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Malin Bång: structures of light and spruce

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Artikelnummer: NEOS 11817 Kategorien: , ,
Veröffentlicht am: Juni 29, 2018

Infotext:

STRUKTUREN AUS LICHT UND FICHTE

Wenn ich bestimmte Themen wie die Konstruktion eines Streichinstruments oder das Geräusch vor einer U-Bahn-Haltestelle anpacke, ist mein Ziel dabei eine Verstärkung der Poesie, die in diesen Aktionen und an diesen Stellen gehemmt wird. Für meine Ohren besitzt jeder Klang, der in unserer Alltagsrealität vorkommt, eine potenzielle Musikalität, und ich gehe so vor, dass ich daraus stabile Aktionen entwickle, die von Instrumenten und akustischen Objekten ausgeführt werden. Aus diesem Übergang resultiert für mich eine sehr konzentrierte Erfahrung der Körperlichkeit und der Präsenz von jedem dieser Klänge.

Vor einigen Jahren lebte ich teilweise in Berlin und Paris und reiste regelmäßig nach New York und Tokio. Beim Komponieren in Straßencafés in der Rue de Rivoli oder der Kantstraße wurde ich von der Komplexität des städtischen Kontrapunkts überwältigt, mit seinen Schichten aus verschiedenen Geschwindigkeiten, Aktivitätsinteraktionen und Geräuschstrukturen. Ich erlebte die langsame Verwandlung der Stadt wie einen lebendigen Organismus, der seine Gestalt und Funktion neuen Generationen von Stadtbewohnern allmählich anpasst, aber gleichzeitig mit deren Vorgängern im Gespräch bleibt.
Der Kern meiner Musik hängt auch mit unser aller Fähigkeiten und Verletzlichkeiten zusammen, mit der Energie und den Konflikten, die von diesen Zuständen ausgelöst werden. Die Frage der Erderwärmung stellt diese Kontroverse sehr markant dar. Ich finde das ethische Dilemma des Klimawandels faszinierend und beängstigend zugleich. Einerseits haben wir hochentwickelte, detaillierte Forschungsmethoden entwickelt, die eine klare Botschaft vermitteln: Es gibt kein Zurück mehr, wir können die Negativspirale ökologischer Zerstörung nicht mehr aufhalten. Andererseits kapitulieren wir durch unsere menschliche Kleingeistigkeit, die uns daran hindert, die Realität dieser Tatsachen zu akzeptieren.

Wenn ich konkrete Klänge in instrumentale Aktionen verwandle, benutze ich oft spezifische Mikrofone. Flöten, Klarinetten und Geigen werden durch Lavalier-Mikrofone im Inneren des Instruments verstärkt. Bei anderen Instrumenten und Objekten werden Kontaktmikrofone an der Oberfläche aus Holz oder Metall befestigt. Durch sorgfältiges Experimentieren mit den Mitgliedern der Curious Chamber Players haben wir sehr spezifische Positionen gefunden, in denen ein bestimmtes Mikrofon die Artikulation einer sehr zarten Aktion auf detaillierteste Weise unterstreicht, oder eine Stellung, die einen dynamischen Bereich im Bass verstärkt. Die Methode der nahen Mikrofonierung hat meine Klangpalette um einige Nuancen erweitert und die Übertragung dokumentarischer Klänge auf Instrumente und Objekte erleichtert.

structures of molten light (2011)

Wann werden Alltagsklänge wie das Laufen eines Automotors, das Rollen eines Koffers oder das Kratzen von Schuhabsätzen auf dem Bürgersteig zu Musik? In structures of molten light habe ich Feldaufnahmen aus Paris und Stockholm zu Aufnahmematerial von der Morgen- und Abenddämmerung in Shinjuku, Tokio in Beziehung gesetzt. Kurze Fragmente aufgenommener »Straßensituationen« wurden im Detail analysiert und in Schichten aus Instrumentalklängen verwandelt. Auf dokumentarischer Ebene ergaben sich gelegentlich interessante und unerwartete Situationen zwischen den städtischen Aktivitäten. Mein Ziel war aber, das Material in eine halbfiktionale Welt zu verwandeln, eine »inszenierte« Version des ursprünglichen urbanen Augenblicks, wo Parameter wie Klangauslöser, Dynamik und Klangfarbe neue dramatische Bedeutungen mit zielgerichteten Interaktionen entwickelt haben.

arching (2013)

arching besteht aus einem Dialog zwischen dem Cello und den Werkzeugen, mit denen das Instrument gebaut wurde. Jede Phase des Konstruktionsprozesses hat ein einziges Ziel: den schönsten, ausgewogensten Celloklang zu produzieren. In arching wollte ich meine Aufmerksamkeit stattdessen den faszinierenden Klängen schenken, die bereits beim Bau des Instruments produziert werden. Ich besuchte den Geigenbauer Torbjörn Zethelius in Stockholm und nahm all die Klänge auf, die im Laufe eines Nachmittags in seinem Studio vorkamen. Mein Ziel war, mich auf die Werkzeuge zu konzentrieren, die in den jeweiligen Phasen des Konstruktionsprozesses verwendet werden, und das breite Spektrum an Klangfarben und musikalischen Aktionen zu erforschen, die sich aus der Interaktion des Cellos mit den Bewegungen von Sägen, Raspeln, Markierstiften und Feilen ergaben. Die Elektronik besteht aus zwei Stimmen (die meiner Komponistenkolleg*innen Clara Iannotta und Chris Swithinbank), die Fragmente zweier Texte lesen. Der eine ist ein Artikel von Zethelius, in dem er beschreibt, wie er den Resonanzraum im Cellokorpus herstellt. Der andere Text – auf Altitalienisch – entstammt einem Geigenbau-Lexikon aus dem 18. Jahrhundert und beschreibt das Wesen der Herstellung von Streichinstrumenten.

palinode (2013)

Während andere Großstädte darum kämpfen, ihre historischen Architekturstile möglichst ungestört zu lassen, ist gerade die Störung durch Veränderungen in der Stadtlandschaft das, wodurch Berlin atmet und sich in Richtung Zukunft bewegt. Ich habe als Manifestation dieses Prozesses Gegenstände aus drei Orten ausgesucht, die in letzter Zeit verschiedene Arten von Verwandlung erlebt haben.

Die Schaukel: Zwischen den neuen, wohlgeordneten Reihen von Wohnblocks im verschlafenen Vorort Rummelsburg, direkt hinter dem Denkmal für die ehemalige Strafanstalt, die im Jahre 1990 geschlossen wurde, hört man fröhliches Gelächter und aufgeregtes Kindergeschrei aus dem Herzen der Nachbarschaft – es ist der Kindergartenspielplatz mit seinen beliebten Schaukeln.

Die Vase: Im Mauerpark erblühen der Handel und die Straßenmusik während des Wochenendflohmarkts, eine vitale Rache der Vergangenheit. Die wunderschöne orangefarbene Vase steht stolz in der dreckigen Erde unter hunderten von Möbelstücken und wartet nur darauf, für einen musikalischen Zweck befreit zu werden …

Die Metallskulptur: Die Kunstinstitution Tacheles ist geschlossen. Im April 2013 strotzte die Metallwerkstatt im Garten noch vor Aktivität und Produktion. Just einen Tag bevor das Schicksal des Skulpturenparks besiegelt wird, bekomme ich vom Künstler Zeki Turan die Metallskulptur mit den faszinierenden Klangfarben.

purfling (2012)

Das englische Wort »purfling« bezeichnet die dekorativen Randeinlagen auf der Violin-decke, die dazu dienen, das Instrument vor möglichen Rissen zu schützen. Das musikalische Material für das Stück entstammt dem selben Ausflug zum Geigenbau-Studio, der zu arching führte. Ich habe den Prozess des Instrumentenbaus diskret beobachtet und alles aufgenommen, was geschah: einerseits den Lärm und die brutalen Klänge des Baumfällens, andererseits die konzentrierte Atmosphäre im Studio des Geigenbauers mit den Gräuschen von Händen, kleinen Sägen, Raspeln und Sticheln. Die Geige führt uns durch diesen Prozess in ständiger Interaktion mit ihrer eigenen Entstehung. Die fragilen Holzklänge werden durch ein Kontaktmikrofon am Frosch des Bogens sowie durch ein kleines Mikrofon im Inneren der Geige verstärkt.

jasmonate (2017)

Hinweise darauf, dass unser Planet erschöpft wird, überfluten uns aus aller Welt – die Gletscher in der Arktis schmelzen, es gibt neue sommerliche Hitzerekorde in Indien, die Kiribati-Inseln versinken langsam im Ozean, der Amazonas schwindet rasant. Wir erreichen die sechste Phase des Aussterbens, in der Tierarten 114 Mal schneller als üblich verschwinden. Mit der Erwärmung des Klimas nähern wir uns Grad um Grad dem Ende dieser Phase.

Das Pflanzenreich weiß dies bereits. »Jasmonate« sind die chemischen Warnsignale, die Pflanzen als Reaktion auf Bedrohungen ausstoßen, zum Beispiel auf schlechte Umweltbedingungen. Pflanzenexistenzen sind aber viel stärker als Menschen und, falls es zur sechsten Phase des Aussterbens kommt, würde es weniger als ein Jahrhundert dauern, um die Spuren unserer Zivilisation auszulöschen und alles mit einem üppigen Grün zu bedecken …

Das musikalische Material für jasmonate beruht auf meinem musikdokumentarischen Drama kudzu und beinhaltet Texte über das Thema, die auf einer Schreibmaschine getippt und auf einem großen Schreibblock geschrieben werden. Das Instrumentalmaterial wird durch den beeinträchtigten Zustand von Luft, Wasser und Boden beeinflusst, aber auch vom lebendigen Wachstum der Pflanzen inspiriert, das hier von den Wurzeln und Stielen von zwei der am schnellsten wachsenden Pflanzen dargestellt wird: Kopoubohne (engl. kudzu) und Bambus. Die Instrumente werden zum Schluss von zwei Sanduhren begleitet, die unsere verbleibende Zeit auf diesem Planeten beklagen.

Malin Bång
Übersetzung: Wieland Hoban

Programm:

[01] structures of molten light (2011) 08:05
alto flute, bass clarinet, percussion/radio, piano/radio, guitar, violin, cello

Curious Chamber Players

[02] arching (2013) 11:37
amplified cello and amplified tools (wooden plank, rasp, saw, file, marker), electronics

UmeDuo

[03] palinode (2013) 11:07
amplified ensemble of bass flute, bass clarinet, cello and three objects – metal sculpture, vase and swing

Curious Chamber Players

[04] purfling (2012) 11:05
amplified violin and electronics

Karin Hellqvist, violin

[05] jasmonate (2017) 17:56
amplified ensemble of piccolo flute, bass clarinet, percussion/writing pad, inside piano/typewriter, tabletop guitar, violin, cello, two hourglasses

Curious Chamber Players

total playing time: 59:50

 

World Premiere Recordings

Pressestimmen:

#6_2018

Bereits der Beginn von structures of light and spruce katapultiert die Hörerin in eine urbane Alltagssituation: Es ächzt und schnaubt aus allen Poren, knarzige Motorengeräusche dominieren die Szenerie. Was zunächst wie eine Soundscape anmutet, entpuppt sich sogleich als ein mit Musikinstrumenten gezeichnetes Tableau. Tatsächlich bilden Field Recordings aus Paris, Stockholm und Tokio das Ausgangsmaterial in structures of molten light (2011), das Malin Bång akribisch seziert und einer instrumentalklanglichen Umsetzung unterzogen hat. Entstanden ist eine „halbfiktionale Welt“ (Bång), ein kurzweiliger, ungemein spannender Schnappschuss inszenierter Wirklichkeit für Ensemble. […] Alle fünf Kompositionen, in die das mit Werkkommentaren Bångs versehene dreisprachige Booklet ausgiebig einführt, bilden ein konzentriertes wie vielfältiges musikalisches Porträt am Puls der Zeit.

Gerardo Scheige

Unter dem Titel „Klangliche Expeditionen“ schrieb Tilman Urbach in der Januar-Ausgabe 2019:

Keine Töne, sondern ein Grollen, Schnauben, Raunen – und darauf gespannte Stille! Als wären wir auf Wildschweinjagd. Dann schnatternde Klappen der Bassklarinette, ein Ziehen über die Saiten von Violine und Cello. Alles nur kurzzeitig, wie Signale. Mag man da nicht an Lachenmann denken? Die Komponistin, Malin Bång, Jahrgang 1974, kommt zwar aus Schweden. Doch gibt es einen Link zum schwäbischen Alt- und Weltmeister aller Instrumental-Geräusche: Als Lachenmann 80 wurde, schrieb sie „ripost“. Kein Zweifel: Malin Bång geht es um Klänge. Und das sicher im weitesten Sinn: „Für meine Ohren“, präzisiert die Komponistin, besitzt jeder Klang, der in unserer Alltagsrealität vorkommt, eine potentielle Musikalität. Im Gegensatz zu Lachenmann entwickelt Bång aus dem Geräusch einer U-Bahnhaltestelle Klänge, die von akustischen Instrumenten ausgeführt werden. (…) Bång komponiert deshalb durchaus in Straßencafés an der Kantstraße in Berlin oder in der Rue de Rivoli in Paris. Kann es ein überzeugenderes Beispiel eines zeitgenössischen, zeitzugewandten Tonsetzens geben, das sich radikal dem Hier und Jetzt widmet, indem es dem lebendigen Stadt-Organismus seine Musik „ablauscht“?

10 December 2018, Paco Yáñez wrote:

La compositora sueca Malin Bång (Gotemburgo, 1974) es una perfecta representante de la inquieta música escandinava de creación actual que se asoma cada año a los festivales europeos de referencia en dicho ámbito, mostrándonos perspectivas técnicas y estilísticas muy distintas de las ofrecidas por las figuras nórdicas que dominan el mainstream orquestal y operístico en las grandes salas de conciertos: compositores como Magnus Lindberg o Kaija Saariaho, cuya música, al lado de la de Malin Bång, suena hoy hasta antigua y aletargada.

Ofreciéndonos, así pues, otras formas de comprender el hecho sonoro …

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Preis der deutschen Schallplattenkritik – Bestenliste 4/2018 für „Malin Bång – structures of light and spruce“

Die Juroren der Vereinigung „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ zeichnen die NEOS-Produktion „Malin Bång – structures of light and spruce“ durch die Aufnahme in die Bestenliste 4/2018 aus.

Die schwedische Komponistin Malin Bång schafft in den fünf Stücken dieser CD eine Musik, in der Alltagsgeräusche – ein Automotor, Schritte und ein Rollkoffer, das Feilen, Raspeln und Sägen eines Geigenbauers oder das Klappern einer mechanischen Schreibmaschine – zusammen mit Instrumentalklängen eine faszinierende Symbiose eingehen. Bei der Verwandlung konkreter Klänge in instrumentale Aktionen benutzt sie spezielle Mikrophone, die im Inneren der Instrumente den Klang verstärken oder als Kontaktmikrophone an der Holz- oder Metalloberfläche befestigt werden. „Strukturen von Licht und Fichtenholz“ ist der passende Name des Albums, das Ensemble Curious Chamber Players der ideale Partner für Malin Bång. Fünf Hörstücke von zugleich animalischer und poetischer Schönheit!

(Für die Jury: Marita Emigholz)

 

November 2018

Konkrete Klangpoesie und musikalische Fiktion gehen bei Malin Bång (die kürzlich in Donaueschingen den Orchesterpreis des SWR Symphonieorchesters erhalten hat) mit ausgesprochen körperlichen Energien eine interessante Symbiose ein. Die schwedische Komponistin transformiert Alltägliches in geräuschträchtige, differenziert mikrofonierte Instrumental-Texturen, nicht zuletzt mit dem Ziel, „Wirklichkeit“ in eine „halbfiktionale“ Welt zurückzuverwandeln. Dem Ausgangsmaterial sind dabei keine Grenzen gesetzt. (…)

Dirk Wieschollek

Auszeichnungen & Erwähnungen:

Preis der deutschen Schallplattenkritik – Bestenliste 4/2018 für „Malin Bång – structures of light and spruce“

Die Juroren der Vereinigung „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ zeichnen die NEOS-Produktion „musica viva 26 – Salvatore Sciarrino: Un’immagine di Arpocrate / Giorno velato presso il Lago Nero“ durch die Aufnahme in die Bestenliste 1/2014 aus.

The jurors of the „German Record Critics‘ Award“ association have recognized the NEOS production „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ zeichnen die NEOS-Produktion „Malin Bång – structures of light and spruce“ NEOS 11817 by including it in its Quarterly Critics‘ Choice 4/2018.

Die schwedische Komponistin Malin Bång schafft in den fünf Stücken dieser CD eine Musik, in der Alltagsgeräusche – ein Automotor, Schritte und ein Rollkoffer, das Feilen, Raspeln und Sägen eines Geigenbauers oder das Klappern einer mechanischen Schreibmaschine – zusammen mit Instrumentalklängen eine faszinierende Symbiose eingehen. Bei der Verwandlung konkreter Klänge in instrumentale Aktionen benutzt sie spezielle Mikrophone, die im Inneren der Instrumente den Klang verstärken oder als Kontaktmikrophone an der Holz- oder Metalloberfläche befestigt werden. „Strukturen von Licht und Fichtenholz“ ist der passende Name des Albums, das Ensemble Curious Chamber Players der ideale Partner für Malin Bång. Fünf Hörstücke von zugleich animalischer und poetischer Schönheit!

(Für die Jury: Marita Emigholz)

 

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