{"id":3108,"date":"2010-05-01T16:50:15","date_gmt":"2010-05-01T16:50:15","guid":{"rendered":"https:\/\/neos-music.com\/?post_type=product&#038;p=3108"},"modified":"2023-10-12T07:30:50","modified_gmt":"2023-10-12T07:30:50","slug":"helmut-lachenmann-string-quartets-2","status":"publish","type":"product","link":"https:\/\/neos-music.com\/en_us\/product\/helmut-lachenmann-string-quartets-2\/","title":{"rendered":"Helmut Lachenmann: String Quartets"},"content":{"rendered":"<p>Infotext:<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"100%\" rules=\"none\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td class=\"bigcontent2\">\n<div id=\"infotext\">\n<p><b>Komponieren im Tonus virgineus<br \/>\n<\/b><br \/>\nZu den Streichquartetten von Helmut Lachenmann<\/p>\n<p><i>Ich vergeheimnisse die Materie,<br \/>\nindem ich sie entkleide.<\/i><\/p>\n<p>Anselm Kiefer<\/p>\n<p>Als er f\u00fcr sein Lebenswerk mit dem Goldenen L\u00f6wen der Biennale di Venezia 2008 geehrt wurde, hie\u00df es in der Begr\u00fcndung des Komitees, Helmut Lachenmann habe in seinem kompositorischen \u0152uvre \u00bbder Materie Ton zu einer neuen Jungfr\u00e4ulichkeit\u00ab verholfen. Damit ist ein zentraler Aspekt seines Schaffens benannt, der sich in vielen Facetten auch in seinen Streichquartetten niedergeschlagen hat, und so hat jene tabubeladene, trotz bedeutender Ans\u00e4tze von Komponisten wie Boulez, Maderna, Ligeti in der Zeit der rebellierenden Studenten mit dem Ruch des Behaglichen behaftete Gattung in Helmut Lachenmann einen ihrer bedeutendsten und origin\u00e4rsten F\u00fcrsprecher gefunden. Neue Virginit\u00e4t \u2013 das hei\u00dft bei ihm zun\u00e4chst einmal Absage an alles unreflektiert \u00dcbernommene, hei\u00dft Opposition gegen\u00fcber allem, was die Wahrnehmung zur Falschnehmung verbiegt. Neue Virginit\u00e4t hei\u00dft aber auch \u203aWieder-holen\u2039, n\u00e4mlich der gro\u00dfen kompositorischen<\/p>\n<p>Entdeckungen, die im Laufe ihrer Rezeptionsgeschichte zunehmend verdeckt und versch\u00fcttet worden sind, damit Tradition als Innovation wirksam werden kann. Dass solche R\u00fcckbesinnung in seinen Werken zur Quelle ganz neuer und subtiler Erfahrungen werden kann und den ganzen Reichtum von bisher Unerh\u00f6rtem aufzuschlie\u00dfen vermag, verweist auf den dialektischen Bodensatz von Lachenmanns Kompositions\u00e4sthetik. Mit der Devise \u203aAngebot durch Verweigerung\u2039 ist dieser Bodensatz wohl am b\u00fcndigsten zu benennen. Lachenmanns Streichquartetten ist abzulauschen, wie sich ihre H\u00f6rlandschaft vom \u203aTr\u00fcmmerfeld\u2039 zum \u203aKraftfeld\u2039 verwandelt, wie ein Schaben, Pressen, Kratzen und Rauschen das Versprechen einer \u203aneuen Sch\u00f6nheit\u2039 als \u203aVerweigerung von Gewohnheit\u2039 einzul\u00f6sen vermag, aber auch wie Reflexion und Heiterkeit dialektisch vermittelt neben- und miteinander bestehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So artikuliert sich \u2013 gleichsam unber\u00fchrt, unverstellt und unbeschwert von semantischer Aufladung \u2013 im Tonus virgineus der Streichquartette \u203aMusik als existentielle Erfahrung\u2039 im weitesten Sinn. Im Tonus virgineus scheint aber auch eingel\u00f6st, was Lachenmann als Appell an die Verantwortung des Komponisten gerichtet hat. Zu ihr geh\u00f6re es n\u00e4mlich, \u00bbSituationen der individuellen ver\u00e4nderten Wahrnehmung zu schaffen und zugleich aus der m\u00f6glichen Welt der T\u00f6ne [\u2026] eine akustische Gegen-darstellung der Welt zu versuchen.\u00ab Lachenmanns Streichquartette sind solche Situationen, und sie sind darin dem Archaischen Torso Apollos verwandt, bei dessen Anblick Rilke den Anruf vernahm: \u00bbDu musst dein Leben \u00e4ndern.\u00ab<\/p>\n<p>Gran Torso markiert einen Wendepunkt in der kompositorischen Praxis von Helmut Lachenmann. Hier wird ein Materialbegriff\u00a0 exemplifiziert, der sich nicht mehr durch den Klang als einem Ergebnis abstrakter Konstruktionen definiert, sondern vielmehr auf den mechanischen und energetischen Bedingungen der Klangerzeugung selbst und auf der Vorstellung einer \u203amusique concr\u00e8te instrumentale\u2039 gr\u00fcndet. Zum sechzehnsaitigen Spielk\u00f6rper mutiert, l\u00e4sst das Streichquartett, angeleitet von einer umfangreichen Legende zu Notation und Auff\u00fchrungspraxis, die Grenzen des gewohnten Umgangs mit dem Instrumentarium weit hinter sich. Die gleicherma\u00dfen mit gr\u00f6\u00dftem Kalk\u00fcl, mit unerh\u00f6rter Phantasie und spielerischer Entdeckerfreude formulierten Erl\u00e4uterungen weisen Lachenmann als Klangforscher und Klangerfinder allerersten Ranges aus.<\/p>\n<p>Dass die Anweisungen zur (Um-)Stimmung der Instrumente, zur Umsetzung der zahlreichen Griff- und D\u00e4mpfzeichen, zu den unterschiedlichen Aktionen mit dem Bogen wie auch zum Spiel auf Corpus, Wirbel und Zarge mit gr\u00f6\u00dfter Genauigkeit ausformuliert sind, mag als Beleg daf\u00fcr verstanden werden, dass der Titel Gran Torso nicht auf ein Opus defectum zielt, sondern auf ein Werk, das in seiner vermeintlichen Unvollendetheit vollendet zur Darstellung kommt. So l\u00e4sst das klingende Resultat von Gran Torso auf dieser Einspielung den H\u00f6rer das Bild eines Klangsteinbruchs assoziieren, aus dem die Interpreten mit unerh\u00f6rter haptischer Pr\u00e4senz eine Art Torso herausmei\u00dfeln.<\/p>\n<p>Diese Vorstellung gilt nicht minder \u2013 wenngleich auf ganz andere Weise \u2013 auch f\u00fcr das Streichquartett Nr. 2 Reigen seliger Geister mit seinen hauchend-verwehten Kl\u00e4ngen, jenen vielfach gestaffelten, spukhaft verschatteten Flautandi samt deren Gegenpol \u2013 einer auf das wirksamste in Szene gesetzten Pizzikato-Landschaft \u2013 und seiner im Schlussteil dieses Werkes aus der beliebig weiten Drehung der Wirbel resultierenden \u203awilden Skordatur\u2039. Verweist der Untertitel des Streichquartetts Nr. 2 auf die schwere-lose Geisterwelt in Glucks Orfeo, so der des Streichquartetts Nr. 3 Grido auf die Dramatis personae, das Arditti Quartet, dem das Werk gewidmet ist: Die Anfangsbuchstaben der Vornamen seiner damaligen Mitglieder \u2013 Graeme Jennings (2. Violine), Rohan de Saram (Violoncello), Irvine Arditti (1. Violine) und Dov Scheidlin (Viola) \u2013 ergeben das Wort \u203aGrido\u2039 (ital.: Schrei). Neue und alte Spieltechniken setzen hier eine neue Expressivit\u00e4t frei, ohne dass man jedoch von der Milde des Sp\u00e4twerks sprechen d\u00fcrfte: Risse, reflexive Brechung und ein Geheimnis gibt es auch hier. Es ist das Geheimnis, das alle Erforschung der Materie Ton als ihr vermeintliches Nebenprodukt begleitet; in Wahrheit aber ist es das Zentrum und das Proprium der Musik wie aller Kunst.<\/p>\n<p>Peter Becker<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Programm:<\/p>\n<p><b>Helmut Lachenmann<\/b>\u00a0(*1935)<br \/>\n[01]\u00a0<b>Gran Torso<\/b>\u00a0 22:05<br \/>\nMusic for String Quartet (1971\/76\/88)<br \/>\n<span id=\"flash1\"><\/span><\/p>\n<p>[02]\u00a0<b>Grido<\/b>\u00a0 24:13<br \/>\nString Quartet No. 3 (2001)<br \/>\n<span id=\"flash2\"><\/span><\/p>\n<p>[03]\u00a0<b>Reigen seliger Geister\u00a0<\/b>\u00a027:52<br \/>\nString Quartet No. 2 (1989)<br \/>\n<span id=\"flash3\"><\/span><\/p>\n<p>total time 74:29<\/p>\n<p><a class=\"arcoma_glossarylink\" href=\"https:\/\/neos-music.com\/output.php?content=Kuenstler\/Stadler_Quartett.php&amp;treplace=english%2Cgerman\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">stadler quartett<\/a><br \/>\nFrank Stadler, 1st violin<br \/>\nIzso Bajusz, 2nd violin<br \/>\nPredrag Katanic, viola<br \/>\nPeter Sigl, violoncello<\/p>\n<p>Pressestimmen:<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/logo_classiqueinfo.jpg?ssl=1\" \/><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/logo_classique_ring.gif?ssl=1\" \/><\/p>\n<p><b>Lachenmann : les quatuors (bis)<\/b><br \/>\nmercredi 30 novembre 2011 par Gilles Quentel<\/p>\n<p>A peine un an apr\u00e8s le Quatuor Arditti, c\u2019est au tour du Quatuor Stadler de proposer un enregistrement de ces trois merveilles d\u2019orf\u00e8vrerie musicale que sont les trois quatuors de Lachenmann. Une interpr\u00e9tation ni meilleure ni moins bonne, donc une doublure de l\u2019autre, mais avec une qualit\u00e9 de restitution sonore exceptionnelle.<\/p>\n<p>Composer pour le quatuor \u00e0 cordes n\u2019est pas chose ais\u00e9e, c\u2019est m\u00eame sans doute l\u2019exercice de composition le plus difficile qui soit du fait du caract\u00e8re ramass\u00e9, stratifi\u00e9 et peu d\u00e9monstratif de la forme, un peu \u00e0 la mani\u00e8re de ces madrigaux \u00e0 quatre sur le mod\u00e8le desquels les premiers quatuors \u00e0 cordes avaient \u00e9t\u00e9 calqu\u00e9s. Rares sont en effet les compositeurs \u00e0 s\u2019y \u00eatre distingu\u00e9s en cette fin de XX\u00e8me si\u00e8cle ; souvent m\u00eame, les plus grands n\u2019y ont pas \u00e9t\u00e9 convaincants. Helmut Lachenmann est sans doute de ceux qui, avec Carter notamment, ont profond\u00e9ment marqu\u00e9 de leur empreinte ce genre si difficile. Son langage, s\u2019appuyant sur le bruitisme et l\u2019attention au moindre microd\u00e9tail h\u00e9rit\u00e9s de Nono, a litt\u00e9ralement pulv\u00e9ris\u00e9 les limites esth\u00e9tiques du genre. Le compositeur s\u2019exprimait lui-m\u00eame \u00e0 ce sujet en disant : \u201cmy problem was never \u2018new sounds\u2019 or new elements such as noises \u2013 my problem was to stipulate another context for a liberated way of perception\u201d*<\/p>\n<p>Lachenmann a \u00e9crit trois quatuors entre 1971 et 2001 : Gran Torso, Grido et Reigen seliger Geister : le compositeur n\u2019a pas le g\u00e9nie des titres (c\u2019est son moindre d\u00e9faut) : le premier est une \u00e9vocation sonore qui sugg\u00e8re davantage un effet de torsion extr\u00eame qu\u2019un \u00ab grand torse \u00bb dont on se demande d\u2019o\u00f9 il le sort, le second n\u2019\u00e9voque \u00e0 aucun moment un \u00ab cri \u00bb (\u00ab grido \u00bb) mais un fourmillement pointilliste de notes qui s\u2019\u00e9tire dans un grand silence, et le troisi\u00e8me ne rappelle absolument pas la \u00ab Danse des Esprits Saints \u00bb (Reigen Seliger Geister) de l\u2019Orph\u00e9e de Gluck auquel il fait r\u00e9f\u00e9rence, comme on s\u2019en serait dout\u00e9, mais plut\u00f4t un souffle sonore \u00e0 peine audible.<\/p>\n<p>Il n\u2019emp\u00eache : ces \u0153uvres sont toutes magnifiques. Ce sont de v\u00e9ritables sculptures sonores qui produisent une sensation musicale quasi-tactile. Il en existait d\u00e9j\u00e0 un excellent enregistrement par les Arditti chez Kairos, celui-ci fait donc doublure : ce qui fait la diff\u00e9rence entre le Quatuor Arditti et le Quatuor Stadler, ce n\u2019est pas la qualit\u00e9 de l\u2019interpr\u00e9tation qui est d\u2019une nettet\u00e9 et d\u2019une pr\u00e9cision irr\u00e9prochable dans les deux cas, c\u2019est \u00e9videmment la qualit\u00e9 exceptionnelle de la restitution en SACD du pr\u00e9sent enregistrement. La musique atonale est le plus souvent \u00e9crite avec un luxe de pr\u00e9cision de jeu qui ne permet gu\u00e8re de s\u2019\u00e9chapper et d\u2019offrir \u00e0 l\u2019auditeur des interpr\u00e9tations nettement distinctes comme on peut le faire, par exemple, avec une symphonie de Beethoven (le livret donne \u00e0 ce propos un instructif aper\u00e7u de la partition de Gran Torso\u2026). Et pour la musique de Lachenmann qui, comme celle de Sciarrino, joue tant sur le murmure, le frottement, le grattement, et le souffle \u00e0 peine audibles, la qualit\u00e9 de la restitution sonore peut faire toute la diff\u00e9rence, et ceci m\u00eame si l\u2019on n\u2019a pas sous la main un amplificateur \u00e0 lampes accord\u00e9 \u00e0 des enceintes hors de prix par des c\u00e2bles en or. Une simple \u00e9coute au casque suffit. Ce ne sera pas un argument suffisant pour ceux qui poss\u00e8dent d\u00e9j\u00e0 l\u2019enregistrement Kairos, pour les autres, en revanche, le choix de celui-ci semble s\u2019imposer.<\/p>\n<p><a class=\"arcoma_editor_link\" href=\"http:\/\/classiqueinfo-disque\/#com\/Lachenmann-les-quatuors-bis#html?lang=fr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/classiqueinfo-disque#com\/Lachenmann-les-quatuors-bis#html?lang=fr<\/a><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/logo_nzz-_2.jpg?ssl=1\" \/><br \/>\n07.01.2011<\/p>\n<p><b>Lachenmann und die Geburt des Klanges<\/b><\/p>\n<p>Die zentrale Bedeutung Helmut Lachenmanns f\u00fcr die neuere Musikgeschichte kann nicht genug betont werden. Wie nur wenige andere hat der deutsche Komponist und Sch\u00fcler von Luigi Nono den Klang, die Stille und das Ger\u00e4usch ergr\u00fcndet. Was heute selbstverst\u00e4ndlich ist, bedurfte einer konsequenten \u00d6ffnung von Geist und Ohren.<\/p>\n<p>Dass die Ergebnisse keineswegs abstrakt und verkopft, sondern h\u00f6chst sinnlich erklingen, zeigen seine Streichquartette Nr. 2 und 3 von 1989 und 2001 sowie das 1971 begonnene \u201eGran Torso\u201c; das stadler quartett hat diese Werke neu und fesselnd eingespielt. Dabei markiert \u201eGran Torso\u201c einen bedeutsamen Wendepunkt; hier erprobt Lachenmann seine \u201eMusique concr\u00e8te instrumentale\u201c, die neue, ger\u00e4uschhafte Spieltechniken einf\u00fchrt und die Klangerzeugung an sich erforscht.<\/p>\n<p>Stets aufs Neue wird man Zeuge der Geburt eines Klangs. Oder der Stille. Und wenn Lachenmann in den Streichquartetten Nr. 2 und 3 in fl\u00fcchtigen Momenten zu Harmonik und Konsonanz zu finden scheint, werden Intervalle neu erfunden. F\u00fcr ihn selber haben die Einspielungen \u201eeinfach alles, was ein Publikum hellwach und hellh\u00f6rig und einen Komponisten gl\u00fccklich\u201c mache.<\/p>\n<p>Dass die Interpretation des stadler quartetts und Lachenmanns Musiken eine Einheit bilden, steht zweifelsfrei fest.<\/p>\n<p><i>Marco Frei (frm)<\/i><\/p>\n<p><i><\/i><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/logo_neue_musikzeitung.jpg?ssl=1\" \/><br \/>\n2\/2011<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/10806_nmz_022011.jpg?ssl=1\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/klassikcom.gif?ssl=1\" \/><br \/>\n15.09.2010<\/p>\n<p><b>Vom Ballast der Tradition befreit<\/b><\/p>\n<p>Als Helmut Lachenmann im Jahre 1971 sein erstes Streichquartett vollendete, formulierte er nicht nur den Anspruch an diese Gattung v\u00f6llig neu, sondern auch den an die Interpreten. Seiner Vorstellung einer \u201amusique concr\u00e8te instrumentale\u2018 waren zun\u00e4chst nur wenige gewachsen \u2013 die Interpretationen des Arditti Quartetts setzen f\u00fcr lange Zeit Ma\u00dfst\u00e4be. Dabei ist es ein Trugschluss, zu glauben, dass die zahlreichen ungew\u00f6hnlichen Spieltechniken, die der Klangforscher Helmut Lachenmann in seine Partitur integriert hat, nur von absoluten Spezialisten ausgef\u00fchrt werden k\u00f6nnten: Das Foto auf der Innenseite des CD-Covers der bei NEOS erschienenen Komplettausgabe seiner Streichquartette mit dem Stadler Quartett zeigt keinen Geringeren als Lachenmann selbst an der Violine, konzentriert eine col-legno-Aktion mit dem Bogenholz ausf\u00fchrend.<\/p>\n<p>Die Revolution bewegt sich langsam, aber sicher in die Mitte der musikalischen Gesellschaft, und so ergibt sich durch immer mehr Interpretationen von Lachenmanns Werken ein reicher und vielschichtiger<b><\/b>\u00a0werdendes Bild dieser Musik. Den j\u00fcngsten Beitrag liefern die vier Musiker des Stadler Quartetts, allesamt Mitglieder im \u00d6sterreichischen Ensemble f\u00fcr Neue Musik mit den drei Streichquartetten Helmut Lachenmanns. Helmut Lachenmanns erster Beitrag zur Gattung kommt einem Paukenschlag gleich, kaum hinsichtlich der Dezibel, aber ganz sicher was die energetische Intensit\u00e4t betrifft. In &#8218;Gran Torso&#8216; trifft der H\u00f6rer nicht auf ein unvollendetes Fragment, sondern erlebt, wie vier Musiker aus einem Steinbruch von Kl\u00e4ngen \u201amit unerh\u00f6rt haptischer Pr\u00e4senz eine Art Torso herausmei\u00dfeln\u2018. Die Ger\u00e4usche, die aus dem zum einzigen Klangk\u00f6rper mutierten Streichquartett heraus entstehen, bekommen eine unerh\u00f6rte Plastizit\u00e4t, so dass ganz neue Tonr\u00e4ume entstehen k\u00f6nnen. Das Stadler Quartett leistet hierbei Pr\u00e4zisionsarbeit, nicht nur, was den ungemeinen Reichtum an Kl\u00e4ngen anbelangt, sondern auch in gestalterisch-musikalischer Hinsicht. Das Kantige und Exakte in Lachenmanns Rhythmik, die er selber \u2013 halb ernst, halb scherzhaft \u2013 viel lieber mit Swing als mit Neuer Musik assoziiert, kommt hier besonders gut zur Geltung.<\/p>\n<p>Lachenmanns zweites Streichquartett, beinahe zwanzig Jahre sp\u00e4ter entstanden, ist mit der Gluck-Allusion &#8218;Reigen seliger Geister&#8216; untertitelt. Das Br\u00fcchige und Eckige ist nun einer kaum greifbaren Klangwelt gewichen: glissandierende Flautandi und kristalline Pizzicato-Aktionen fordern zum genauen Hinh\u00f6ren auf, zur wachen Wahrnehmung. Auch in der Studioaufnahme gelingt es den Musikern, den Funken durch die Lautsprecher \u00fcberspringen zu lassen, woran das genau austarierte H\u00f6rpanorama der SACD nicht ganz unbeteiligt sein mag.<\/p>\n<p>In &#8218;Grido&#8216;, dem dritten Streichquartett, dessen Titel sich auf die Initialen der Mitglieder des Arditti Quartetts bezieht, schafft Helmut Lachenmann eine Art Synthese seiner Arbeit, ohne sich jedoch auf irgendwelche Kompromisse eines milden Sp\u00e4twerks einzulassen. &#8218;Grido&#8216;, italienisch f\u00fcr \u201aSchrei\u2018, ist voller Expressivit\u00e4t, die nicht durch oberfl\u00e4chlichen Tonsatz entsteht, sondern durch die Magie, die der Geburt eines Klanges innewohnen kann. Nachdem die Deutungshoheit fr\u00fcherer Generationen langsam abnimmt \u2013 ohne freilich deren wichtige Bedeutung schm\u00e4lern zu wollen \u2013 ist es erfreulich, zu sehen, dass die Rezeption dieser Musik weiter- und vorangeht. Der H\u00f6rer hat die Chance, faszinierende Interpretationen zu erleben, die \u201ahellwach und hellh\u00f6rig\u2018 machen, ohne dogmatischen Anspruch. Helmut Lachenmanns Musik l\u00e4sst sich so immer wieder neu entdecken, frei von unreflektiert \u00fcbernommenen H\u00f6rgewohnheiten.<\/p>\n<p>Paul H\u00fcbner<\/p>\n<p>Interpretation:<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/stars5.gif?ssl=1\" \/><br \/>\nKlangqualit\u00e4t:<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/stars5.gif?ssl=1\" \/><br \/>\nRepertoirewert:<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/stars3.gif?ssl=1\" \/><br \/>\nBooklet:<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/stars4.gif?ssl=1\" \/><br \/>\n<img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/logo_FonoForum.gif?ssl=1\" \/><br \/>\n09\/2010<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/10806_FonoForum_092010.jpg?ssl=1\" \/><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/Diverdi-Logo013.jpg?ssl=1\" \/><br \/>\n06\/2010<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/10806_Diverdi_06_2010.jpg?ssl=1\" \/><\/p>\n<p>Auszeichnungen &amp; Erw\u00e4hnungen:<\/p>\n<p><b>Pasticciopreis f\u00fcr die Einspielung der Lachenmann-Streichquartette<br \/>\n<\/b>Die Einspielung der Streichquartette von Helmut Lachenmann mit dem stadler quartett erh\u00e4lt den Pasticciopreis (\u00d61)<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/neos-music.com\/images\/news\/Pasticciopreis_logo_120.gif?ssl=1\" \/><\/p>\n<p><b>Was ist der Pasticciopreis?<\/b><\/p>\n<p>Der Preis wurde im J\u00e4nner 2003 vom \u00d61-Journalisten Helmut Jasbar gegr\u00fcndet und am letzten Donnerstag des Monats auf Radio \u00d6sterreich 1 in der Sendung &#8222;Pasticcio&#8220; (an Wochentagen von 8.15 bis 8.55 Uhr) zehnmal j\u00e4hrlich verliehen und geht an MusikerInnen, die in \u00d6sterreich eine interessante CD im Bereich Klassik\/Crossover ver\u00f6ffentlicht haben.<\/p>\n<p>Was als namenloser Anerkennungspreis begann, wuchs schnell zu einem interessanten Beitrag zur Bewahrung der Vielf\u00e4ltigkeit des \u00f6sterreichischen Kulturlebens heran. Jasbar, der selbst ein international anerkannter Musiker, Kurator und Komponist ist, hat den \u201ePasticciopreis\u201c im Laufe der Jahre zu einer respektablen Marke ausgebaut, die \u00f6sterreichweite Anerkennung genie\u00dft.<\/p>\n<p><b>Wie wird der Pasticciopreis verliehen?<\/b><\/p>\n<p>Die Jury, die monatlich das Angebot der hiesigen Musikproduktionen im Bereich Klassik und Crossover durchk\u00e4mmt, besteht momentan aus f\u00fcnf Fachleuten. Das von der Jury ausgew\u00e4hlte Ensemble bzw. die ausgew\u00e4hlten Musikerinnen und Musiker sowie deren empfohlene CD werden an jedem letzten Donnerstag des Monats in der Sendung \u201ePasticcio\u201c ausf\u00fchrlich gew\u00fcrdigt; ein Exemplar der CD wird an interessierte \u00d61-H\u00f6rerInnen verschenkt.<\/p>\n<p><b>Wer sind die Gewinner des Pasticciopreises?<\/b><\/p>\n<p>Voraussetzungen:<br \/>\nDie Beg\u00fcnstigten sind MusikerInnen (mit Lebensmittelpunkt \u00d6sterreich), die im Laufe der letzten zwei Jahre mit einer CD-Ver\u00f6ffentlichung aufgefallen sind, die au\u00dfergew\u00f6hnliche Musikalit\u00e4t und thematisch interessante Konzepte dokumentiert.<br \/>\nBevorzugt werden Produktionen, die bei \u201eIndependent Labels\u201c ver\u00f6ffentlicht wurden, da diese<br \/>\n1. \u00fcber geringe Werbe-Etats verf\u00fcgen.<br \/>\n2. von kunstverst\u00e4ndigen Leuten geleitet werden, deren Idealismus oft an jenen der Musiker heranreicht.<br \/>\n3. durch ihre hochwertigen Publikationen einen beachtlichen Beitrag zur Vielfalt der Musikkultur leisten.<\/p>\n<p>Die Musiker repr\u00e4sentieren nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kollegen, die es nicht leicht haben, sich gegen die \u00dcbermacht gr\u00f6\u00dferer L\u00e4nder mit ihren bedeutend st\u00e4rkeren Medienindustrien behaupten zu k\u00f6nnen. Die Preistr\u00e4gerinnen und Preistr\u00e4ger stehen f\u00fcr eine lebendige \u00f6sterreichische Musikkultur, die dieses Land weltweit repr\u00e4sentiert und deren Leistungen (auch f\u00fcr den \u201eStandort \u00d6sterreich\u201c) kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen sind und daher unbedingt betreut und gef\u00f6rdert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zudem transportiert der Pasticciopreis auch das Anliegen, dass die interessierte \u00d6ffentlichkeit mehr \u00fcber die Arbeit und den Reichtum der \u00f6sterreichischen Musikszene erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p><b>Warum ein Musikpreis?<\/b><\/p>\n<p>Das Kultur \u2013 und Musikland \u00d6sterreich f\u00f6rdert so seinen Nachwuchs, der das Image dieses Landes in der ganzen Welt auch in Zukunft positiv beeinflussen wird, was sowohl der Wirtschaft (positive Assoziationen zum \u201eStandort \u00d6sterreich) als auch dem Kulturexport entgegenkommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Infotext: Komponieren im Tonus virgineus Zu den Streichquartetten von Helmut Lachenmann Ich vergeheimnisse die Materie, indem ich sie entkleide. 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