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Johannes Kalitzke: Die Besessenen

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Artikelnummer: NEOS 11203 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: Juni 1, 2012

Infotext:

Die Besessenen

Als Grundlage für meine vierte Oper habe ich den Roman Die Besessenen von Witold Gombrowicz gewählt, weil er, außer eine fesselnde  Geschichte zu erzählen, Figuren in Beziehung zueinander treten lässt, die wir aus heutiger Sicht gut kennen. Ein junges Paar steht im Mittelpunkt des Geschehens und ist in gegenseitiger Hassliebe entbrannt. Beide versuchen unentwegt, sich im Wettstreit über Grenzerfahrungen einander zu beweisen. Dabei denkt keiner von beiden an etwas anderes als an die Flucht vor sich selbst, und auch alle anderen von sich selbst »Besessenen« in diesem Stück verbindet als einzig verbliebener Nenner gemeinschaftlicher Erfahrung ein diffuser Bereich von Urängsten, über den sie sich auf unterschiedliche und dennoch repräsentative Weise definieren. Im Zentrum der Handlung steht eine Art Vorhang, ein Handtuch, das sich in einem dunklen Winkel einer Schlossküche durch rätselhafte Bewegungen und Verzerrungen bemerkbar macht, und welches im Kontext symbolisch für dieses kollektive Unterbewusste steht, das bildlos, unkenntlich und unerklärbar geworden, bei allen Beteiligten namenloses Grauen erzeugt. Diese Angst führt in letzter Konsequenz in verschiedene Stadien der Selbstzerstörung. Da jeder auf seine Weise nur seinen eigenen, meist kommerziellen Vorteil in seiner Beziehung zum Schloss vor Augen hat (einem Schloss, in dem Tradition und Kultur bewahrt werden), seinen eigenen Wettbewerbs-vorteil im Ringen um Besitzvermehrung, jedoch keinerlei Sensorium für das Innenleben kultureller Werte mehr besitzt oder für irgendeine Art von Mitgefühl, welches sich an verbindenden Unterströmungen zwischenmenschlicher Sorge orientiert, hat niemand dem mehr etwas entgegenzusetzen. Der Paradigmenverfall erzeugt ein entfremdetes Verhältnis zu Tradition und Kultur. Selbstsucht und die Identifikation über extreme Formen der Selbsterfahrung (Töten als Akt der Identifikation) erscheinen als Bollwerke gegen die unwägbare Gefahr des Selbstverlustes. Man ist reich, schön, und man setzt alles daran, nicht das zu sein, was man aber tatsächlich wird: unsichtbar. Die handelnden Personen agieren ohne verbindliche ethische und moralische Normen, welche bei der Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild, einer Bewertung des eigenen Handelns, noch hilfreich sein könnten. Stattdessen liefern sie sich allen möglichen Deformationen des Ich-Bezugs und der Bereicherung aus: Man hetzt von Anreiz zu Anreiz, von Rolle zu Rolle, ohne selbst darin vorzukommen und verfällt einer obsessiven Nomadenattitüde in einer Welt ohne Halt.

Die Musik der Besessenen orientiert sich am Verhältnis der unterschiedlichen Zeiten, die durch die Personen des Stückes repräsentiert werden, in denen sie leben und denen sie sich zugehörig fühlen, und an dem Bild dieses seltsamen Spukgebildes, das die Menschen dieser Geschichte in Verwirrung stürzt.Elemente alter Musik und kommerzieller Medien verbinden sich mit der eigenen Klangsprache des Komponisten zu einem Gewebe struktureller Beziehungen, welches sich im Laufe des Stückes wie die Falten eines Tuchs, eines Fächers, der sich langsam schließt und eine bildlose Achse hinterlässt, formal zu einer Mitte verdichtet, die alles in sich aufsaugt. Von haltloser Unruhe getrieben einerseits, von lauernder Leere andererseits unterbrochen, ist die Musik ein Spiel mit Genreklischees, die wie motivische Kernelemente, wie kleine Module immer wieder neu miteinander gekoppelt werden und den Verlauf des musikalischen Geschehens bestimmen, als Elemente eines geschlossenen Systems, das sich zu entwickeln vortäuscht, sich aber in Wirklichkeit im Kreise dreht.

Johannes Kalitzke

Die Handlung

Frau Ocholowska hat für ihre Tochter Maja eine Heirat mit Cholawicki, einem ihrer Angestellten, arrangiert. Cholawicki kümmert sich auch um einen alten Fürsten – in der Hoffnung, dessen Kunstsammlung zu erben. Sein Plan ist, die Gemälde zu verkaufen und aus dem Erlös ein Luxushotel zu erbauen.

Allerdings weckt ein junger Mann namens Leszczuk Majas Interesse. Gemeinsam wollen die beiden die Gemälde ergattern und fliehen.

Cholawicki bringt den Kunsthistoriker Skolinski zum Fürsten, um dessen Kunstsammlung schätzen zu lassen. Zugleich teilt er ihm mit, dass es im Schloss spukt.

Vor langer Zeit hat der Fürst seinen unehelichen Sohn Franio nicht anerkannt. Aus Scham versuchte
Franio, sich mit einem Handtuch zu erwürgen und verschwand daraufhin. Dieses Handtuch spukt nun herum. Den Fürsten plagen Schuldgefühle. Er kann nicht sterben, bevor sein Sohn ihm verziehen hat.

Cholawicki will, dass der Fürst sein Testament verfasst und ihm die Gemälde vererbt; er hat jedoch keinen Erfolg. Der Anblick des leidenden Fürsten fasziniert Maja.

Die geplante Hochzeit zwischen Maja und Cholawicki ist zum Scheitern verurteilt. Nun will Majas Mutter ihre Tochter mit einem alten, reichen Mann namens Maliniak verheiraten. Dieser verlangt Sex von Maja, wird aber kurz vor der Verlobungsfeier ermordet. Alle klagen sich gegenseitig als Mörder an.

Maja hilft dem Fürsten zu glauben, dass sein Sohn ihm verziehen habe. Sie löst den Fluch des verwunschenen Handtuchs, und der Fürst findet seinen Frieden. Cholawicki nimmt die Gemälde und verkauft sie – ungeachtet der Proteste des Kunsthistorikers, der betont, dass diese Schätze dem Volk gehören.

Maja und Leszczuk sehen keine gemeinsame Zukunft und trennen sich. Sie will ein anderes, besseres Leben, während er nur neue Zerstreuungen sucht.

Kasper Holten

Programm:

Johannes Kalitzke (*1959)
Die Besessenen

Oper in vier Akten (2008–2009)
Libretto von Christoph Klimke nach dem gleichnamigen Roman von Witold Gombrowicz

Work commissioned and produced by Theater an der Wien
Live recording of the world premiere, 19 February 2010

[01] First Act 22:47
[02] Second Act 17:20
[03] Third Act 21:02
[04] Fourth Act 14:01

total time: 75:11

Maya (soprano) Hendrickje van Kerckhove
Madame Ocholowska
 (mezzo-soprano) Noa Frenkel
Cholawicki
 (baritone) Leigh Melrose
Leszczuk
 (tenor) Benjamin Hulett
Prince Holszanski
 (male alto) Jochen Kowalski
Skolinski
 (bass) Manfred Hemm
Maliniak
 (baritone) Rupert Bergmann

Stage director Kasper Holten
Set design Steffen Aarfing
Costume design Marie í Dali
Lighting design Jesper Kongshaug

Klangforum Wien
Vera Fischer / Wolfgang Zuser, flutes
Markus Deuter, oboe
Bernhard Zachhuber / Olivier Vivarès, clarinets
Lorelei Dowling, bassoon
Gerald Preinfalk / Lars Mlekusch, saxophone
Christoph Walder, horn
Anders Nyqvist, trumpet
Andreas Eberle, trombone
József Bazsinka jun., tuba
Annette Bik / Gunde Jäch-Micko / Sophie Schafleitner / Fani Vovoni, violin
Dimitrios Polisoidis / Andrew Jezek, viola
Benedikt Leitner / Andreas Lindenbaum / Nikolay Gimaletdinov, violoncello
Dario Calderone / Maximilian Ölz, double bass
Christopher Brandt, electric guitar
Virginie Tarrête, harp
Krassimir Sterev, accordion
Lukas Schiske / Björn Wilker, percussion
Florian Müller, piano
Alfonso Alberti, keyboards
Peter Böhm & Florian Bogner, sound design

Johannes Kalitzke, conductor

Pressestimmen:


4/2013

[…] In bislang vier eigenen Arbeiten hat Kalitzke (Jahrgang 1959) gezeigt, was er als Komponist unter neuem Musiktheater versteht. Ein kritischer Beobachter des Zeitgeistes ist auch er, ein findiger Konstrukteur, der mit wachem Ohr, beißender Ironie und stupender Sachkenntnis Klangklischees aus Kommerz und Kanon in seine Stücke einschreibt. Doch KaIitzke predigt nicht mit Marx- und Engelszungen, er hält es eher mit Freud, taucht in die Unterschichten des Bewussten ab, dorthin, wo die Angst, das Verdrängte blühen, wo die Hölle des Normalen rumort.

Nicht zufällig hat er als Vorlage für sein jüngstes Opus einen modernen Schauerroman ausgewählt: „Die Besessenen“ (1939), Witold Gombrowicz’ polnische Antwort auf Kafkas dystopische „Schloss“-Vision. Die ungeheuer farbige, energetische, manchmal schwarzhumorig-parodistische Musik kreist in sich, ein virtuos verwirbelter Klangstrudel, dessen Sog den Hörer magisch anzieht wie die auratische Präsenz des toten Fürstensohnes Franio die geisterhaften Gestalten in Gombrowicz’ literarischem Spuk.

Das formstiftende Symbol dieser leeren, schwarzen Mitte ist ein sich durch übersinnliche Kräfte auf- und zusammenfaltendes Handtuch in der Schlossküche, mit dem sich Franio erhängt haben soll. Ein mysteriöses Kraftfeld, das in dem weitgehend auf opernkonventionelles Beziehungskistenformat heruntergebrochenen Libretto Christoph Klimkes leider unterbelichtet bleibt (siehe OW 4/2010). Text und Klang fallen auseinander, die auf Handlung getrimmten Dialoge der sieben Figuren verkürzen eklatant die in der Partitur notierte Innenschau ihrer Obsessionen – und damit eine entscheidende Qualität der Romanvorlage.

Das Theater an der Wien, an dem Kalitzke den 75 Minuten kurzen Vierakter im Februar 2010 vorstellte, kann dank des ORF, der Kunststiftung RW und des Labels NEOS nun das Tonprotokoll der Uraufführung mit dem analytisch zupackenden Klangforum Wien präsentieren. Und froh sein, dass Kalitzkes Klangfantasie so ins Zentrum der Wahrnehmung rückt – das kaleidoskopische Schillern, die differenzierende Ausdrucksvielfalt, die suggestiven Stimmungsbilder einer vorzüglich gebauten Literaturkammeroper, die, gleichsam durch das Libretto hindurch, einem faszinierenden Prosatext des 20. Jahrhunderts seine Geheimnisse ablauscht.

Albrecht Thiemann

 


11/2012

Egoman

Johannes Kalitzkes “Die Besessenen” gehörte zu den bemerkenswerteren Opernpremieren der letzen Jahre. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Witold Gombrowicz kam zwar keinem Aufbruch zu neuen Ufern gleich, war aber alles andere als eine verstaubte Literaturoper. Kalitzke und sein Librettist Christoph Klimke verdichteten den komplexen Stoff für das Theater an der Wien zu einem abgründigen Beziehungsdrama um Egomanie und Identitätsverlust, das gute alte Operntugenden der klassischen Moderne reaktivierte. […]

Musik: 
Klang: 

Dirk Wieschollek

 


10.10.2012

Doppelbödiges Musiktheater

Neos veröffentlicht den spannenden Uraufführungsmitschnitt von Johannes Kalitzkes Oper ‘Die Besessenen’.

Johannes Kalitzes vieraktige Oper ‘Die Besessenen’ (2008/09), als bislang vierte Arbeit des Komponisten für die Opernbühne im Februar 2010 im Theater an der Wien uraufgeführt, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Witold Gombrowicz. Auf pointierte Weise durchdringen sich hier unterschiedliche einander bedingende und aufeinander bezogene Erzählungsstränge – jener des greisen, von Gewissensbissen gequälten Fürsten Holszanski, jener der berechnenden Madame Ocholowska, die aus der Jugend ihrer Tochter Maja möglichst viel Kapital schlagen möchte, während diese sich wiederum dem Tennislehrer Leszczuk an den Hals wirft, jener des heimtückischen Verwalters Cholawicki, der es – wie auch der Kunsthistoriker Skalinski und alle anderen – auf die kostbare Gemäldesammlung Holszanskis abgesehen hat – sowie schließlich auch Elemente einer Schauergeschichte, geknüpft an ein mörderisches Handtuch, das angeblich im Schloss sein Unwesen treibt und als Projektionsfläche für die Ängste aller Protagonisten dient.

Das hier auftretende Figurenreportoire, ausschließlich aus ‚Besessenen‘ bestehend, die auf selbstzerstörerische Weise ihrem vermeintlichen Glück hinterherjagen und so einen Ausweg aus dem beständig in sich kreisenden, allein auf ökonomischen Mehrwert ausgerichteten Alltag suchen, eignet sich außerordentlich gut für eine musikdramatische Umsetzung, zumal es in Christoph Klimkes Libretto weitaus prägnanter gefasst ist als in der ausufernden Romanvorlage. Klimkes bisweilen fast holzschnittartige Reduktion bietet die idealen Voraussetzungen für Kalitzke, dessen spezieller musikalischer Zugriff gerade jene Zwischentöne und Schattierungen beisteuert, auf die der Librettist verzichtet hat. So erweist sich der Komponist als Meister subtiler und doppelbödiger Charakterzeichnung, reagiert mit einer Vielzahl formaler Gestalten (etwa Hoquetus, Toccata oder Choral) und stilistischer Allusionen (beispielsweise an populäre Musik und Walzerklänge) auf die ausgedünnten Dialoge und schafft dadurch ein wechselvolles instrumentales Panorama, dem auf vokaler Ebene eine abwechslungsreiche Führung der Singstimmen entspricht. All diese Elemente leitet er aus einem System kleinster, immer wieder permutierter und neu miteinander gekoppelter Kernelemente ab und vermeidet dadurch den Charakter einer bloßen Collage, indem er alle Gestaltungsmittel einer einheitlichen, allerdings idiomatisch immer wieder abgetönten Sprache unterordnet.

Musikalische Realisierung

Als Dirigent der vorliegenden Veröffentlichung aus dem Hause Neos, Mitschnitt der Uraufführungsproduktion, erweist sich Kalitzke zudem als idealer Anwalt seines eigenen Werkes und fördert immer wieder das Unbequeme der Partitur hervor: Dank der exzellenten musikalischen Leistungen des Klangforums Wien ist die Umsetzung der instrumentalen Schicht enorm plastisch geraten. Insbesondere dort, wo musikalische Schichten aufeinanderprallen, wo Brüche zwischen differierenden gestischen Momenten hervortreten oder sich Allusionen aus den Klängen herausschälen, erschließt die brillante Tonqualität der Aufnahme zudem eine enorme Tiefendimension. Diesem Detail verdankt sich auch der Umstand, dass die Oper auf CD ganz gut ohne den Hintergrund der szenischen Realisierung auskommt und aufgrund ihrer in die Musik verlagerten Dramatik passagenweise die Qualitäten eines Hörstückes entfaltet. Greifbar wird dies gleich zu Beginn, wo sich die Klänge zunächst aus einem Ostinato heraus entwickeln – laut Regieanweisung beobachten die Protagonisten hier zunehmend zerstreut ein Tennismatch – und sich allmählich immer stärker verzweigen sowie zu instrumentalen Nadelstichen auswachsen.

Auch die Sänger leisten ihren Beitrag zum Gelingen der Aufnahme: Der intensive Ausdruck etwa, den Bariton Leigh Melrose vor allem dem exaltierten Sprechgesang Cholawickis verleiht, trägt ebenso zur Charakterzeichnung bei wie jene ständig zwischen vermeintlicher Erfüllung und Parodie oszillierende Zwiesprache von Sopranistin Henrickje van Kerckhofe (als Maja) und Tenor Benjamin Huletts (als Leszczuk), die Kalitzke durch eine beschädigte Tonalität als Gegenüber wirkungslos verpuffender kommunikativer Gesten entlarvt. Während Mezzosopranistin Noa Frenkel als Madame Ocholowska zwar in den Koloraturen sicher ist, jedoch insgesamt aufgrund ihres durchweg nervös vibrierenden Tons ein wenig unflexibel bleibt, überrascht Countertenor Jochen Kowalski in seiner kleinen, aber feinen Rolle als Holszanski. Darüber hinaus spricht Bass Manfred Hemm durch die einschmeichelnde Art an, mit der er den umtriebigen Kunsthistoriker Skolinski gibt, und Bariton Rupert Bergmann hat als lüsterner Maliniak einen ebenso kurzen wie einprägsamen Auftritt. Wie sich die vokalen und instrumentalen Leistungen zu einer schlüssigen Gesamterscheinung zusammenfügen, die am Ende in eine klanglich denaturierte Rückkehr des Beginns mündet, in der sich die klangliche Substanz der Musik zu glasartigen Klängen verflüchtigt, ist ganz klar eine Hörempfehlung wert.

Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 

Dr. Stefan Drees

www.klassik.com

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