00e4uft. Das Ergebnis sind dichte, chromatisch gef\u00e4rbte Akkordkomplexe jenseits tonaler Gebilde oder Cluster.<\/p>\n<p>In Schwarze Halbinseln (1982) zeichnet H\u00f6ller mit dunklen Farbschattierungen ein gro\u00dfes Tableau ozeanisch-atmosph\u00e4rischer Klanglandschaften. Er orientiert sich dabei an sprachrhythmischen Strukturen, Ausdrucksgeb\u00e4rden und poetischen Bildern des Gedichts Die Nacht (1911) des expressionistischen Lyrikers Georg Heym. \u00dcber einem clusterartigen Orgelpunkt von Elektronik und tiefen Streichern liegt zu Anfang das von einer Frauenstimme gefl\u00fcsterte und bis zur Unverst\u00e4ndlichkeit abgewandelte Gedicht samt gespenstischen Frauench\u00f6ren und irrealen Glockenkl\u00e4ngen wie von fernen Inseln. Das Sprachmaterial des Texts wird konsequent zu einem \u00bbKlanggedicht\u00ab musikalisiert und erst gegen Ende verst\u00e4ndlich. In einem Brief an H\u00f6ller zeigte sich der Widmungstr\u00e4ger des Werks Karlheinz Stockhausen beeindruckt von der \u00bbsatten Farbgestaltung\u00ab und \u00bbweitgespannten Zeitgestaltung\u00ab.<\/p>\n<p>Rainer Nonnenmann<\/p>\n<\/div>\n<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Programm:<\/p>\n<p>[01]\u00a0<b>Topic<\/b>\u00a0(1967) for large orchestra \u00b7 Dedicated to Bernd Alois Zimmermann 12:56<br \/>\n<span id=\"flash1\"><\/span><br \/>\n<a class=\"arcoma_glossarylink\" href=\"https:\/\/neos-music.com\/output.php?content=Kuenstler\/WDR_Sinfonieorchester_Koeln.php&amp;treplace=english%2Cgerman\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">WDR Sinfonieorchester K\u00f6ln<\/a>\u00a0\u00b7\u00a0<a class=\"arcoma_glossarylink\" href=\"https:\/\/neos-music.com\/output.php?content=Kuenstler\/Gielen_Michael.php&amp;treplace=english%2Cgerman\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">Michael Gielen<\/a>, conductor<\/p>\n<p>[02]\u00a0<b>Horizont<\/b>\u00a0(1971\/1972) quadrophonic electronic music 10:39<br \/>\n<span id=\"flash2\"><\/span><br \/>\nDedicated to Ursula und Cuno Theobald<br \/>\nStudio f\u00fcr Elektronische Musik des WDR<br \/>\n<a class=\"arcoma_glossarylink\" href=\"https:\/\/neos-music.com\/output.php?content=Kuenstler\/Peter_Eoetvoes.php&amp;treplace=english%2Cgerman\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">Peter E\u00f6tv\u00f6s<\/a>\u00a0and Volker M\u00fcller, realization<\/p>\n<p>[03]\u00a0<b>Mythos<\/b>\u00a0(1979\/1980, rev. 1995) \u00b7 Dedicated to Hans Zender 22:52<br \/>\n<span id=\"flash3\"><\/span><br \/>\nfor 13 instruments, percussion and 4-channel tape<br \/>\n<a class=\"arcoma_glossarylink\" href=\"https:\/\/neos-music.com\/output.php?content=Kuenstler\/musikFabrik.php&amp;treplace=english%2Cgerman\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">musikFabrik<\/a>\u00a0\u00b7\u00a0<a class=\"arcoma_glossarylink\" href=\"https:\/\/neos-music.com\/output.php?content=Kuenstler\/Nagy_Zsolt.php&amp;treplace=english%2Cgerman\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">Zsolt Nagy<\/a>, conductor<br \/>\nStudio f\u00fcr Elektronische Musik des WDR \u00b7 Volker M\u00fcller, sound direction<\/p>\n<p>[04]\u00a0<b>Schwarze Halbinseln<\/b>\u00a0(1982) \u00b7 Dedicated to Karlheinz Stockhausen 20:53<br \/>\n<span id=\"flash4\"><\/span><br \/>\nfor large orchestra, vocal and electronic sounds on 4-channel tape<br \/>\nText by Georg Heym<br \/>\nWDR Sinfonieorchester K\u00f6ln \u00b7\u00a0<a class=\"arcoma_glossarylink\" href=\"https:\/\/neos-music.com\/output.php?content=Kuenstler\/WDR_Rundfunkchor_Koeln.php&amp;treplace=english%2Cgerman\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">WDR Rundfunkchor K\u00f6ln<\/a><br \/>\n<a class=\"arcoma_glossarylink\" href=\"https:\/\/neos-music.com\/output.php?content=Kuenstler\/Masson_Diego.php&amp;treplace=english%2Cgerman\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">Diego Masson<\/a>, conductor<br \/>\nStudio f\u00fcr Elektronische Musik des WDR \u00b7 Volker M\u00fcller, sound direction<br \/>\nMarie-Louise Gilles, speaker (tape)<\/p>\n<p>total time 67:57<\/p>\n<p>* World Premiere Recordings<\/p>\n<p>Pressestimmen:<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/klassikcom.gif?ssl=1\" \/><\/p>\n<p><b>Komponierte Gentechnik: Komponistenportr\u00e4t York H\u00f6ller<\/b><\/p>\n<p>Christian Vitalis, 01.12.2010<\/p>\n<p>Interpretation:\u00a0<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/stars4.gif?ssl=1\" \/><br \/>\nKlangqualit\u00e4t:\u00a0<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/stars4.gif?ssl=1\" \/><br \/>\nRepertoirewert:\u00a0<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/stars4.gif?ssl=1\" \/><br \/>\nBooklet:\u00a0<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/stars3.gif?ssl=1\" \/><\/p>\n<p>York H\u00f6ller, 1944 in Leverkusen geboren und an der K\u00f6lner Musikhochschule lehrend, geh\u00f6rt in die Riege der bedeutendsten deutschen Komponisten unserer Zeit. Nun ist \u201aNeue Musik\u2018 allerdings nicht sonderlich publikumswirksam, und das Schicksal vieler Kompositionen ist es, lediglich einmal uraufgef\u00fchrt und dann vergessen zu werden.<\/p>\n<p>Das scheint auch hier nicht anders zu sein, denn zum einen bietet der Plattenmarkt so gut wie nichts zum Thema York H\u00f6ller, und bei der hier zur Besprechung gelangenden Produktion des Labels NEOS mit vier Kompositionen handelt es sich nicht etwa um Neuproduktionen, sondern \u201alediglich\u2018 um die Neuausgabe pr\u00e4existenten Materials \u2013 kein Zufall wohl, dass die Aufnahmen meist so alt sind wie die St\u00fccke selbst und es sich offenbar um die einzigen Einspielungen (hier werbewirksam als \u201aErsteinspielungen\u2018 klassifiziert) handelt.<\/p>\n<p>Nach einer Platte mit den St\u00fccken &#8218;Sph\u00e4ren&#8216; und &#8218;Der ewige Tag&#8216; liegt nun bereits die zweite Produktion des Labels vor, die sich dem K\u00f6lner Komponisten widmet und vier Kompositionen enth\u00e4lt. Sofort f\u00e4llt die liebevolle Gestaltung auf. Die in drei Sprachen vorliegenden Texte sind gut lesbar gesetzt und \u00fcbersichtlich gestaltet; von jedem Werk gibt es \u2013 heute ein ziemlich selten gewordener Luxus \u2013 ein Partiturbeispiel. Gerade im der Neuen Musik ist das immer sehr aufschlussreich und interessant. In diesem Fall erg\u00e4nzen die Abbildungen den etwas knapp geratenen Text von Rainer Nonnenmann, der zwar verst\u00e4ndlich geschrieben ist, jedoch ruhig etwas weiter h\u00e4tte ausgreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Die vier Werke<\/b><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die erste Platte Werke mit Live-Elektronik pr\u00e4sentiert, sind es nun Kompositionen mit Tonband. Im Einzelnen sind das: die reine Tonbandkomposition &#8218;Horizont&#8216; (1971\/72), &#8218;Mythos&#8216; f\u00fcr 13 Instrumente, Schlagwerk und Tonband (1979\/80, rev. 1995) sowie &#8218;Schwarze Halbinseln&#8216; f\u00fcr Orchester und Tonband. Die Ausnahme ist &#8218;Topic&#8216; f\u00fcr gro\u00dfes Orchester (1967) ohne jegliche Elektronikanteile \u2013 mit diesem Werk war der junge Komponist \u00fcber Nacht ber\u00fchmt geworden; das St\u00fcck verr\u00e4t noch den Einfluss des Lehrers Bernd Alois Zimmermann.<\/p>\n<p>H\u00f6ller gelingt es, bei streng durchgeplanter Konstruktion eine Musik zu schaffen, die den H\u00f6rer unmittelbar gefangen nimmt. &#8218;Horizont&#8216; ist H\u00f6llers einzige reine Tonbandkomposition. Es ert\u00f6nen Mischungen verschiedener elektronisch erzeugter Kl\u00e4nge, wie sie zu Beginn der 1970er-Jahre wohl gerade modern waren; dem heutigen Ohr wird hier allerdings leider einiges unfreiwillig komisch anmuten. In diesem St\u00fcck sind es \u00fcbrigens Logarithmen, die ihm seine Struktur geben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter entwickelte H\u00f6ller eine eigene Kompositionstheorie, welche sich eher biologisch erkl\u00e4ren l\u00e4sst: Jeder Komposition liegt eine Keimzelle zugrunde, aus der das ganze Werk organisch erw\u00e4chst; man k\u00f6nnte diese Keimzelle als den \u201agenetischen Code\u2018 der Komposition bezeichnen. Neu ist diese Idee nicht, neu aber wohl die Art dieser Keimzelle und die Konsequenz, mit welcher sie die Komposition durchdringt.<\/p>\n<p>&#8218;Mythos&#8216; gilt als typischer Vertreter eines auf dieser Theorie fu\u00dfenden Komponierens. In &#8218;Schwarze Halbinseln&#8216; schlie\u00dflich kommt das textliche Element hinzu: Der Komponist hat dem Werk ein Gedicht von Georg Heym zugrunde gelegt, das in einer Rezitation erklingt. Diese ist auf dem Tonband enthalten und ist zu Beginn bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, gegen Ende dann unverf\u00e4lscht zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Kein Geringerer als Karlheinz Stockhausen bewunderte an diesem Werk die \u201asatte Farbgestaltung\u2018. Und tats\u00e4chlich: \u00c4hnlich wie &#8218;Topic&#8216; belegen auch die anderen St\u00fccke, dass sich eine strenge Kompositionstheorie und ein unmittelbar ansprechender emotionaler Gehalt in der Musik nicht ausschlie\u00dfen m\u00fcssen. Auf der anderen Seite: Gerade weil York H\u00f6ller dies gelingt, muss man ihn zu den ganz Gro\u00dfen z\u00e4hlen.<\/p>\n<p><b>Bedeutende Namen leisteten Bedeutendes<\/b><\/p>\n<p>Unter den Interpreten der vorliegenden Produktion finden sich einige bedeutende Namen, und so verwundert das durchwegs hohe bis h\u00f6chste spieltechnische wie interpretatorische Niveau nicht. &#8218;Topic&#8216; wurde 1970 vom WDR Sinfonieorchester K\u00f6ln unter Michael Gielen eingespielt. &#8218;Horizont&#8216; entstand \u2013 so wie die Tonb\u00e4nder der anderen St\u00fccke auch \u2013 im Studio f\u00fcr Elektronische Musik des WDR; realisiert wurde es von Peter E\u00f6tv\u00f6s und Volker M\u00fcller; letzterer hat auch in &#8218;Mythos&#8216; und den &#8218;Halbinseln&#8216; die elektronischen F\u00e4den gezogen.<\/p>\n<p>Der instrumentale Part in &#8218;Mythos&#8216; wurde 1997 von der musikFabrik unter Zsolt Nagy meisterhaft produziert, und in den &#8218;Schwarzen Halbinseln&#8216; ist einmal mehr das WDR Sinfonieorchester K\u00f6ln zu erleben nebst Stimmen des dortigen Rundfunkchors sowie der Rezitation von Marie-Louise Gilles vom Tonband. Die Gesamtleitung der 1982 entstandenen Aufnahme lag bei Diego Masson.<\/p>\n<p><b>Auch der Klang ist nicht angestaubt<\/b><\/p>\n<p>Auch klangtechnisch haben die vier Aufnahmen keinen nennenswerten Staub angesetzt und wissen auch heute noch zu befriedigen. Man fragt ich aber, ob es nicht eine Option gewesen w\u00e4re, das Material entsprechend aufzubereiten und auf eine SACD zu packen \u2013 dann h\u00e4tte die Sache nahezu perfekt werden k\u00f6nnen. Sicher h\u00e4tte man der explizit als \u201aquadrophon\u2019 bezeichneten Tonbandkomposition auf diese Weise gerecht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den beiden anderen St\u00fccken mit Zuspielband h\u00e4tte man aber in erster Linie die Intentionen des Komponisten ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen; die beiden St\u00fccke leben davon, dass Tonband und Live-Musik immer wieder miteinander verschmelzen \u2013 da w\u00fcrde sich ein Surround-Klang mit klar getrennten Kan\u00e4len wom\u00f6glich eher kontraproduktiv auswirken.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/logo_Rondo.gif?ssl=1\" \/><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/10829_Rondo_5_10.jpg?ssl=1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Infotext: Musik als Klangrede Ein Portr\u00e4t des Dichters in Kl\u00e4ngen: York H\u00f6ller Die Urauff\u00fchrung von Topic durch das Orchester der K\u00f6lner Musikhochschule im Gro\u00dfen Sendesaal des WDR K\u00f6ln brachte York H\u00f6ller 1967 den Durchbruch. 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