MADE IT – MOST LIKELY: Compositions by MCMG, Julia Wahren, Michael Emanuel Bauer and Yasel Muñoz

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Artikelnummer: NEOS 12217 Kategorie:
Veröffentlicht am: Juli 23, 2022

Infotext:

MADE IT – MOST LIKELY
Kompositionen von MCMG, Julia Wahren, Michael Emanuel Bauer und Yasel Muñoz

MCMG & Julia Wahren
SNEEZING (Niesen) Infektiöses Intermezzo nach Kurt Schwitters
für Ensemble und Stimme (2020)

Niesen ist donnernde Tröpfchenübertragung, schon zu vermeintlich schlichten Grippezeiten war das so. Erst vor Kurzem wurde es als gemeingefährlich erkannt. Ansonsten ist Niesen mehr das: Drang, Verzweiflung, Explosion, Entspannung – vielleicht sogar Genuss. Davon zeugt bereits Wilhelm Buschs Kurzcartoon Die Prise. Niesen ist manchmal brutal vital, musikalisch ein Sforzato sondergleichen. Nießscherzo: Das Ganze niesen des Merzkünstlers Kurt Schwitters bringt die Detonation, bei Busch nur abgebildet, poetisch zum Klingen. Die Komposition SNEEZING führt die satirisch-dadaistische Reihe der zwei Hannoveraner Künstler musikalisch fort. In freitonaler Manier, mit ein bisschen Swing (der in den 1930ern erblühte, genau wie Schwitters’ Gedicht), schließlich mit der krassen Dynamik des eigentlichen Naturereignisses. Niesen ist zuweilen brandgefährlich, klar. Wird das mal wieder anders?

Michael Emanuel Bauer
HUNGER:FÄDEN
 für Stimme, Flöte mit Live-Elektronik und Klavier (2021)
mit Reflexionen von Christoph Reiserer, Georg Karger und Julia Wahren
Text: Julia Wahren

Eine Definition des Begriffs Hoffnung steht am Anfang des Textes. Was folgt, ist eine Lautübersetzung dieser Definition: Unter Erhalt der Vokale und ihrer spezifischen Einfärbung im Wortkontext stehen da neue Wörter: ein assoziierender Wortfluss, klanglich ganz nah am originalen Text, aber inhaltlich ganz anders.

Die Komposition ist in sechs Abschnitte unterteilt, wobei #2, #4 und #6 improvisatorische Reflexionen für eine beliebige Besetzung (hier Sopransaxophon, Kontrabass, Stimme) sind, die auf die Filme Grave von Julia Ducournau, Trouble Every Day von Claire Denis und auf die Photographie Hope von Erwin Olaf rekurrieren. Die Abschnitte #1, #3 und #5 sind auskomponiert. HUNGER:FÄDEN verarbeitet Found Footage aus Hoch- und Populärkultur und steht in der Tradition der Appropriation Art sowie dem damit einhergehenden, künstlerischen Hinterfragen grundsätzlicher Kategorien wie Original, Originalität, Urheberschaft, Wiederholung, Täuschung, Differenz. HUNGER:FÄDEN ist eine musikalische Transformation künstlerischer Techniken und ästhetischer Positionen diverser Appropriation-Künstler:innen wie Sherrie Levine, Cindy Sherman, Martin Arnold und Rodney Graham.

Yasel Muñoz, MCMG & Julia Wahren
ANHELO DE MALECÓN
 (Sehnsucht nach dem Malecón)
für Ensemble und Soundscape (2021)

Der kubanische Musiker Yasel Muñoz hat 2021 Feldaufnahmen in Havanna gemacht und sie mit Flötensoli kommentiert. Daraus entstanden drei Teile:

1. Sonidos de Cola (Klang der Schlange): Kuba ist berühmt für seine Warteschlangen. Menschen warten vor Geschäften, auf Märkten, reden, streiten, schreien – ein Ökosystem, plötzlich da und wieder weg. Und in der Pandemie lauter denn je.

2. In Anhelo de Malecón ist zur Improvisation der Flöte das Meer am Malecón, dem Strand von Havanna, zu hören: für viele Menschen dort ein Ort, um den Kopf frei zu bekommen – und während der Pandemie ein verbotener Sehnsuchtsort. »Wir haben die Seele von Insulanern«, sagt Muñoz. Auch das Dasein von Musiker:innen in Deutschland mutierte während Covid irgendwie zum Inselleben: Zum Klang von Meer und Flöte kommen Dialogfetzen aus einer Probe von MCMG in München.

3. Fiesta: Bei einer Feier der »Regla de Osha-Ifá« wird den afrokubanischen Gottheiten Shangó und Risa Oko mit Trommeln gehuldigt. Auch diese Feste waren pandemiebedingt verboten. Wir hören, wie die Lebensfreude wieder ins kubanische Leben zurückkehrt.

ANHELO DE MALECÓN: Klang einer weltumspannenden Sehnsucht.

MCMG
VOM FOLLOWER ZUM INFLUENCER
 für Ensemble und Live-Elektronik (2022)

Influencer brauchen einen Resonanzraum: ihre Follower. Musikalische Solist:innen auch. Sie bestimmen, wo es lang geht, und das Ensemble resoniert. Was aber, wenn die Follower ihren heimlichen Wunsch, selbst Influencer zu werden, realisieren? Wer beeinflusst dann wen? Welche Interferenzen entstehen durch die gegenseitige Einflussnahme?

Ein Körperschallwandler, auch »Bodyshaker« genannt, überträgt die Frequenzen von Flöte, Klarinette und Kontrabass in den Flügel und moduliert so seinen Klang. Das ist die technische Seite. Auf der kompositorischen Seite passieren ähnliche Dinge: Der Klang eines Instruments kann entweder mit der Intention gespielt werden, den Klang eines anderen Instruments zu verändern, oder mit der Absicht, selbst zu solch einem Klang zu werden. Die Übergänge sind fließend, die Rollen unklar. Wer ist Influencer, wer Follower? Ein musikalisches Experiment mit allegorischen Ansätzen.

MCMG & Julia Wahren
LOLOOP FOR JOHN DONNE
 für Ensemble, Loop, Live-Elektronik und Stimme (2020)
Text: John Donne, No Man Is an Island

Ein immergleicher Ton zieht sich durch das Stück, von Anfang bis Ende. Dieser Bordun spannt den musikalischen Bogen und wird ausgelöst durch eine Schnur, mit der die Pianistin pausenlos die dis-Saite im Flügel aktiviert, den Ton und seine Obertöne schillern lässt. Darüber wächst die Musik schichtweise: Die Flöte spielt einen Loop und mehrere Overdubs; ihr Tonmaterial ist eine Ganztonleiter, offen, schwebend. Darauf liegt John Donnes Text No Man Is an Island, die beschwörende Erinnerung daran, dass der Mensch den Menschen braucht – und gleichzeitig eine klingende literarische Komposition. Die Stimme musikalisiert den Text, ohne eigentlich zu singen, lässt den Wortklang pulsieren und eindringen. Das gesamte Ensemble übernimmt den Loop der Flöte, bringt neue Nuancen und Variationen, steigert sie bis zum Höhepunkt, einem Flötensolo. Moment, das kennen wir … weht da nicht etwas Gershwin durch? Summertime? Ein Hauch von sorgloser Zeit.

MCMG & Julia Wahren
ESPERO
 (Ich hoffe) für Ensemble, Stimme und Soundscape (2021)
Text: Pepe Gavilondo

»Hoffnung ist Notwendigkeit, denn sie nährt, ernährt uns, sie hält uns am Leben wie Sauerstoff … sie ist ein Herz ohne Müdigkeit, das uns durch die Welt gehen lässt, ohne zu fallen.« Der Text des Musikers Pepe Gavilondo aus Havanna ist neben ANHELO DE MALECÓN ein weiteres Ergebnis der Zusammenarbeit von MCMG und Julia Wahren mit der jungen kubanischen Avantgarde. Gavilondos Stimme trägt durch das Stück wie durch Filmbilder – apokalyptische Szenen, in denen nur noch eins hilft: die Hoffnung. Oder doch eher die Beharrlichkeit? Oder einfach eine gute Portion Naivität? Wobei – im Instrumentalpart klingt es doch eher nach Moll, nicht so frei, nicht so heiter. Immerhin überlebt dieses Moll alles Krachen, Scheppern, Pfeifen, Bersten. Oder schwingt da irgendwie doch eine Dur-Parallele mit? Vielleicht sind es gerade beide zusammen, die schließlich Eiszeit, Sintflut und andere, aktuellere Katastrophen überstehen. ESPERO ist auch ein Stück über Gegensätze.

MCMG
CORONAVERSE #2
 für Ensemble und Soundscape (2022)

Eine erste Fassung entstand 2020 als reflektierende Verarbeitung des ersten Corona-Jahres. Zu Geräuschen von Fahrstuhl und Kirchenglocken gesellen sich Sprachfetzen aus einer Münchener Bierstube, der Straßenbahn, einem Kinderspielplatz … Diese Sprach-Klang-Miniaturen und die darin zum Ausdruck gebrachte Möblierung individueller Weltbilder hatten vor Social Media eine Reichweite von kaum mehr als einer Stammtischlänge. Die Musik kommentiert diese privaten Metaphysiken mit Motiven, die unüberhörbar einer anderen Welt entstammen. Dennoch verbinden sich Sprache und Musik zu einer neuen Meta-Realität. Ab Mitte des Stücks klingt aus dem Off das Thema eines bayrischen Totentanzes, 1998 für den Film Zum Sterben schön komponiert. Sein Motiv scheint sich im 5 / 8 und 7 / 8 Takt ständig um die eigene Achse zu drehen. Mittels Reverse-Studiotechnik und musikalischer Dekonstruktion wird das Thema quasi übermalt und décollagiert.

MGMG, Julia Wahren, Michael Emanuel Bauer

Programm:

MADE IT – MOST LIKELY
Kompositionen von MCMG, Julia Wahren, Michael Emanuel Bauer und Yasel Muñoz

MCMG & Julia Wahren (*1968)

[01] SNEEZING für Ensemble und Stimme (2020) 05:46
Infektiöses Intermezzo nach Kurt Schwitters

Michael Emanuel Bauer (*1974)

HUNGER:FÄDEN für Stimme, Flöte mit Live-Elektronik und Klavier (2021) 13:01
mit Reflexionen von Christoph Reiserer, Georg Karger und Julia Wahren
Text: Julia Wahren

[02] #1 julia DUCOURNAU 02:42
[03] #2 reflexion GRAVE 01:38
[04] #3 claire DENIS 02:36
[05] #4 reflexion TROUBLE EVERY DAY 01:37
[06] #5 erwin OLAF 02:18
[07] #6 reflexion HOPE 02:10

Yasel Muñoz (*1996), MCMG & Julia Wahren

[08] ANHELO DE MALECÓN für Ensemble und Soundscape (2021) 09:27
1. Sonidos de Cola / 2. Anhelo de Malecón / 3. Fiesta

MCMG

[09] VOM FOLLOWER ZUM INFLUENCER für Ensemble und Live-Elektronik (2022) 09:33

MCMG & Julia Wahren

[10] LOLOOP FOR JOHN DONNE für Ensemble, Loop, Live-Elektronik und Stimme (2020) 08:42
Text: John Donne, No Man Is an Island

MCMG & Julia Wahren

[11] ESPERO für Ensemble, Stimme und Soundscape (2021) 11:07
Text: Pepe Gavilondo

MCMG

[12] CORONAVERSE #2 für Ensemble und Soundscape (2022) 11:05
Tribut an den Münchenerin Corona-Sommer 2020 unter Verwendung von “Zum Sterben schön” (Georg Karger, Peter Holzapfel)

Gesamtspielzeit: 69:05

 

MCMG (Munich Contemporary Music Group)
Karina Erhard (*1972) Flöten / Elektronik
Georg Karger (*1956) Kontrabass / E-Bass
Eka Kuparadze (*1975) Klavier
Christoph Reiserer (*1966) Klarinette / Saxophon / Elektronik

Julia Wahren, Stimme

Virtuelle Gäste:
Yasel Muñoz, Flöte [08]
Pepe Gavilondo, Sprecher [11]

Pressestimme:

175 / November 2022

Pandemischer Galgenhumor

„Machen wir das Beste daraus“, scheint das heimliche Motiv des intelligent komponierten Albums der MCMG (Munich Contemporary Music Group) mit dem Titel „Made It – Most Likely“ zu sein. Die Musik, komponiert von Julia Wahren (Stimme) und dem Ensemble, von Michael Emanuel Bauer und dem übers Internet einbezogenen Kubaner Yasel Muñoz, schwankt zwischen Galgenhumor und nachdenklichem Ernst. Mit den untergemischten, während der lähmenden Coronazeit gemachten Momentaufnahmen aus dem täglichen Leben öffnet sich ein Fenster zur Realität.

Ein Kabinettstück rein musikalischer Komik, die vokal-instrumentale Performance über die Gefährlichkeit des Niesens, bildet die Ouvertüre, dann breitet sich eine skeptische Weltsicht aus. „Hoffnung ist die umfassende emotionale und unter Umständen handlungsleitende Ausrichtung des Menschen auf die Zukunft“: Der vernünftige Satz wird von den Instrumenten brutal zerhackt, das Wort „Zukunft“ verkrüppelt und in eine sinnentleerte Wiederholungsschlaufe gepackt. Es bleibt indes nicht bei dieser pessimistischen Sicht. Mit einem instrumental kommentierten Hörbild aus Kuba wird etwas ungelenk eine andere Lebenswirklichkeit herbeigesehnt, und „Espero“ über einen poetisch suggestiven Text von Pepe Gavilondo greift schließlich das Thema Hoffnung wieder auf und entwirft auf subtile Weise eine Alternative zur verbreiteten Miesmacherei.

Mit den über weite Strecken erbarmungslos harten Klangattacken macht das Album der MCMG einen desillusionierten Eindruck, und doch verbreitet es auch leise Zuversicht. Eine Ambivalenz, die unsere heutige Situation treffend beschreibt.

Max Nyffeler

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