Mit den „12 Sonate da chiesa“ (12 Kirchensonaten) legt Robert M. Helmschrott ein zentrales Werk seines Schaffens vor – entstanden zwischen 1984 und 1994. Der Zyklus ist weit mehr als eine Hommage an eine historische Gattung: Er ist ein künstlerisches Bekenntnis zur spirituellen Kraft der Musik und zu ihrer verbindenden Wirkung über Zeiten, Kulturen und Religionen hinweg.
Der traditionsreiche Begriff der „Sonata da chiesa“ verweist auf die barocke Kirchensonate des 17. und 18. Jahrhunderts. Helmschrott greift diese Bezeichnung bewusst auf – nicht als historistisches Zitat, sondern als Ausgangspunkt für eine schöpferische Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte. Die Satzüberschriften – von Alleluja, Psalmos, Antifona und Jubilus über Nomos, Hymnos, Elegie bis hin zu Motetus oder Aria – öffnen einen weiten Horizont: vom jüdisch-alttestamentarischen Gesang über die griechisch-römische Antike und das christliche Mittelalter bis in die Neuzeit. Der mediterrane Kulturraum bildet dabei die geistige Klammer des Zyklus.
Helmschrott versteht „religiöse Musik“ nicht konfessionell verengt, sondern als Ausdruck einer humanistischen Haltung. Jüdische, christliche und implizit auch islamische Traditionen werden in einem Geist der Nächstenliebe und des Dialogs miteinander verschränkt. Die Musik wird so zum Ort der Verständigung – getragen von Vernunft, Offenheit und dem Glauben an die verbindende Kraft der Liebe.
Formal folgen alle Sonaten dem zweiteiligen Modell langsam–schnell, das bereits die späte barocke Kirchensonate prägte. Die langsamen Sätze entfalten meditative, kontemplative Räume; die schnellen Finali reichen von tänzerischer Bewegtheit bis zu jubelnder Ekstase. Der konzertierende Dialog zwischen Orgel und wechselnden Melodieinstrumenten bestimmt den Charakter: kontrastreiche Passagen, intime Zwiegespräche, asymmetrische Konstellationen und bisweilen der spannungsvolle Monolog eines einzelnen Instruments schaffen eine vielgestaltige Dramaturgie.
Auch die Architektur des Gesamtwerks folgt einer symbolischen Ordnung. Die Zahl Zwölf – Produkt der „vollkommenen“ Zahlen Drei und Vier – durchzieht die Kulturgeschichte von Mythos und Mystik bis zur Dodekaphonie. Entsprechend gruppieren sich die Sonaten in vier Dreiergruppen, jeweils zwei Duos und ein Trio; die abschließende Sonata XII steigert die Besetzung auf sieben Instrumente und bildet den klanglichen Höhepunkt des Zyklus.
Das klangliche Fundament bildet Helmschrotts eigens entwickelter „Modus H“, eine achtstufige Skala, die an Olivier Messiaens Modi begrenzter Transponierbarkeit erinnert, jedoch eigenständig weitergedacht ist. Durch die Verbindung von Kirchentonarten, Dur-Moll-System, chromatischer Totalität und serieller Denkweise entsteht eine Tonsprache von großer Farbigkeit: dichte, dissonanzreiche Akkorde bis hin zu Clustern stehen neben leuchtend konsonanten Klangflächen. Trotz dieser Vielfalt bleibt die musikalische Sprache geschlossen und organisch – jede melodische und harmonische Bewegung ist konstruktiv aufeinander bezogen.
In der zwölften Sonate setzt Helmschrott ein bewusstes Zeichen: Er integriert Passagen aus Orlando di Lassos Motette Timor et tremor. Dieses Zitat ist kein nostalgischer Rückblick, sondern strukturell und geistig motiviert – die kleine Terz als zentrales Intervall verbindet Renaissance und Gegenwart. Aus dem existenziellen „Zittern und Zagen“ des ersten Satzes führt der Weg zu einem bekenntnishaften „Non confundar“ im strahlenden Fortissimo – ein musikalisches Zeichen von Vertrauen und Hoffnung.
Robert M. Helmschrott (*1938), vielfach ausgezeichneter Komponist, Gründer der „Erdinger Orgelwoche“ und der Münchner Konzertreihe „Musica Sacra Viva“, war Professor und Präsident der Hochschule für Musik und Theater München. Die „12 Sonate da chiesa“ sind eine Summa seines Denkens: traditionsbewusst und zugleich gegenwärtig, spirituell verwurzelt und dialogisch offen, konstruktiv durchdrungen und von expressiver Unmittelbarkeit.
Dieses Album lädt dazu ein, sakrale Musik neu zu hören – als lebendige Gegenwart einer jahrtausendealten kulturellen Erinnerung und als klingende Vision von Einheit in Vielfalt.


