Der Begriff „Encounter“ steht für Begegnung, Zusammenstoß, Berührung und das Unerwartete. Diese Bedeutungsvielfalt prägt das Programm dieser CD, das von Austausch, Widerstand und Risiko lebt. Die Werke fordern den Solisten wie das Publikum heraus, gewohnte Hör- und Spielweisen zu verlassen und sich auf Situationen einzulassen, in denen Kontrolle, Körperlichkeit und klangliche Identität neu verhandelt werden. Mehrere Kompositionen entstanden eigens für den Solisten – maßgeschneidert, aber bewusst nicht bequem.
Luciano Berios Sequenza V gehört bis heute zu den radikalsten Solostücken der Musik des 20. Jahrhunderts. Inspiriert vom Clown Grock verbindet Berio instrumentales Spiel, Stimme, Bewegung und szenische Aktion zu einer „Polyphonie der Handlungen“. Gehauchte, gedämpfte und verfremdete Klänge stehen neben dem berühmten Ausruf „Why?“, der existenziellen Frage hinter der clownesken Maske. Der Interpret wird zum Multitasker, der eine neue, fragile voix humaine auf dem Instrument erzeugt.
In Vier kurze Stücke von Eloain Lovis Hübner wird die Posaune zum Labor klanglicher Grenzerfahrungen. Geräusche, Luftklänge und extreme Spieltechniken dominieren, unterstützt von Alltagsobjekten wie Alufolie oder Kunststoffschläuchen. Der „gute Ton“ wird konsequent vermieden zugunsten eines fragilen, wandelbaren Klangsystems, das Atem, Körper und Material gleichwertig einbezieht.
Bernhard Ganders Messing 1 thematisiert das Instrument selbst: Aus den Ordnungszahlen von Kupfer und Zink leitet sich eine treibende, hämmernde Rhythmik ab, die an industrielle Herstellungsprozesse erinnert. Virtuose Tonrepetitionen, extreme Lagen und permanente Energie fordern höchste physische Präsenz.
Konstantia Gourzis The Encounter gestaltet eine unheimliche Begegnung zwischen Solist und einer fremden Klangwelt. Atemgeräusche, vokale Artikulationen und instrumentale Gesten spiegeln Staunen, Angst und Neugier, bis sich die Konfrontation allmählich auflöst.
In Gérard Griseys Solo pour deux schließlich verschmelzen Klarinette und Posaune zu einem „Hyper-Instrument“. In spektralen Überlagerungen, Glissandi und Atemklängen entsteht ein intimer Dialog im Zwischenraum zweier Körper – offen, fragil und von suggestiver Sinnlichkeit.


