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Jörg Widmann: Piano Works

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Artikelnummer: NEOS 10909 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: April 30, 2013

Infotext:

KLAVIERWERKE VON JÖRG WIDMANN
Das Gespräch mit Jörg Widmann führte Markus Fein

Lassen Sie uns das Gespräch mit der ältesten Klavierkomposition auf dieser CD eröffnen, den »Fleurs du mal« aus dem Jahr 1996/97. Kein vorsichtiges Herantasten an die traditionsreiche Gattung der Klaviermusik. Sie gehen, so scheint es mir, gleich aufs Ganze und suchen den musikalischen Grenzgang – das Klavier wird in riskante Grenzbereiche geführt.

Die Fleurs du mal sind sicherlich eine Art Endspiel und leben von der pianistischen Entfesselung. Das Ohr muss in dem Stück sehr schnell sein, denn der Gestus wechselt oftmals abrupt: kurz aufflackernde, punktuelle Musik hier – dort die perlende Oberfläche. Diese klangliche Ideenvielfalt wird allerdings durch eine strenge Form gebändigt.

Im Untertitel bezeichnen Sie die »Fleurs du mal« als »Klaviersonate nach Baudelaire« …

… eben weil mich ein Spannungsfeld fasziniert hat: Baudelaire, dieser Meister der Delirien und des Visionären, gießt seine Texte vom Bösen in eine exemplarisch klassische Form: die Sonettform. Genau diese Polarität findet eine Entsprechung in meiner Komposition. Mich hat damals natürlich auch die ästhetische Grundausrichtung der Fleurs du mal von Baudelaire interessiert: das Schöne im Bösen. Ich musste diese Gedichte immer und immer wieder lesen – sicherlich auch, weil ich mich in diesen Texten wieder gefunden habe. Es war dann eine enorme Herausforderung, diese giftigen grünen Dämpfe der Literatur in den Klavierklang zu übersetzen. Das Klavier erschien mir anfangs viel zu konkret für dieses schwebend Ungenaue.

Beziehen Sie sich in Ihren »Fleurs du mal« auf einzelne Baudelaire-Gedichte?

An einer wichtigen Stelle zitiere ich die erste Verszeile aus dem Gedicht Albatros. Der Text ist in die Noten hineingeschrieben, vom Pianisten aber nur stumm zu lesen: »Souvent pour s’amuser«. Der musikalische Rhythmus ist hier direkt von der Baudelaire-Stelle abgeleitet, aber das ist in dem Stück die Ausnahme. Ansonsten spüre ich eher allgemein dem besonderen Sprachklang der Baudelaire-Gedichte nach. Im Gedicht Albatros ist von der Bösartigkeit der Matrosen die Rede, die sich – zu ihrem eigenen Amüsement – Albatrosse fangen und diese quälen. Letztlich ist das Gedicht aber eine Metapher des Künstlerdaseins, denn Baudelaire vergleicht den Albatros mit dem Poeten. Meine Fleurs du mal erzählen davon: Da fliegt jemand. Aber nicht mehr lange.

Das bringt mich zu den »Elf Humoresken« aus dem Jahr 2007, denn auch hier beschreiben Sie einen Absturz. Der letzte Satz, »Mit Humor und Feinsinn«, beginnt zart-poetisch, mit fernen Klängen, die man wie hinter Milchglas hört. Über der Musik liegt ein melancholischer Schleier – bis dieser weggerissen wird und die Musik in einen jähen Abgrund stürzt.

Ja, in diesem Stück geht etwas kaputt – eine zerstörte Spieluhr, ein krankes Glockenspiel. Der Absturz bahnt sich jedoch schon früh in diesem Satz an: Eine Note bleibt hängen, die Musik läuft ins Leere, die Musik verschwimmt … Für mich erscheint es zwangsläufig, dass die Musik in einer Art Katastrophe endet.

Erzählen Sie bitte von den anderen Sätzen!

Es sind Charaktersätze, ganz im Sinne der Charakterstücke von Robert Schumann, auf den die Elf Humoresken unmissverständlich verweisen. In den Humoresken spüre ich den Schumannschen Gesten auf meine mir eigene Weise nach: im dritten Satz, »Anfangs lebhaft«, dem fiebrig-nervösen Schumann-Ton, der im Verlauf jedoch regelrecht ausgebremst wird. »Lied im Traume« reflektiert die Schumannschen Geistervariationen – so kurz wie es ist, ein hoch riskantes Stück Musik. Gegen das originale Es-Dur ist ein hohes A schroff gesetzt. Schumann hörte in seinen letzten Lebensjahren einen Tinnitus-Ton auf A. Er muss ihn fürchterlich gequält haben – bei einem Stück in Es-Dur! Diese Stelle ist aber das einzige richtige Zitat, das mir bewusst ist. Mir ging es nicht um eine vordergründige Schumann-Hommage.

Ich habe ohnehin den Eindruck, dass Sie hier eine Musik geschaffen haben, die unter der Maskerade einer »Humoreske«, vielleicht auch unter dem Deckmantel Schumanns, sehr ernste und sehr persönliche Themen berührt.

Ich würde mich freuen, wenn Sie die Musik so wahrnehmen. Sehen Sie: Auch bei Schumann gibt es Zitate oder direkte Bezüge. Da kann jeder sagen: Ah, hier ist das Zitat! Schön und gut, aber warum zitiert denn Schumann diese Stelle? Und dramaturgisch wo? Was hat er damit gemeint? Wie waren seine persönlichen Umstände? Mich interessiert diese zweite Ebene.

Machen wir einen Sprung zurück ins Jahr 2001, zum gerade mal etwa 90 Sekunden langen »Fragment in C« …

… das meinem ehemaligen Kompositionslehrer Wilfried Hiller zum 60. Geburtstag gewidmet ist. Was kann ich mit dem Ton C, mit einem C-Dur-Akkord machen? Ich habe bei Wilfried Hiller genau über solche Fragen nachgedacht. Bei ihm lernte ich, Töne wegzulassen. Das Fragment in C ist davon inspiriert. Eigentlich ist es ein Oberton-Stück über den Ton C, mit einigen sehr seltsamen Akkorden zu C-Dur. Mir gefällt an dem Stück das Offene, das Fremdartige – all das erwächst aus einem einfachen Klang in C.

Das Stück wird durch einen wuchtigen Schlag auf den Klavierkorpus eröffnet, der in einem Echoraum nachklingt. Dieses Prinzip wird in der »Toccata«, die Sie ein Jahr später komponierten, wichtig.

Ganz genau. Anschlagen – Nachklingen. Beide Ebenen sind in vielen Varianten auskomponiert. Dem Hörer drängen sich natürlich die drastischen Anschlagsformen auf, das »toccare« des Pianisten: die schnellen Repetitionen, das Anreißen der Akkorde, erst recht das Schlagen des Klavierdeckels. Ich würde mir aber wünschen, dass man auch in die Nachklänge hineinhört.

Das Stück ist als Auftragskomposition des Internationalen Musikwettbewerbs der ARD entstanden.

Es löste bei der Uraufführung eine harsche Reaktion beim Publikum aus. Ich erinnere mich, wie die Preisträgerin Irene Russo auf die Bühne ging, als wollte sie zur Exekution schreiten. Da saß eine hungrige Löwin am Klavier und schleuderte, ja peitschte den Klang aus dem Klavier heraus. Es herrschte eine ungemein explosive Atmosphäre im Münchner Herkulessaal.

Die »Lichtstudie III« ist nur wenig später komponiert, und atmet doch eine völlig andere Luft. Ein introvertiertes, beklemmendes Stück in meinen Ohren.

Ich suchte damals nach einem anderen Ausdrucksideal, und es ist kein Zufall, dass ich mich von der Bildenden Kunst, den Raum- und Licht-Installationen von James Turrell, inspirieren ließ. Die Lichtstudie ist auf der Suche nach dieser anderen Ästhetik ein extremes Stück. Es ist ein Spiel der reinen Form, eine Studie über Licht- und Schatteneffekte, auch über Akkorde, die nach einem Filterprinzip Ton für Ton subtrahiert werden. Man wünscht sich nach einer gewissen Zeit nichts sehnlicher als einen Befreiungsschlag oder einen Kontrast. Aber das Stück beharrt auf einer einzigen Idee und bleibt statisch. Daher rührt die abgewandte Atmosphäre. Die Lichtstudie führt in beklemmende Räume – und ermöglicht zugleich ein neues, kristallines Hören. Man hört danach anders. So wünsche ich es mir jedenfalls.

Programm:

[01] Fleurs du mal Piano Sonata after Baudelaire (1996/1997) 19:05

[02] Fragment in C (2001)* 01:47

[03] Toccata (2002) 09:34

[04] Lichtstudie III (2002) 16:53

Elf Humoresken (2007)* 22:36
[05] 1. Kinderlied 03:34
[06] 2. Fast zu ernst 00:51
[07] 3. Anfangs lebhaft 02:32
[08] 4. Waldszene 01:05
[09] 5. Choral 02:36
[10] 6. Warum? 01:31
[11] 7. Intermezzo 01:09
[12] 8. Zerrinnendes Bild 02:04
[13] 9. Glocken 00:59
[14] 10. Lied im Träume 00:46
[15] 11. Mit Humor und Feinsinn 05:30

total time 70:20

Jan Philip Schulze piano

* World Premiere Recordings

Pressestimmen:

Il y a quelques mois, notre média présentait le passionnant enregistrement de Fabio Romano qui croise des opus de Robert Schumann à deux pièces de Jörg Widmann. Paru en 2010 chez Wergo, le label des éditions musicales Schott qui publie les partitions du compositeur bavarois, ce disque dessinait les arcanes d’une filiation volontiers revendiquée, comme Mozart et Debussy [lire notre chronique du 25 novembre 2007 et du 11 septembre 2006] – référence tout récemment ravivée par la création française du trio Es war einmal… par l’auteur et ses amis Tabea Zimmermann et Dénes Várjon [lire notre chronique du 11 mars 2016]. Tandis qu’à Palerme le pianiste vient d’interpréter les Elf Humoresken, en cet avril qui fait fête à cette musique (une dizaine d’œuvres seront jouées au fil de vingt concerts à Bamberg, Cologne, Dortmund, Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Liège, Mannheim, Stuttgart, Vicence, Vienne, Zurich, etc.), il n’est jamais trop tard pour revenir sur un CD coproduit par le Bayerischer Rundfunk et NEOS en 2013.
Cette fois, le pianiste est Jan Philip Schulze, tantôt applaudi aux côté du soprano Annette Dasch [lire notre chronique du 10 mars 2007], de défendre le répertoire pianistique du Munichois. On retrouve Fleurs du mal, grande page échevelée que concevait un musicien passionné par Baudelaire il y a vingt ans. « Ce fut un immense défi de traduire ces vapeurs vertes et empoisonnées de la littérature en un monde sonore pianistique », confie-t-il à Markus Fein dans la brochure d’accompagnement. Des jeux de rythmes évoquent par imitation certains vers particulièrement emblématique de cette intime préhension. Sous les doigts de Schulze, on retrouve l’inspiration drue de cette méditation violente, pourrait-on dire, dans une lecture plus contrastée qui souligne tant la tourmente romantique que le pressentiment symboliste [lire notre critique du CD de Romano].
La présente galette respectant l’ordre chronologique, elle propulse l’auditeur dans le très bref Fragment en ut écrit en hommage facétieux à Wilfried Hiller (autrefois professeur de composition de Widmann), pour ses soixante ans. En 2001, les effets de résonnances inhabituels que l’on rencontre dans les pièces actuelles sont déjà de la partie. Tandis que s’échappe dans le lointain un salut à la diaphanéité troublante, Toccata (2002) affirme au contraire une facture relativement explosive, cependant assez aérienne dans cette interprétation. La même année apparaît Lichstudie III qui, comme son titre l’indique et malgré une attaque similaire à Toccata, presque brute, trouve son envol dans la fréquentation des arts plastiques – souvenez-vous, deux ans plus tard Widmann collaborait avec Anselm Kiefer pour la première d’An Anfang à l’Opéra national de Paris [lire notre entretien et notre chronique du 13 juillet 2009]. Lichstudie III absorbe l’écoute, l’invite dans ses clairs-obscurs, sorte de palais intérieur qu’érige l’austérité des secrets. Voilà dix-sept minutes proprement fascinantes!
« Il y a quelque chose qui se détraque dans cette pièce – une boîte à musique cassée, un carillon malade » : ainsi Jörg Widmann décrit-il Kinderlied (chanson d’enfant), la première de ses Onze Humoresques de 2007. « Je pars à la recherche des gestes schumaniens à ma manière toute personnelle ». Chemin d’innocence qui s’égare, danger de l’esprit de fantaisie (Intermezzo et Mit Humor und Feinsinn), emphase d’un chant simple qui pourtant se renonce (Lied im Traume), intrusif presque-rien (Fast zu ernst), invocation comme improvisée (Abfangs lebhaft), fragment de souvenir (Waldszene), mélancolie nauséeuse (Zerrinnendes Bild), obsession campanaire (Glocken), cataclysme à la ligne claire (Warum ?), sfumato saupoudré d’un glas fatigué (Choral), autant de déclinaisons d’un sujet indicible, croit-on, où l’on admire la dynamique très savante de Jan Philip Schulze. Ces deux pages (Lichstudie III et Elf Humoresken) constituent une plongée sans filet dans l’univers de Jörg Widmann.

BB


05.2014

 

04.2014

[…] Die “Fleurs du mal” […] kennzeichnen rauschhafte Fantastik und pianistische Entfesselung – ein melancholisches Delirieren, das Widmann mit der Sonatenform kollidieren lässt. […] “Lichtstudie III” (2002) markiert die andere Seite von Widmanns Ästhetik: Eine entrückte Klangmeditation, die sich auf wenige Ereignisse und deren Echoräume beschränkt, akustische Inseln im Zustand konstruktiver Schwerelosigkeit – nur Farbe und Licht. Die “Elf Humoresken” (2007) könnten […] Schumanns “Kinderszenen” entsprungen sein.

Dirk Wieschollek

Musik: 
Klang: 

 

 

10/2013, Sémele Número 1

Baudelaire, Schumann, el delirio, la fiebre y la visión, la belleza del mal, son nombres e ideas que subyacen en la música para piano del gran compositor y clarinetista alemán Jörg Widmann, uno de los nombres fundamentales en la escena musical internacional en su doble faceta de inspiradísimo autor de una obra proteica y multiforme, y de virtuoso intérprete para quien escriben los más respetados compositores.

 


29.05.2013

Jörg Widmann
Klavierwerke

Es kann einem unheimlich werden mit Blick auf den umfangreichen Werkkatalog, zahlreiche Aufführungstermine, Einspielungen mit namhaften Musikern, Auszeichnungen, vor allem aber auf sein leidenschaftliches und unermüdliches Tun als Komponist, Klarinettist und neuerdings auch Dirigent. Jörg Widmann, der in diesem Sommer seinen 40. Geburtstag feiert, gehört zweifellos zu den erfolgreichsten deutschen Komponisten und Musikern seiner Generation.

Beim Label NEOS ist nun eine CD mit Klaviermusik von ihm erschienen, aufgenommen vom Pianisten Jan Philip Schulze. Fünf Werke aus den Jahren 1996 bis 2007 hat Schulze eingespielt, die Widmanns vielschichtiges, vor Ideenreichtum nur so sprühendes und wandlungsfähiges Komponieren repräsentativ hörbar machen: “Fleurs du mal”, eine “Sonate nach Baudelaire” (1996/97), “Fragment in C” (2001), “Toccata” (2002), “Lichtstudie III” (2002) und die “Elf Humoresken” (2007).

Grenzenlose klangliche Vielfalt
Als Widmann 23jährig die Baudelaire-Sonate schrieb, lagen die nachfolgenden Klavierstücke noch vor ihm, die alle vom Interpreten über die Tastatur hinausgehende Spieltechniken erfordern, wie etwa Flachhandschläge, Fingerglissandi, präparierte Saiten oder andere Aktionen ohne Beteiligung der Hämmer. “Ein einziger Impuls, ein einziges Intervall ist das ‘Thema’ dieser Sonate”, so bemerkt Widmann, “die kleine (Moll-!) Terz. Sie bestimmt alle Strukturen des Stücks von der kleinsten bis zur größten musikalischen Einheit.” Das liest sich jedoch schlichter, als sich die Musik tatsächlich entfaltet. Durchweg wechselt der Gestus abrupt: kurz aufbäumende, virtuose Läufe, dann wieder perlende Oberflächen, innehaltende Pausen. Der klanglichen Vielfalt scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.

“Fiebrig-nervöser Schumann-Ton”
Ganz anders das gerade mal 90 Sekunden lange “Fragment in C”, das Widmanns ehemaligem Kompositionslehrer Wilfried Hiller gewidmet ist. Das Stück wird mit einem wuchtigen Schlag auf den Klavierkorpus eröffnet, der in einem Echoraum nachklingt. Es ist ein Oberton-Stück über den Ton C, das sich im Nachklingen abspielt und punktuell Berührungspunkte mit der “Toccata” aufweist. Konkret auf Schumann, dessen Musik Widmann immer schon nachhaltig geprägt hat, verweisen die “Elf Humoresken”. Der “fiebrig-nervöse Schumann-Ton” ist omnipräsent, sei es im dritten Abschnitt “Anfangs lebhaft”, in dem dieser dann aber ausgebremst wird, oder im “Lied im Traume”, dem einzigen Stück mit richtigem Schumann-Zitat.

Spannende Hörräume
Dank der grandiosen Interpretation von Jan Philip Schulze, dem die Musik als langjährigem Wegbegleiter Widmanns sehr vertraut ist, bietet diese CD nicht nur einen ergiebigen Einblick in dieses Oeuvre, sondern öffnet spannende Hörräume und  -Dramaturgien aktueller Klaviermusik. Schulze spielt diese Musik nicht nur äußerst virtuos, sondern zugleich fesselnd und entfesselnd, gestaltet packend intime Momente und klangintensive Ballungen. Faszinierend!

Meret Forster

 

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