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Christian Ofenbauer: Streichquartette 1997-2011

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Artikelnummer: NEOS 11513-14 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: März 9, 2015

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STREICHQUARTETTE VON CHRISTIAN OFENBAUER

Als Christian Ofenbauer 1997 seinen ersten Streichquartettsatz komponierte, war der Arbeit eine lange Phase des Zweifelns vorausgegangen: Schleppte die Gattung nicht allzu viel historischen Ballast mit sich? Dass in den Jahren 2008 bis 2011 dann in rascher Folge eine Art Fortsetzung in Gestalt von fünf weiteren Streichquartettsätzen entstehen würde, hätte er sich damals wohl nicht träumen lassen. Die vorliegende CD-Edition vereint diese sechs, teils sehr eng, teils lose aufeinander bezogenen Werke und setzt sie darüber hinaus in Beziehung zum Streichquartett Zerstörung des Zimmers / der Zeit 1999. In den überaus gewissenhaft-peniblen, dabei aber feinfühlig schillernden Aufführungen des Arditti Quartet entfalten sie ihren ganz eigentümlichen Reiz, der von schönen Rätseln ebenso zu künden scheint wie von monumentaler, eherner Größe, die paradoxerweise aus fragilen, ephemeren Tönen und viel Stille erwächst.

In Ofenbauers Schaffen rückt die Zeit gleich in mehrfacher Weise ins Zentrum, ihr klanglich begleitetes Vergehen ebenso wie ihr virtueller Stillstand. Rein äußerlich bildet das Entstehungsjahr stets einen Teil des Stücktitels, fixiert damit auch den Stand einer persönlichen Situation und Entwicklung. Strukturell kehren Ofenbauers Werke dem Espressivo den Rücken, bringen immer wieder das ansonsten stumme Verstreichen der Zeit zum Tönen, machen langsame, weiträumige Verläufe nicht nur hörbar, sondern auf besondere Weise auch fühlbar – Musik, scheinbar absichtslos, sich selbst genügend und doch weit über sich hinausweisend: mit exakt definierten Klangereignissen, die aber vielfach nach ausgeklügelten, begrenzt aleatorischen Konzepten aufeinanderfolgen. Klarheit, Ruhe, Versenkung sind darin Weg und Ziel zugleich.

Im Streichquartettsatz 1997 versuchte Ofenbauer, der Eigendynamik des gewählten Materials beobachtend zu folgen – einer Stelle aus Weberns Streichtrio op. 20. Ausschließlich im reich abgestuften untersten dynamischen Bereich angesiedelt, schlägt das Stück mehrere ineinander verflochtene Pfade ein: Sie führen vom Festen ins Lockere, vom Klang zum Geräusch, vom Fließen ins Stocken, vom Akustischen zur Gestik. Zuletzt bleiben die Saiten stumm, während die Musiker »die Bogenstange seitlich durch die Luft schnellen lassen (wie eine Peitsche)«.

Diesem prozessualen Verlauf steht in Zerstörung des Zimmers / der Zeit 1999 großformatige Statik entgegen, die auf einer Bühnenmusik zu Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald basiert; der Titel zitiert die Regieanweisung der Schlussszene aus Brechts Fatzer-Material. Keinerlei Einzeltöne oder gar Pausen sind hörbar, vielmehr schafft das Quartett ein Klangkontinuum, das sempre pppp in extremer Zeitlupe verläuft und sich am Ende seinem Ausgangspunkt annähert. Stufenlose Umfärbungen (von der gewöhnlichen Position bis zum Streichen auf dem Steg) und qualitative Sprünge (das vollends geräuschhafte Streichen der Saite hinter dem Steg) werden dabei vernetzt mit weit gespannten, überaus langsamen Glissandi, äußerst dichten Tremoli an der Bogenspitze und diffizilen Flageoletts. So wie sich konkrete Akkorde der Wahrnehmung entziehen, scheinen Harmonik oder Fortschreitungslogik im tradierten Sinne suspendiert. Verblüffend ist allerdings, wie die Glissandi wegen ihrer teils minutenlangen Dauer so gut wie unhörbar bleiben und stattdessen sich als eigentümlich-ungreifbare, nie ermattende Innenspannung der Klänge mitteilen.

Die Anregung für den Zweiten Streichquartettsatz 2008 (und in weiterer Folge für den ganzen nachfolgenden Zyklus bis zum 6. Quartettsatz) kam durch das Streichquartett 1 + eine Nacht (1995) von Nader Mashayekhi. Ofenbauer schätzt es hoch, empfand aber dennoch den Wunsch, Antwort und Erweiterung zugleich zu liefern. Dazu notierte er vier Einzelstimmen zu je neun Seiten mit einem fixen Gitternetz von Takten, die in Zeilen oder Spalten, von links oder rechts, von oben oder unten gelesen werden können. Von Seite zu Seite verschränken und überlagern einander auch hier verschiedene Verläufe: Das Geschehen verdichtet sich bis zur zentralen Seite 5, um dann wieder auszudünnen – in der Anzahl der Klangereignisse, im Tonvorrat, in Dauern, Figuren, Dynamikabstufungen und Spielarten. Wie klar diese Entwicklung nachvollziehbar wird, hängt vor allem davon ab, wo im Notentext die einzelnen Spieler beginnen: Ihre Ausgangspunkte dürfen sie frei wählen, solange diese auf derselben oder zumindest auf benachbarten Seiten liegen; auf Seite 9 folgt, falls noch nicht gespielt, Seite 1 usw., bis jede Stimme die ganze Komposition durchlaufen hat. Für die vorliegende Aufnahme hat der Widmungsträger, der Komponist Thomas Heinisch, den Beginn für 2. Violine und Violoncello auf Seite 2, für 1. Violine und Viola auf Seite 3 bestimmt.

Der Dritte Streichquartettsatz 2009 operiert mit vier Tonvorratsgruppen mit zwei bis drei Klängen, wobei eine der vier Gruppen sich in der Mitte des Stücks verflüchtigt. Notiert sind keine Töne, sondern die jeweilige Gruppe, aus der ein Klang zu wählen ist, für den freilich an der exakten Stelle Dynamik und Artikulation schon feststehen. Durch das pausendurchsetzte Stocken im ohnehin schon extrem langsamen Tempo und die differenzierten Fermaten gewinnt das Stück speziell auratischen Charakter, den eine hektische Schlussgeste ausradiert.

Das BruchStück IX / Vierter Streichquartettsatz 2010 greift, wie alle Werke von Ofenbauers BruchStück-Reihe, auf Älteres zurück, diesmal den 2. Quartettsatz. Ist der Verlauf dort noch stärker vom Zufall bestimmt, wird er diesmal genau kontrolliert und verknappt vorgeführt: Der durchlaufend fiepende Achtelpuls des Beginns gerät ins Straucheln, wandelt sich ins Divergente, gerinnt wieder zu neuer Regelmäßigkeit. Dabei dominieren Transparenz und delikate Helligkeit.

»Schwer atmend (schnarchend)« beginnt der klanglich besonders fesselnde, wieder ernstere Fünfte Streichquartettsatz 2011. Er führt, darin dem 1. Quartettsatz ähnlich, in linearer Entwicklung von sehr leisen Schabgeräuschen zu rhythmisch völlig auseinanderstrebenden, knatternden col legno-Tongruppen. Die Peitschenschläge des Bogens aus dem 1. Quartettsatz sind dabei nicht Ziel, sondern Teil des gestisch-beredten Wegs. In der kettenartigen Struktur mit Abschnitten von 18 Takten Länge interveniert zudem ein kontrastierender 19. Takt, der gleichfalls eine Entwicklung durchmacht und in einem Quasi-Zitat des 3. Quartettsatzes gipfelt, sich dann aber verflüchtigt und in den nun länger werdenden Teilen aufgeht.

Der Sechste Streichquartettsatz 2011 schließlich resümiert den ganzen Zyklus auf engstem Raum. In prickelnd belebter Statik, die zwischen Dichte und Zerfall eigentümlich schwebt, zeigen die gelöst, beinah heiter anmutenden Klänge durch den weiten dynamischen Rahmen hohes Relief: Jede Stimme besteht aus 180 Takten, die von einem jeweils frei wählbaren Takt aus zeilenweise komplett durchlaufen werden. Damit nähert sich der 6. dem 2. Quartettsatz an – und schließt sich der Kreis dieses ebenso reichhaltigen wie eindringlichen Kompendiums modernen Komponierens für Streichquartett.

Walter Weidringer

Programm:

CD 1
total playing time: 65:46

[01] Streichquartettsatz 1997 17:40

[02] Zerstörung des Zimmers / der Zeit 1999 48:04
für Klaus-Peter Kehr

CD 2
total playing time: 77:39

[01] Zweiter Streichquartettsatz 2008 25:00
für Thomas Heinisch

[02] Dritter Streichquartettsatz 2009 11:34
für Jürg Stenzl

[03] BruchStück IX / Vierter Streichquartettsatz 2010 11:31

[04] Fünfter Streichquartettsatz 2011 22:23

[05] Sechster Streichquartettsatz 2011 07:07

 

Arditti Quartet
Irvine Arditti, violin
Ashot Sarkissjan, violin
Ralf Ehlers, viola
Lucas Fels, cello

World Premiere Recordings

Pressestimmen:

05/2015

 


6/15

Neue Musik auf neuen CDs, vorgestellt von Max Nyffeler

Die Streichquartettkompositionen von Christian Ofenbauer, die zwei volle CDs füllen, bewegen sich meist an der Hörgrenze. Es sind entwicklungslose Variationen des Schweigens, angefüllt mit leisem Schaben, Kratzen und Fingertippen. Am radikalsten wird dieses Prinzip in „Zerstörung des Zimmers/der Zeit“ realisiert, einem dreiviertelstündigen, durch allerlei Schlieren bewegten klanglichen Grauschleier. Wegen der akustischen Anfälligkeit ist das mit Vorteil weit weg von unserer geräuschlichen Zivilisation zu hören. Eine Musik für Freunde der zart gefärbten Luft, bei der das Arditti Quartett demonstriert, dass sich auch aus einem Beinahe-Nichts noch viel herausholen lässt.

 

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