Das Trautonium steht im Mittelpunkt dieser CD – ein elektronisches Instrument, das seit seiner Entstehung für Grenzgänge zwischen Technik, Klang und künstlerischer Vision steht. Peter Pichler erkundet mit dem Mixturtrautonium dessen historische Wurzeln ebenso wie sein ungebrochenes Ausdruckspotenzial in der Gegenwart.
Ein besonderes Dokument ist die erstmalige vollständige Aufnahme der Kantate für Sopran und elektronische Klänge (1969) von Harald Genzmer, einem Schüler Paul Hindemiths. Das lange als unvollständig geltende Werk konnte nach der Wiederentdeckung des autographen Notenmaterials in der Münchner Staatsbibliothek rekonstruiert werden. Die Texte, entnommen Hans Trausils Gedichtband Irische Harfe, kreisen um Totenklagen und Liebesverlust und verweisen auf die mythische Welt der Gälen und Wikinger.
Mit Das Unaufhörliche von Paul Hindemith erklingt ein Schlüsselwerk der Moderne in einer außergewöhnlichen klanglichen Gestalt. Die berühmte Sopranarie aus dem weltlichen Oratorium erscheint hier in einer Fassung, in der sämtliche Orchesterstimmen vom Mixturtrautonium übernommen werden – ein eindringlicher Kommentar zur Idee permanenter Wandlung, die dem Werk zugrunde liegt.
Auszüge aus Paul Dessaus Oper Die Verurteilung des Lukullus führen das Trautonium in ein klangliches Zwischenreich: als Stimme des „Nichts“, jenseits von Himmel und Hölle. Diese originale Instrumentierung war jahrzehntelang kaum zu hören und konnte erst nach der deutschen Wiedervereinigung wieder auf die Bühne zurückkehren.
Ein scheinbar historischer Fremdkörper ist Henry Purcells Lamento „When I am laid in Earth“ aus Dido and Aeneas. In der Bearbeitung für Sopran und Trautonium gewinnt der barocke Abschiedsgesang eine zeitlose, beinahe metaphysische Dimension.
Den Abschluss bilden Pichlers eigene Werke Die sieben Todsünden und Die sieben Tugenden (2024): 14 prägnante Charakterstücke, inspiriert von barocker Affektenlehre, Literatur und elektronischer Klangforschung. Sie zeigen das Trautonium als Instrument von heute – wandelbar, expressiv und jenseits stilistischer Kategorien.


