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Hermann Keller: Solo, Duo and Trio Improvisations

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Artikelnummer: NEOS 11313 Kategorien: , ,
Veröffentlicht am: Oktober 18, 2013

Infotext:

SOLO-, DUO- UND TRIO-IMPROVISATIONEN

Im Jahr 1962, also noch während meiner Schulzeit, habe ich zum ersten Mal öffentlich improvisiert. Seit dieser Zeit gehört Improvisation zu meinem Leben. Besprechen will ich die hier vorliegenden Aufnahmen in der Reihenfolge ihrer Entstehung, während sie auf der CD nach musikalischen Gesichtspunkten aneinandergefügt sind.

Die älteste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1976. Manfred Schulze, obwohl mehrfach als bester europäischer Bariton-Saxophonist gewählt, ist außerhalb der DDR leider nicht sehr bekannt geworden. Ich habe mit ihm musiziert, bis seine schwere Krankheit das Spielen unmöglich machte (endgültig 1991), und ich habe ungeheuer viel von ihm gelernt. Ganz besonders bestand er darauf, weder amerikanischen Jazz noch westeuropäische Avantgarde gläubig nachzuspielen, sondern die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen. Die Privataufnahme, nachträglich Anrufung genannt, diente zur Vorbereitung auf die erweiterte Besetzung unseres Berliner Improvisations-Quartetts.

Berührung 1 von 1993 (ein Mitschnitt vom Südwestrundfunk) entstand in der frühen Zeit mit Antje Messerschmidt, die auch auf meinen beiden anderen bei NEOS erschienenen CDs zu hören ist und viele Jahre lang meine Lebensgefährtin war. Neben Violine und Klavier suchten wir immer neue Instrumente zum Improvisieren. Hier spielt Antje Schwirrholz, wir beide Nasenflöten. Ich singe, habe den Flügel präpariert und zupfe auch seine Saiten.

Der Titel Solo für Klaxylovier und kochende Planeten bezieht sich darauf, dass der Schweizer Bildhauer Martin Spühler auch Klangobjekte gebaut hat, unter anderem die beiden an Klavier-Tastaturen spielbaren, die ich verwende. »Kla-xylo-vier«, weil statt der Saiten Holzteile angeschlagen werden. »Kochende Planeten« ist ein Phantasie-Name: In einem völlig »entkernten« Flügel sind Metallteile eingelassen, die ebenfalls statt der Saiten, aber auch direkt mit Filz- oder Holzschlägeln angeschlagen werden können. Ich stellte mir die Aufgabe, über weite Strecken an beiden Instrumenten gleichzeitig zu spielen. Diese Aufnahme entstand 2001 während der jährlich stattfindenden Klangwerkstatt Mannheim (Leitung: Hans-Karsten Raecke).

Das gilt auch für das 2007 gespielte Stück Ex tempore 4. Weil das Motto »Thema und Variationen« lautete, griff ich auf mein altes Improvisationsmodell (aufgeschriebenes Thema, Variationen nach allgemeinen Anweisungen) zurück, das sich für verschiedene Besetzungen gestalten lässt. Die Solo-Fassung rechnet mit einem unpräparierten Flügel, der aber auch im Inneren genutzt werden kann. In diesem Fall werden die Saiten gezupft, mit aufgelegtem Filz abgedämpft, in der Tiefe mit einer Holzblocktrommel angestrichen sowie mit Schlägeln bespielt. Fast immer beim Improvisieren geht es mir um etwas, das im Jazzdance Isolationstraining genannt wird: Verschiedene Körperteile arbeiten relativ unabhängig voneinander und gestalten musikalisch die »Seelen in meiner Brust«, verbunden auch mit der Erinnerung an wichtige Menschen in meinem Leben.

Dietrich Petzold ist über seine Arbeit als Tonmeister hinaus ein äußerst vielseitiger Musiker und spielte im Jahr 2008 mit Antje und mir einige Stücke ein, wobei mein voll präparierter Spezialflügel zum Einsatz kam. Diese Präparation, unter anderem mit Auftreffen von Schrauben auf dem Resonanzboden, könnte man natürlich keinem anderen Instrument zumuten. Molto secco (sehr kurz) klingen die meisten seiner Töne, und die Streicher werden zu »Zupfern«.

Den Spezialflügel verwende ich ebenfalls in Hab zwei Flügel und kann nicht fliegen, der andere ist ein unpräparierter, aber auch im Inneren genutzter Konzertflügel. Es handelt sich um den Ausschnitt aus einer Amateuraufnahme vom Modern Piano Solo Festival Berlin 2010. Die Aufspaltung in unterschiedliche Klangebenen (und damit in verschiedene, aber auch sehr gegensätzliche individuelle Bestrebungen) ist hier sicher am weitesten getrieben. Unter anderem werden viele weiße oder schwarze Tasten zugleich mit Clusterstäben (mit Stoff umwickelte Rundhölzer) niedergedrückt. Stellenweise ermöglicht das Spiel an beiden Flügeln etwas, das dem Dialog eines Melodie- und Harmonie-Instrumentes mit einem Schlagzeug ähnelt.

Die Kleine Ballade haben Jürgen Kupke und ich erst 2011 aufgenommen. Wir haben aber schon seit 1981 eine sehr enge musikalische Beziehung. Neben gemeinsamen Auftritten in Jazzkonzerten (u. a. im Duo und mit dem nach mir benannten Quartett) hob er auch Kompositionen von mir aus der Taufe.

33 Jahre später entstand 2012 zu unser beider Überraschung bei einem Treffen anlässlich des 60. Geburtstages von Uwe Kropinski im Mediencampus Leipzig. Seit seiner Studienzeit, in der ich ein knappes Jahr mit ihm arbeitete, hatten wir nicht mehr zusammen gespielt. Wir verstanden uns auf Anhieb, als hätten die 33 Jahre nicht dazwischen gelegen.

Nach meiner Überzeugung erfüllt die Improvisation ihren Sinn am besten durch direkte ungefilterte Kommunikation. Konzerthörer können dann Zaungäste eines solchen Vorgangs sein. Ich habe aber, wenn es mir möglich war, das Publikum ins Musizieren einbezogen und erstaunliche Erlebnisse dabei gehabt. Selbst meine Solostücke (auch die meisten komponierten) simulieren, wie gesagt, die Begegnung mehrerer Individuen. »Nicht ein Mensch, sondern zwei Menschen, das ist die kleinste gesellschaftliche Einheit«, heißt es bei Bertolt Brecht.

Leider findet die Improvisation heutzutage fast nur noch als Probe mit folgendem Auftritt oder folgender CD-Einspielung statt. Wünschenswert fände ich etwas ganz anderes: dass Musiker, wenn sie einander begegnen, sich erst einmal länger improvisierend kennenlernen oder die Bekanntschaft auffrischen. Bedauerlicherweise haben die menschlichen Tätigkeiten viel von ihrem Rhythmus, hat die Sprache viel von ihrem Melos verloren. Wäre die Musik doch wieder ein Strom, der unter der Oberfläche des täglichen Lebens beständig fließt! Es machte mich glücklich, könnte ich ein wenig dazu beitragen.

Hermann Keller

Programm:

[01] Ex tempore 4 Theme and Variations (2007) 14:15
Hermann Keller, piano solo

[02] Solo für Klaxylovier und kochende Planeten (2001) 10:24
Hermann Keller, piaxylno solo

[03] Berührung 1 (1993) 11:00
Antje Messerschmidt, violin/bull-roarer/nose flute
Hermann Keller, piano/nose flute/voice

[04] Anrufung (1976) 07:56
Hermann Keller, piano
Manfred Schulze, baritone saxophone

[05] Hab zwei Flügel und kann nicht fliegen (2010) 13:08
Hermann Keller, piano

[06] Kleine Ballade (2011) 04:34
Jürgen Kupke, clarinet
Hermann Keller, piano

[07] molto secco (2008) 08:05
Antje Messerschmidt, violin/viola
Dietrich Petzold, viola
Hermann Keller, piano

[08] 33 Jahre später (2012) 05:45
Uwe Kropinski, guitar
Hermann Keller, piano

total time 75:07

Pressestimmen:

02/2014

Hermann Keller hat als Solist und in diversen Formationen ein gutes Stück Geschichte der freien Musik in der DDR mitgeschrieben. Diese CD ist so etwas wie eine Werkschau des Pianisten. […] Nach Kellers Überzeugun erfüllt die Improvisation ihren Zweck am besten durch ungefilterte Kommunikation. Konzert- oder CD-Hörer können bestenfalls Zaungäste eines solchen Vorgangs sein. Wer ihn kennt, weiß, dass Interaktion mit dem Publikum seine Sache nur selten ist. Wer es dazu kommt, resultieren daraus für ihn “erstaunliche Erlebnisse”. Einige Stücke lassen diese Möglichkeit nur erahnen. […] Zwischenmenschliche Wärme wird fühl- und greifbar, wenn er mit Antje Messerschmidt spielt, seiner Lebensgefährtin – wohltuende Emotionen in einer eher kühlen, aber trotzdem immer wieder spannenden Klangwelt.

Rainer Bratfisch

11.11.2013

Hermann Keller, geboren 1945 in Zeitz (Sachsen-Anhalt), ist ein Wanderer zwischen den Musikwelten. Einerseits gehört er zu den bekanntesten Improvisationsmusikern aus der ehemaligen DDR, andererseits ist er ein klassisch akademisch ausgebildeter Komponist und Klavierspieler. Diese zwei Welten zu vereinen ist keine einfach Aufgabe. Man könnte dabei von kompositorisch strukturierten Improvisationen sprechen.

Bei NEOS Music ist nun eine neue CD mit dem Titel Solo, Duo and Trio Improvisations erschienen, die Aufnahmen aus einem Zeitraum zwischen 1976 bis 2012 vereint. Dabei gibt es ein farbiges Kaleidoskop faszinierender Klänge zu entdecken, die sicherlich nicht für jeden Hörer geeignet sind. Hier muss man schon eine gewisse Neugierde besitzen und viel Zeit aufbringen, um in den Klangkosmos der entstandenen Musik einzutauchen. Doch es lohnt sich, sich intensiv mit den Stücken zu beschäftigen. Die Fülle der gebotenen Stücke ist enorm und sehr abwechslungsreich gestaltet. Neben Soloimprovisationen am Klavier (“Ex tempore 4”, “Hab zwei Flügel und kann nicht fliegen”) oder am Klaxylovier – ein Instrument des Schweizer Bildhauers Martin Spühler welches Klavier und Xylophon kombiniert – (“Solo für Klaxylovier und kochende Planeten”) sind vor allem die Duo- und Trio-Improvisationen sehr spannend, denn hier müssen sich mehrere Musiker miteinander verständigen. Dies kann nur dann gut funktionieren, wenn die Musiker auf allerhöchstem Niveau beteiligt sind, wie dies hier der Fall ist. Dabei ist es unerheblich, mit welchen Instrumenten musiziert wird. Die Interaktion untereinander entscheidet über Erfolg oder Misserfolg einer Improvisation. Faszinierend wie traumwandlerisch sich zu Beispiel Antje Messerschmidt und Hermann Keller in dem Stück “Berührung 1” ergänzen und fast schon gegenseitig voran treiben. Oder wie der großartige Gitarrist Uwe Kropinski, der nach 33 Jahren wieder mit Hermann Keller zusammentraf und bestens mit ihm harmoniert. “33 Jahre später” für mich der Höhepunkt und geniale Schlusspunkt der CD.

Massentauglich ist Solo, Duo and Trio Improvisations sicherlich nicht. Wer sich aber darauf einlässt wird mit einer faszinierenden Klangästhetik belohnt, die irgendwo zwischen Jazz, Avantgarde und Neuer Musik einzuordnen ist. Sehr empfehlenswert!

Ingo Andruschkewitsch

www.musikansich.de

 

16.02.2014

www.deutschlandfunk.de

Von solistischer Klaviermusik bis Kammermusik

[…] Eine sehr individuelle Musiksprache, die sich ebenfalls einer musikästhetisch verbindlichen Zuordnung weitgehend verweigert, aber eigentlich auf die Qualität des unmittelbaren Erlebens setzt, auch weil der improvisatorische Konzertcharakter auf dieser CD über eine gute Stunde lang dominant bleibt.

Die hier vorgestellten Werke bieten ein äußerst anspruchsvolles Hörabenteuer, das sich allerdings nicht gerade en passant zu hören empfiehlt.

Hermann Keller, über dem das selbst geprägte künstlerische Selbstverständnis “Harmonie ist das Ausschreiten der Grenzen” schwebt, bewegt sich mit seinen Arbeiten bevorzugt zwischen Komposition und Improvisation, die nach Aussagen Kellers “ihren Sinn am besten durch ungefilterte Kommunikation erfüllen”.

Berührung 1: […] Beim Hören der vorliegenden Einspielung wird deutlich, dass Kellers Musik weitgehend auf die Kraft des Performativen im musikalischen Geschehen setzt. Im Vordergrund steht das Aufbrechen, sobald sich ein musikalisches Element zu etablieren droht und so bleiben vielfach Momente klanglicher Exzesse und sprunghafter Kontraste.

Doch bei allen improvisatorischen Techniken lassen sich auch subtil konstruierte Klänge erleben, wie beispielsweise in “molto secco”. Immer wieder werden repetitive Momente unterbrochen, variiert oder verschoben. Hermann Keller ist auch Pianist und hat eine Vorliebe für präpariertes Klavier entwickelt, das vor allem seinen, aus Improvisation lebenden Klangkosmos bereichert.

molto secco:  Als jüngstes Stück auf dieser CD ist das Werk “33 Jahre später” für Gitarre und Klavier zu erleben. Der Titel spielt darauf an, wie der Gitarrist Uwe Kropinski erstmals nach 33 Jahren Trennung wieder auf Hermann Keller trifft und unmittelbar ein blindes und geistreiches Musizieren zwischen beiden Künstlern wiederbelebt wird.

Yvonne Petitpierre

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