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Stefan Schulzki: Chamber Music

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Artikelnummer: NEOS 11812 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: Dezember 1, 2018

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STEFAN SCHULZKI · KAMMERMUSIK

Zu Beginn meiner Arbeit am Klavierkonzert suchte ich Tonballungen, die das Material meist mehrerer Dur-Akkorde in sich vereinen. Die Assoziation spiegelglatter Bergseen legte mir einen langsamen Satz nahe, dessen Irritationen dazu dienen sollen, trotz der Kontemplation zugleich eine gewisse Spannung aufzubauen. Der nachfolgende, schnelle Abschnitt ist ebenfalls von Dur und Dissonanzen geprägt. Es folgt ein mehrminütiges Accelerando, das in einen quasi zeitlosen Abschnitt mündet, sowie anschließend eine erneute stufenlose Zeitbiegung, diesmal in die andere Richtung – von ca. 250 zu ca. 12 Schlägen pro Minute – und zugleich vom Leisesten zum Lautesten, wo die Geschehnisse gleichsam unter einem Mikroskop ihr Maximum erreichen. Auch dort wird ein weiterer »Nullpunkt« erreicht, bevor eine kurze Coda das Anfangsmaterial in neuem Licht wiederkehren lässt.

Für das aDevantgarde-Festival-Projekt »Ein garstig Lied! Pfui!« schrieb Norbert Niemann mir extra ein Politisches Lied 2011 zur Vertonung. Im Laufe meiner Überlegungen bezüglich der Umsetzung legten sich mir die Stilmittel der Übertreibung und der ironischen Überspitzung nahe, um dadurch die Aufmerksamkeit zu schärfen. Der Vokalpart fordert oft blitzartiges Umschalten zwischen unterschiedlichsten emotionalen Haltungen. Diese schnellen Perspektivenwechsel finden sich häufig in meiner Musik und dürfen gerne als Botschaft verstanden werden: Man sollte sein eigenes Weltbild nie allzu ernst nehmen.

Eine Definition des Begriffs »Widerschein« lautet: Je heller und größer ein Körper, desto stärker leuchtet sein Widerschein auf einem sich daneben befindlichen, anderen Körper. Im übertragenen Sinne könnte man auch sagen: Je extremer ein Ereignis, desto stärker hinterlässt es seine Spuren in der emotionalen Biographie eines Menschen. Es geht also bei meinen Widerschein-Stücken immer um Situationen, die aufgrund ihrer Intensität auch im Nachhinein, und auch bei rein äußerlich nicht beteiligten Menschen, sichtbare oder spürbare Abdrücke hinterlassen.
Dem Stück Widerschein II – fragment / auskopplung — another place (entstanden im Rahmen des Musikstipendiums der Landeshauptstadt München 2009) liegt ein Ereignis zugrunde, das mit großem Übermut und großer Verzweiflung zu tun hat.

Für ein Projekt am Augsburger Leopold-Mozart-Zentrum mit Mehrfachvertonungen ermunterte mich der Komponist Markus Schmitt dazu, ebenfalls eine Goethe-Neuvertonung beizusteuern, und legte mir dabei ausgerechnet den Erlkönig nahe. Noch nie zögerte ich derartig lange, eine kompositorische Aufgabe zu übernehmen, denn es ist schlicht unmöglich, den Schubert-Klassiker zu ignorieren … Selten war es mir so schwierig, andere Lösungen zu finden, die mir nicht deutlich schlechter schienen – und auch die ein oder andere Ähnlichkeit (z. B. schnelle Klavier-Triolen oder der vokale Gestus bei »Dem Vater grauset’s«) musste ich in Kauf nehmen, denn trotz meiner Bemühungen um Unterschiede wollte ich nicht um jeden Preis nur anders sein als Schubert … letztlich musste ich ja zumindest versuchen, den Text auf möglichst unabhängige Weise zu vertonen (auch wenn dies noch so schwer war!) – und ein striktes Vermeiden jeglicher Ähnlichkeiten hätte sich dieser Intention ebenso entgegengestellt wie eine unbewusste oder sorglose Übernahme von bestehenden Schubertschen Lösungen.

Die Drei Epigramme nach Bertolt Brecht entstanden für ein Projekt beim Brechtfestival Augsburg, wo die Kriegsfibel an einem Abend komplett auf die Bühne gebracht wurde. Die 69 Fotos wurden projiziert, die zugehörigen Brechtschen Vierzeiler von der Schauspielerin Rike Schmid rezitiert oder von Chor, Solisten und Klavier dargeboten. Neben der Aufführung bestehender Kompositionen von Hanns Eisler und Paul Dessau wurden auch Augsburger Komponisten (außer mir noch Richard Heller, Michael Kamm, Wolfgang Lackerschmid und Tom Simonetti) dazu eingeladen, einzelne Epigramme zu vertonen.

Die Zeit und das Zimmer ist ein Theaterstück von Botho Strauß, das in fragmentarischen Bildern rund um die Hauptfigur Marie Steuber – so meine Interpretation – auf kunstvolle Weise und non-linear von den Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Kommunikation und von letztlich gescheiterten Beziehungen erzählt. Für seine Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin (2001 / 2002) bat mich Regisseur Jarg Pataki, für die Debussy-Besetzung Viola, Flöte und Harfe eine eigenständige Musik zu schreiben, die stilistisch meiner eigenen Musik entspricht und dabei die Sinnlichkeit von Debussy und die Präzision von Webern vereint. Er war so großzügig, mich in seiner Abwesenheit in sein Bauernhaus nahe bei Genf einzuladen. In drei Novemberwochen konnte ich dort, in der Abgeschiedenheit, Stephen Hawking und Botho Strauß lesen und die als Zwischenspiele eingesetzten Miniaturen komponieren, in denen eine Tonreihe variiert wird, die Bezug nimmt auf das berühmte Trio von Debussy.
Die meisten Tage begann ich mit einem Spaziergang und dem Hören von Musik, bevor ich bei Anbruch der Dunkelheit mit der Arbeit begann und bei Kerzenschein und Wein allabendlich je eine Miniatur anfertigte. Die vorliegende Suite bietet eine kleine Auswahl aus der so entstandenen Theatermusik. Die Musiker spielten die Stücke auswendig auf der Bühne, teilweise in völliger Dunkelheit.

Stefan Schulzki

Programm:

[01] Piano Concerto (2018) 20:26

Vincent Neeb, piano
JU[MB]LE – Jugendensemble für Neue Musik Bayern
(Charlotte Geier, flute · Myriam Navarri, oboe · Philipp Schnell, clarinet
Angelica Tombs, horn · Vincent den Besten Rodà & Alexander Schmid, percussion
Sarah Wurmer, zither · Maximiliane Norwood & Anastasia Regensperger, violins
Marc Kaufmann, viola · Aaron Gruen, cello)
Stefan Schulzki, electronics
Johannes X. Schachtner, conductor

Live recording

[02] Politisches Lied 2011 (2011) 08:32
Text by Norbert Niemann

Salome Kammer, mezzo-soprano
Alexander von Hagke, tenor saxophone
Claus-Dieter Jäkel, trombone
Johannes Öllinger, electric guitar
Stefan Schulzki, piano
Walter Bittner, percussion
Kai Wangler, accordion
Yasuka Morizono, violin
Uli Fiedler, double bass

[03] Widerschein II – fragment / auskopplung — another place (2009) 10:46

Evgeni Orkin, soprano saxophone
Stefan Schulzki, Hammond organ & electronics

[04] Erlkönig (2012) 04:45
Text by Johann Wolfgang von Goethe

Peter Schöne, baritone
Stefan Schulzki, piano

Drei Epigramme nach Bertolt Brecht (2014) 11:40
[05] I. Daß sie da waren 03:47
[06] II. Afrika 03:55
[07] III. Den kleinen Bruder 03:58

Beatrice Ottmann, soprano
Stefan Schulzki, electronics & piano

Die Zeit und das Zimmer (2001) 05:33
[08] I. Sie hätten in meine Karten gehört 01:09
[09] II. Medea ) ( Marie Steuber 00:55
[10] III. Ansgar 00:49
[11] IV. Es wäre ein großer Entschluß gewesen 01:10
[12] V. Das Zimmer 01:30

Aaron Dan, flute
Andrej Makiy, viola
Simonetta Ginelli, harp

total playing time: 61:41

Pressestimmen:

Tilman Urbach schrieb in der Ausgabe Juni 2019:

(…) Die Musik baut Spannung auf, wirkt auf einmal eruptiv auch im Beharren auf einzelnen, insistierend wiederholten Akkorden – ganz so, als sei die Nadel auf der Platte hängen geblieben. Eine Persiflage oder Collage klassischer Musik. Theatralisch überspitzt, persiflierend rockig gibt sich dagegen das „Politische Lied 2011“, das Salome Kammer mit Band wunderbar zum Besten gibt. In „Erlkönig“ pflückt Schulzki dann die klassische Liedkunst auseinander, um in den „Drei Epigrammen nach Bertolt Brecht“ Beatrice Ottmanns Sopran elektronisch zu filtern und mit Dance-Beats zu befeuern. (…)

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