Gerald Eckert: Chamber Music

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Artikelnummer: NEOS 10811 Kategorie:
Veröffentlicht am: September 10, 2008

Infotext:

RAUMGREIFEND UND SCHWERELOS

So filigran und ästhetisch ausgewogen Eckerts Partituren dem Betrachter entgegenkommen, so entschieden, ja geradezu pedantisch verlangen sie den Interpreten ein äußerst differenziertes Klangspektrum ab und dynamische Abstufungen, die an die Grenzen des Machbaren gehen, die Ränder der Wahrnehmung und des technischen Vermögens markieren, jedoch verbindlich sind, extrem verbindlich sogar.

Gesten und konkreteste spieltechnische Vorstellungen sind auf diese Art und Weise formuliert, die nur darauf warten, in Klänge umgewandelt und damit zum Leben erweckt zu werden, etwa im Stück Vom Innen – Körnung für Viola solo, das von Beginn an ›atemlose‹ Skalen zwischen vier- und fünffachem Pianissimo vorsieht und den Einzelton in einer durch Obertonspektren aufgerauten, in sich bewegten und doch geradezu monochromen Klangfläche aufgehen lässt. Triller gleichen in dieser ständigen Bewegung einem nur kurz innehaltenden Vibrieren. Wie in NEN VII für Flöte, Violoncello und Tonband oder in Schächte – les nuages d’automne für Flöte, Viola und Harfe ist im Moment der Klangentfaltung schon wieder ein Ansatz von Vergehen, von permanentem Perspektivenwechsel spürbar.

Unverwechselbar an Eckerts Partituren ist die kalligraphische Fragilität der Schreibweise. Ausschließlich per Hand sind die Noten auf Papier gebannt, scheint doch die Fixierung der imaginären Klangvorstellung Teil der Werkgenese zu sein. Sobald die instrumentale Besetzung selbst nur eine intime kammermusikalische Formation vorsieht, verweigern sich die Partiturformate den gängigen Normvorgaben. Das Raumgreifende und gleichzeitig Schwerelose der diffizilen Handschrift ruft unweigerlich das visuelle Œuvre Eckerts ins Gedächtnis, seine Tuschezeichnungen oder den Fotozyklus Lichtgeschwärztes, der Lichtreflexionen an Folienoberflächen als eine Art ›negative Schatten‹ sichtbar macht, spezifische Bewegungsmomente eben, die sowohl seine Stücke wie seine Bilder durchdringen.

Für Eckert geht die musikalische wie graphische Arbeit denn auch Hand in Hand, so dass seine Bilder durchaus als Visualisierung von Musik verstanden werden können. Um etwa ein Klanggeschehen bei Werken mit Instrumenten und Elektronik konkret sichtbar zu machen, erstellt Eckert zunächst ein sogenanntes Sonogramm, das den temporären Verlauf von Frequenzen innerhalb eines Zeitabschnittes zeigen kann. Diese Art von visueller Klangdarstellung führt plastisch vor Augen, wie entscheidend der Obertonanteil für die subtile Veränderung eines Klangspektrums ist und stellt damit einen zentralen Moment in Eckerts musikalischem Schaffen dar.

Denn schon seit Jahren entsprechen die Fragilität und gleichzeitige Exaktheit solch einer Werkstruktur seinem kompositorischen Anliegen. Äußerste Differenziertheit, Subtilität und Detailreichtum im Sinne einer inneren Komplexität sind für alle seine Stücke charakteristisch. Ausgefeilte Obertonspektren verleihen seiner Musik und den Momenten – den inneren wie den äußeren – eine spezifische Klanglichkeit, die wiederum Ausdruck der immanenten Strukturen ist.

Analoges kennzeichnet seinen Fotozyklus: So schwerelos und ätherisch diese Bilder erscheinen, so sehr sind sie doch Ergebnis von genau kalkuliertem Gegenteil, Resultat von in bestimmte Lagen und Positionen gezwungenem Material (Folien), das Lichtprojektionen ausgesetzt wird und so den Anschein unmittelbarer Leichtigkeit erweckt. Diese Umwandlung von potentieller Energie in kinetische Energie – diese Transformation der inneren Kräfte – schafft in Eckerts Musik Bewegungsimpulse, die den Hörer ergreifen, unabhängig davon, ob er den Prozess technisch nachvollziehen kann oder nicht.

Meret Forster

Programm:

[01] 11:05 Studie über Nelly Sachs (2004/2008) für Sopran, Flöte, Harfe, Akkordeon, Schlagzeug, Violine und Kontrabass
[02] 07:59 Vom Innen – Körnung (2003) für Viola Solo

[03] 10:30 Nen VII (2007) für Flöte, Violoncello und Tonband
[04] 15:04 Schächte – les nuages d’automne (2002) für Flöte, Viola und Harfe

[05] 05:29 Klangräume II (1991/2000) für Piccoloflöte und Tonband
[06] 08:21 Feld 3. (2005) für Flöte und Harfe
[07] 11:51 wie Wolken um die Zeit legt (1996/1997) für Sopran, Flöte, Akkordeon und Schlagzeug
[08] 07:18 Fäden 1st Part (2006) für Flöte, Violoncello, Akkordeon und Harfe

Gesamt: 78:27

ensemble reflexion K
Sarah Maria Sun, Sopran ∙ Beatrix Wagner, Flöte ∙ Eva Ignatjeva, Harfe
Eva Zöllner, Akkordeon ∙ Guillaume Chastel, Schlagzeug ∙ Lenka Zupkova, Violine
Kirstin Maria Pientka, Viola ∙ Gerald Eckert, Violoncello/Leitung
Kirstján Sigurleifsson, Kontrabass

Pressestimmen:


06/09


09.05.2009

Die sublime Physik der Klänge
Der Komponist Gerald Eckert macht sie hörbar

Im Ton steckt etwas drin. Andere Töne, Geräusche, Rhythmen, Licht oder Dunkel, Träume, Ängste, Glücksversprechen. Man kann Töne mit anderen verbinden zu Melodien oder Akkorden, das geht schnell und ist einprägsam, man nimmt seinen Ohrwurm mit nach Hause. Aber das ist, wie über eine Wiese zu laufen und haufenweise Leben zu zertreten, differenziertes, entwickeltes, zum Teil hochorganisiertes Leben. Es braucht den Forscher, der uns dieses Leben zeigt und uns ein Gefühl dafür gibt, welchen Wert und welche Schönheit es hat.

Der Komponist Gerald Eckert ist ein so geduldiger wie unnachgiebiger Erforscher des Innenlebens der Töne. Dass man die Musik, ja selbst den Namen dieses Mannes in Berlin kaum kennt, ist im Grunde ein Skandal. Denn Eckert schreibt nicht nur die vielleicht klanglich sublimsten und differenziertesten Partituren unserer Zeit, er strukturiert den Klang auf eine Weise, die von größter intellektueller Spannung zeugt und im Ergebnis zugleich fragil und definitiv ist.

Er wurde 1960 in Nürnberg geboren und studierte zunächst Physik und Mathematik. Musik machte er auf dem E-Bass in einer Jazzrock-Formation, später setzte er die Experimente auf dem Cello fort. Die ersten Noten schrieb er erst jenseits der 20, sein Kompositionsstudium bei Walter Zimmermann und Nicolaus A. Huber begann er mit 29 Jahren. Heute lebt er in Eckernförde und verbreitet mit seinem „ensemble reflexion K“ und dem Festival „Provinzlärm“ die Neue Musik in Schleswig-Holstein. Am Donnerstag hat er in der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in der Reihe „Komponieren zur Zeit“ zwei seiner Werke vorgestellt, „des Nichts, verlorene Schatten“ für Ensemble und „Versuch über Nelly Sachs“ für Sopran und Ensemble.

In jedem Moment spürt man Eckerts naturwissenschaftliche Prägung. Vielleicht ist seine Musik ohne Weberns Poetik des Leisen, ohne Xenakis‘ mathematische Ansätze, ohne Lachenmanns klangliche Verfremdungen nicht denkbar. Aber dies alles formt Eckert vom Standpunkt einer Physik des Klangs aus um. Bis ins Detail erforscht er die Obertonspektren der Instrumente, erfindet verwegene Techniken, um sie hörbar zu machen, als Mehrklänge der Bläser, als mikrotonale Flageoletts in den Streichern, als unharmonische Schwingungen eines aufgehängten Donnerblechs: Permanent oszilliert diese Musik um die Grenze zwischen Klang und Geräusch. Hinter diesem farbigen, zugleich eigentümlich verhangenen Geschehen stehen kunstvoll verschleierte, mehrfach gebrochene Strukturen. Eckert interessiert sich für die Energie des Augenblicks und wie sie sich verwandelt, wie ihre Farben umschlagen, wie sie sich im Raum bewegen.

Wie wenig ist damit gesagt! Was seine Musik will, das lässt sich weniger in Worte als in Bilder umwandeln, die Eckert seit 1989 auch in verschiedensten Techniken, von Tusche bis Fotografie, verfertigt. Es sind Bilder, auf denen eine Bewegung stattgefunden hat, die die Zeit in sich aufgenommen haben – etwa in den abstrakten Fotografien als Belichtungszeit. Der alte Traum der Avantgarde, aus der Überlast der Kultur und aus den Trübungen der immer schon anwesenden Diskurse ins Freie zu gelangen, hat sich in Eckerts Musik in einer seiner schönsten Formen verwirklicht.

Peter Uehling

 


06.11.2008

Klangräume der Kammermusik
Eckert, Gerald: Kammermusik

Gerald Eckert (Jahrgang 1960) ist nicht nur Musiker. Damit allein wäre er kaum imstande, so zu komponieren, wie er es tut. Denn rund um die Musik, die von fein ziselierten bis zu dichten, intensiven Klängen reicht, gruppierte er schon früh seine Interessen für die Physik und die Mathematik, für Malerei, Architektur und Literatur.

Letzteres Gebiet fand in der „Studie über Nelly Sachs“ (2004/08) seine Ausprägung, die neben den Kompositionen für Instrumente und Tonband („Nen VII“, „Klangräume II“) auf der CD den stärksten Eindruck hinterlässt.
 


19.10.2008

Des Guten zuviel?

Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 

Demjenigen, der sich näher mit der Musik Gerald Eckerts befassen möchte, bietet das Labels NEOS mit einer neuen, klangtechnisch hervorragenden Veröffentlichung ausgiebige Gelegenheit dazu. Nach entsprechenden, in den vergangenen Jahren bei col legno (2004) und edition zeitklang (2006) erschienen Produktionen ist dies nun immerhin schon die dritte Porträt-CD, die sich dem Schaffen des 1960 in Nürnberg geborenen und heute im Ostseebad Eckernförde ansässigen Komponisten und Cellisten widmet. Dass diesmal zugunsten von Kammermusik auf Ensemble- oder Orchesterwerke verzichtet wird, trägt zwar zu einer größeren Einheitlichkeit bei, lässt die Scheibe in ihrer Gesamtwirkung jedoch auch hinter die früheren Produktionen zurückfallen. Denn insgesamt leidet die Platte ein wenig unter der mit der Werkauswahl verbundenen musikalischen wie klanglichen Beschränkung. Verstärkt wird dies durch Eckerts sicherlich nicht klischeehaft intendierten, aber dennoch manchmal eine Spur zu aufdringlichen Umgang mit den inzwischen im zeitgenössischen Musikschaffen allgegenwärtigen Topoi der Neuen Musik.
Zu ihnen gehört etwa das Spiel an den Rändern von Hörschwelle und dynamischer Realisierbarkeit, das glücklicherweise gelegentlich durch lautere Passagen durchbrochen wird, aber auch das Auftauchen charakteristischer Figurationen und Klang- oder Geräuschfarben bei Verwendung bestimmter Instrumente oder Instrumentalkombinationen, das gelegentlich schon zur Formelhaftigkeit tendiert. Dass gerade der auch in technischer Hinsicht von Sopranistin Sarah Maria Sun nicht ganz überzeugend realisierte Stimmpart in der ‚Studie über Nelly Sachs’ für Sopran, Flöte, Harfe, Akkordeon, Schlagzeug Violine und Kontrabass (2004/08) aufgrund der wenig originell wirkenden kompositorischen Behandlung hiervon betroffen ist, erscheint umso bedauerlicher, als dieses Stück auf instrumentaler Ebene am ehesten die großartigen Fähigkeiten des Komponisten im Umgang mit Klangfarbenübergängen verdeutlicht: Wie Eckert nämlich die Farben von gestrichenen Schlaginstrumenten oder Akkordeon (subtil realisiert von Perkussionist Guillaume Chastel und Akkordeonistin Eva Zöllner) unmerklich ineinander übergehen lässt, ist in höchstem Maße faszinierend und beweist zur Genüge, wie intensiv er sich mit dem Klang und den Bedingungen seiner Entstehung auseinandersetzt.
Darüber hinaus tauchen jedoch auch andere Klangsituationen, immer wieder auf: Die Art etwa, wie in ‚Fäden’ für Flöte, Violoncello, Akkordeon und Harfe (2006) Akzentattacken der Flöte von den durch Eva Ignatjeva beigesteuerten Harfeneinsätzen unterstützt werden, wiederholt sich in Stücken wie ‚Feld 3.’ für Flöte und Harfe (2005), ebenso das in seiner spezifischen Wirkung häufiger eingesetzte Überblasen von Flötentönen oder die Art der Entwicklung von langen Tondauern. Als Hörer bekommt man dadurch schon mal den Eindruck, hier werde mit einem begrenzten Repertoire an Ausdrucksmomenten gearbeitet, das gelegentlich formelartig wieder aufgegriffen wird. Da mag es noch so sehr zutreffen, dass – wie Meret Forster in ihrem kurzen, aber doch viel zu wenig aussagekräftigen Booklet-Essay schreibt – ‚äußerste Differenziertheit, Subtilität und Detailreichtum im Sinne einer inneren Komplexität’ für alle Stücke Eckerts charakteristisch sind: Dem Zuhörer teilt sich dies aufgrund ähnlicher Klangfarbenverläufe manchmal nur bedingt mit, zumal das gewisse Etwas, das bei der Wahrnehmung von Eckerts Kompositionen in Live-Situationen als kommunikatives Element wahrnehmbar ist und ihr eine besondere Spannung verleihen kann, hier – so gerade in ‚wie Wolken um die Zeiten legt’ für Sopran, Flöte, Akkordeon und Schlagzeug (1996/97) – fehlt.
Hinzu kommt, dass die Musik aufgrund ihrer Eigenheiten die Mitglieder aus dem vom Komponisten geleiteten ‚Ensemble Reflexion K’ auf ein enges Repertoire an Techniken beschränkt und ihnen daher nur wenig Spielraum zur tatsächlichen Entfaltung ihrer Fähigkeiten bietet. Während so Geigerin Lenka Župková und Kontrabassist Kristján Sigurleifsson mit ihrem Spiel notgedrungen im Hintergrund bleiben, zeigt sich gerade in solistischen Stücken wie dem von Kristin Maria Pientka packend dargebotenen ‚Vom Innen – Körnung’ für Viola solo (2003) oder der von Beatrix Wagner virtuos ausgeloteten Komposition ‚Klangräume II’ für Piccolo und Tonband (1991/2000), welch großes interpretatorisches Potenzial hier verborgen ist. Den Interpreten zuliebe und angesichts des Umstands, dass die Konfrontation mit dem Schaffen anderer Zeitgenossen als Gegenentwurf zu Eckerts Werken durchaus positiv gewesen wäre, hätte ich mir (wie auf der ersten, 2003 bei Ambitus erschienen Ensemble-CD realisiert) für das Ensemble, das sich laut eigenem Verständnis ‚konzentriert, konsequent, kritisch und konzeptionell mit dem Schaffen unterschiedlichster Komponistinnen und Komponisten aus dem In- und Ausland auseinander’ setzt, ein abwechslungsreicheres Programm gewünscht. Optionen hierzu hätte es genug gegeben, stößt man doch in den Konzertprogrammen des laufenden Jahres auf so viel versprechende Namen wie Nicolaus A. Huber oder Gordon Kampe. Die CD-Produktion zumindest hätte dadurch sowie durch das Weglassen des einen oder anderen Eckertschen Werkes wesentlich bereichert werden können.

Dr. Stefan Drees

 


17.09.2008

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