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Peter Ruzicka: CLOUDS 2 – „…POSSIBLE-À-CHAQUE-INSTANT…“ String Quartet No. 7

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Artikelnummer: NEOS 11808 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: Juni 29, 2018

Infotext:

DER HORIZONT DER MÖGLICHKEIT

CLOUDS 2

Peter Ruzicka komponierte CLOUDS im Auftrag des Hessischen Rundfunks für das Rheingau-Festival 2012. Nach der Uraufführung revidierte er die Partitur und erstellte eine erweiterte Fassung als CLOUDS 2. Mit dem neu komponierten zweiten Satz erhält das Streichquartett, das gegenüber dem Orchester eine zweite Ebene in die Klangarchitektur des Werkes einzieht, eine deutlich bedeutsamere Rolle. Kurze Zeit habe er erwogen, das Stück »Der ferne Klang« zu nennen, aber dieser Titel sei durch die Oper von Franz Schreker ein für alle Mal besetzt. Ihn leitete die Vorstellung, dass sich seine Musik auf die Suche nach einem Klang begebe, den er selbst noch nie gehört habe und der noch in keinem seiner Werke so vorgekommen sei. Das Stück ereignet sich als Annäherung mit Zwischenrufen, mit Klangfiguren, die ähnlich in seinen Bühnenwerken dramatische Funktion erhielten. Sie wirken wie Wolken, die den gesuchten Klang verbergen und umhüllen, seine Konturen durchscheinen, verschwimmen oder verschwinden lassen.

Das Stück löst sich aus der Stille, leise, an den oberen Hörrändern. Das Streichquartett beginnt mit statisch-flächigen Klängen in höchster Lage. Die Orchesterstreicher werfen einen gläsernen, glockenartigen Klang ein, der sich dynamisch von Mal zu Mal steigert. Das Quartett wahrt der großen Gruppe gegenüber Selbständigkeit, bewegt sich vorübergehend sogar in unabhängigen Zeitverläufen, sodass »bisweilen der Eindruck einer ›Kommentierung‹ auf zweiter Ebene entstehen« kann (Peter Ruzicka). – Der erste Satz von CLOUDS endet in der Stille, wieder an den Hörrändern, doch nun in der Tiefe, in Tönen, die in ihrem Obertonspektrum den Klang, der vorher zu hören war, nachwirken lassen. Es ist jener »ferne Klang«, der sich nie ganz enthüllt. – In der Mitte hatten die Streicher zu einer rasend schnellen Figur und zu einem aggressiven Ausbruch des Orchesters angesetzt, in dessen »Atempausen« das Rätselgebilde durchschimmert. Doch was ist dieser »ferne Klang«?

»Klang« kann Verschiedenes bedeuten: einen einzelnen Akkord, aber auch die Atmosphäre eines ganzen Werkes. Wie Ruzicka ihn in CLOUDS versteht, offenbart sich am deutlichsten kurz vor dem apokalyptischen Orchesterausbruch in der Mitte des ersten Satzes. In den Bläsern vernimmt man, vom Schlagzeug grundiert, eine Folge von Akkorden mit ausgefransten Rändern. Sie verfließen ineinander, als kämen sie von weit her. Es handelt sich um tonale Elemente, die aus ihrer traditionellen Logik gelöst sind und die grammatische durch eine bildlich-fließende Ordnung ersetzen. Historisch klingen sie aus der Zeit herüber, als das überlieferte System »richtiger« Akkordfolgen seine bindende Kraft verlor und die Klänge – so Schönberg – ein »Triebleben« entfalteten, dem das Komponieren nachspüren müsse. Diese Zeit liegt rund hundert Jahre zurück, ihre »Klangsucht« wurde in zwei literarisch-musikalischen Werken thematisiert: in Franz Schrekers Oper Der ferne Klang, die 1912 uraufgeführt wurde, und in Thomas Manns Roman Doktor Faustus, dessen zentrales Kapitel, der Teufelspakt des Komponisten Adrian Leverkühn, der Dichter auf die Jahre 1911 oder 1912 datiert.

Der Protagonist in Schrekers Oper, ebenfalls ein Komponist, kann das Unerhörte, dem er ein Leben lang nachstrebte, erst am Ende seines Lebens enträtseln. Ruzicka nimmt auf die Künstleroper Bezug, indem er seinen »fernen Klang« nicht vollkommen entschlüsselt. Er setzt sich bei ihm an der deutlichsten Stelle aus vier Komponenten zusammen: einem d-Moll-Dreiklang, aus der Schichtung von Ganztönen und ihren Leuchtfarben, aus einem Akkord, der traditionell als vorletzter die Schlusswirkung eines Stückes trug, aber für sich genommen eine unbeständige Schönheit ausstrahlt, und dem traditionellen, aber längst vernutzten »Schreckensakkord«. Ihr Ineinanderklingen kann je nach Staffelung in Vorder- und Hintergrund emotional ganz verschieden wirken. Der »ferne Klang« ist ein komplexes Gebilde, als erste Station auf dem Weg zu ihm setzt Ruzicka das Intervall, das in die Musikgeschichte als »diabolus in musica«, als Teufel in der Musik einging, und über das sich die Hauptperson in Thomas Manns Roman vielerlei Gedanken machte.

“…POSSIBLE-À-CHAQUE-INSTANT”
Streichquartett Nr. 7

Von Paul Valéry stammt die Überlegung: »Vielleicht wäre es interessant, einmal ein Werk zu schaffen, das an jedem seiner Knotenpunkte zeigen würde, wie Verschiedenartiges sich dort dem Geiste darbieten kann, bevor er daraus eine einzige Folge wählt, die dann im Text vorliegt. Das hieße: an die Stelle der Illusion einer einzigen, das Wirkliche nachahmenden Bestimmung diejenige des ›In-jedem-Augenblick-Möglichen‹ ‹ (possible-à-chaque-instant) setzen.« Peter Ruzicka legte sie seinem 7. Streichquartett zugrunde; er schrieb dazu: »Eine solche reflexive Beobachtung setzt für mich Beethovens Streichquartett op. 131 frei, ein singuläres Werk, das beständig auf einen ›Möglichkeitshorizont‹ verweist. In meinem 7. Streichquartett vermeide ich eindeutige Kontinuitäten und spreche vielfach in Möglichkeitsform über ›Fragmente aus der Zukunft‹.« Er hatte »eine kompositorische Selbsterfahrung« im Sinn, »die nicht auf die Totalität der Komposition abzielt, sondern ihren prozesshaften Verlauf spiegelt.«

Doch was ist das, die Möglichkeitsform der Musik? Über dem ersten Takt seiner Partitur notierte Ruzicka: »Absolute äußere und innere Stille. ›Dal niente‹, als ob diese Musik immer schon da war…« – dieses Zeichen für geistige Sammlung verwendet Ruzicka seit seinen frühen Werken. An der Hörgrenze tauchen flüchtige, schattenhafte Figuren auf, um einen Ton gewunden, mit einem kleinen Ausbrecher in die Tiefe, Bruchstücke einer Musik, die »da ist«, aber nicht zusammenhängend hörbar wird. Woher kommen sie, wohin führen sie? Hört man Einwürfe gegen etwas Verborgenes oder zersprengte Passagen, die ihren Erregungszustand noch nicht offenbaren? Die erste Phase des Quartetts kann man als Betrachtungen darüber wahrnehmen, welche vorstellbaren Wege in der Konstellation der Einzelereignisse, auch in den Zonen der Stille angelegt sind. Es gibt keine eindeutige »Lösung« für das Zusammenspiel der Momente, die sich leicht verändert wiederholen, ihre Konstellation verdichten, in gerichtete oder stehende Bewegung einbiegen, meist leise bleiben, aber zwischendurch auch harte Attacken kennen.

Bis eine abstürzende Figur mit hoher Kraft in das sensible Geschehen fährt, einmal, zweimal, dann dreimal hintereinander. Mit ihr verschaffen sich zwei weitere Aspekte musikalischer Möglichkeitsform Geltung: einerseits der Bruch, das plötzliche Auftreten eines Anderen, Fremden, Unvorhergesehen (gleichwohl nicht völlig Unangekündigten). Beethoven wirkt nach: Der heftige Gegensatz zwischen Kontinuität und Diskontinuität zeichnet neben anderem sein cis-Moll-Quartett aus. Andererseits werden die Außenbeziehungen eines Werkes thematisiert. Denn die markante Figur stammt aus einem früheren Werk Ruzickas, dem 5. Streichquartett STURZ; sie erscheint hier intensiviert. Eine musikalische Idee lebt weiter, auch wenn sie bereits in ein Werk gebannt wurde, entwickelt und verwandelt sich und etabliert so eine eigene Geschichte; diese ist in jedem Auftreten als Möglichkeit enthalten. Ähnliches gilt für alle Passagen des mehr als halbstündigen Werkes, die Ruzicka u. a. mit dem Wort »lontano« (fern) charakterisiert, ruhige, gesangliche Abschnitte von eigentümlicher Schönheit, Gegenkräfte zu den erregten Bewegungen und harschen Klängen, aus denen sie zum Teil herausgeschleudert werden, Gegenkräfte auch zu den schwirrenden Passagen mit ihren tobenden Ausbrüchen, die sich in fast perkussive Akkordwiederholungen steigern. Die ruhigen Einstrahlungen öffnen einen Horizont der Möglichkeiten, gerade weil sie Erinnerungen wecken, mehr oder weniger bestimmte. Am Ende weitet sich dieser Horizont, die Wirklichkeit des Klingenden nähert sich der Stille an – mit zarten Tönen und Figuren, die nicht nur von Streichinstrumenten kommen.

Habakuk Traber

Programm:

[01] CLOUDS 2 for String Quartet and Orchestra (2013) 19:22

[02–09] “…POSSIBLE-À-CHAQUE-INSTANT” String Quartet No. 7 (2016) 41:57

total playing time 61:28

Minguet Quartett
Ulrich Isfort, 1st violin
Annette Reisinger, 2nd violin
Aroa Sorin, viola
Matthias Diener, violoncello

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Peter Ruzicka
, conductor

World Premiere Recordings

Pressestimmen:

21 January 2019, Paco Yáñez wrote:

En nuestras últimas reseñas dedicadas a la música de Peter Ruzicka (Düsseldorf, 1948) en el sello NEOS, ya habíamos comentado que la discográfica de Múnich se ha convertido en la gran referencia para acercarnos en disco compacto al prolífico catálogo del compositor alemán, cuya serie en NEOS va camino de establecer el canon interpretativo ruzickiano, algo de lo que dan buena muestra tanto sus registros orquestales como los camerísticos: el grueso de las grabaciones de Peter Ruzicka en NEOS, y géneros que confluyen en el compacto que hoy reseñamos, en el que podemos escuchar su séptimo cuarteto de cuerda „…POSSIBLE-À-CHAQUE-INSTANT“ (2016) y la partitura para cuarteto de cuerda y orquesta CLOUDS 2 (2013).

Precisamente, con CLOUDS 2 comenzamos hoy nuestra inmersión en Peter Ruzicka, un Ruzicka aquí más cercano que nunca a Toshio Hosokawa ya desde el pizzicato que abre la partitura y sus subsiguientes acordes, cuyos agudos registros recuerdan el sonido de un shō. (…)

(read the full article here)

 

01/2019 (p. 55)

Composer, conductor and administrator, Peter Ruzicka is certainly among the most versatile of present-day musicians and this latest release updates the story with regard to his music for string quartet (the initial six quartets and sundry pieces having already appeared on a to-disc set – NEOS 10822-23).

Extended from an earlier work, Clouds 2 (2013) takes ist cue from „Der ferne Klang“ – not in terms of Schreker’s opera but of that „distant Sound“, who’s imaging runs through German late Romanticism and early modernism. Quartet and orchestra interact not as a concerto grosso but rather a process of growing confrontation prior to the transfigured yet unresolved close.

(…) Superb playing of the Minguet Quartet and, in the earlier work, the Deutsches SO. (…)

Richard Whitehouse

 

Januar 2019

Unter der Rubrik „Unsere CDs des Jahres“ stellen die Rezensenten des Fono Forum ihre Favoriten vor. Dirk Wieschollek schreibt über NEOS 11808: „Spannende Mischungen kammermusikalischer und orchestraler Texturen sowie ein Non plus Ultra von Streichquartett.“

 

November 2018

Zwei aktuelle Streichquartettkompositionen von Peter Ruzicka schreiben Ungreifbarkeit und Wandelbarkeit der musikalischen Gestik auf ihre Fahnen: Prozesse und Suchvorgänge statt fester Konturen und Gestalten, was dennoch immer wieder zu Zuständen äußerster Expressivität führt. (…) Das Minguet Quartett macht das in fesselnder Manier zu einem Non-plus-Ultra von Streichquartett.

Dirk Wieschollek

 

Am 15.9.2018 schrieb Guido Fischer:

Peter Ruzicka ist ein Multitasker, wie er im Buche steht. (…) Und wenngleich er längst mit einer handwerklichen Meisterschaft seine Stücke schreibt wie etwa ein Wolfgang Rihm, ist das Floskelhafte (wie eben oftmals bei Rihm) nicht seine Sache. Für seine beiden jetzt aufgenommenen Werke für Streichquartett konnte sich Ruzicka im Grunde kein besseres Ensemble aussuchen als das Minguet Quartett. Nicht nur, weil die Musiker mit seiner Klangsprache intensiv vertraut sind. Die Herausforderungen, die gerade in dem 2016 entstandenen 7. Streichquartett auf die Musiker warten, nimmt man mit einer erstaunlichen Souveränität an. (…) Das „In jedem Augenblick-Mögliche“ (so die Übersetzung des von Paul Valéry stammenden Titels „… possible-à-chaque-instant“ des 7. Streichquartetts) spiegelt sich denn auch in den abrupten Umschwüngen wider, die von enormer Schärfe bis zur geheimnisvollen Poesie, von heftigen Klangkompressionen bis zum Herantasten an die Stille reichen. Musik, die zum Hin- und Hineinhören zwingt. Zuvor präsentiert das Minguet Quartett zusammen mit dem vom Komponisten geleiteten Deutschen Symphonie-Orchester Berlin ebenfalls als Weltersteinspielung „Clouds 2“ aus dem Jahr 2013. Auch hier dreht sich alles um die mögliche Entstehung von Musik, deren Grundsubstanz zunächst eine glimmende Klangwolke ist, aus der sich im Laufe des Stücks stelenartige Strukturen herausbilden und sich fast wie Geister bewegen. Und auch hier gilt: beeindruckend.

Lesen Sie die vollständige Rezension hier.

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