Das Komponieren von Jakub Rataj bewegt sich im Spannungsfeld von Innen und Außen, Wahrnehmung und Wirklichkeit. Seine Musik erkundet die fragilen Zwischenräume von Körper und Seele, von Erlebniszeit und messbarer Zeit, von Intuition und Struktur. Sie versteht sich nicht als lineares Fortschreiten, sondern als Wanderschaft durch ein offenes, heterogenes Klangfeld, in dem Gewissheiten immer wieder in Frage gestellt werden.
Struktur besitzt in Ratajs Werk keine hierarchische Dominanz. Sie entsteht aus dem intuitiven Prozess des Komponierens selbst und bleibt bewusst fragil. Ausgangspunkt ist häufig ein pulsierendes Moment – eine Art Wahrnehmungspuls –, der sich jedoch rasch auflöst und von einer komplexen Mischung innerer und äußerer Eindrücke überlagert wird. Bewegung begreift Rataj nicht traditionell polyphon, sondern als vielschichtigen Prozess aus Atem, Puls, Metrum und deren Differenzräumen. Auch das Innehalten ist dabei Bewegung: ein Moment des Wandels, nicht des Stillstands.
Im Klavierquintett H (2017) manifestiert sich dieser Ansatz besonders deutlich. Ein anfänglich dumpf-perkussiver Puls in tiefer Lage bildet den Ausgangspunkt für ein zweischichtiges Geschehen, das homophone Statik und sich verselbständigende polyphone Prozesse gegeneinander ausspielt. Die Harmonik speist sich aus eng geführten Viertelton-Clustern, aus denen sich melodische Linien von hoher emotionaler Intensität entwickeln. Mikroharmonische Äquidistanz, Glissandi, Clusterflächen und geräuschhafte Texturen formen Resonanzräume von großer klanglicher Feinheit.
Diese kompositorischen Strategien finden sich weiterentwickelt in den Streichquartetten Second Breath und Kratzer, dessen mikroformale Struktur scheinbar asymmetrisch wirkt, jedoch einer verborgenen Symmetrie folgt. Flageoletts, Mikroglissandi und spektrale Texturen beleuchten die Zartheit der Zwischenräume nahezu mikroskopisch. Landschaftliche Eindrücke – etwa das Meer oder winterliche Kälte – dienen dabei als poetische Klangquellen und verbinden Ratajs Musik mit der Tradition seiner böhmischen Herkunft, von Janáček bis Dvořák.
In Stria für Violoncello solo (2023/24) überführt Rataj dieses Material in eine solistische, spieltheoretisch experimentelle Dimension. So erweist sich sein Werk als konsequente Erforschung des Differenzraums – sensibel, hochindividuell und von großer klanglicher Suggestion.


