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John Cage: Darmstadt Aural Documents · Box 2 · John Cage – Communication

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Artikelnummer: NEOS 11213 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: Oktober 19, 2012

Infotext:

DARMSTADT AURAL DOCUMENTS
John Cage in Darmstadt 1958

»Die ganz großen Meister, und Cage war einer,
kann man nicht einfach beiseitelassen, um die
kann man nicht herumlaufen, sonst verirrt man sich.«

Hans G Helms, 2008

Spätsommer 1958. Zum ersten Mal bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik, die in jenem Jahr im Schloss Heiligenberg in Jugenheim stattfinden, ist der amerikanische Komponist John Cage zugegen. Ihn begleitet, wie so oft in jenen Jahren, der Pianist David Tudor und gemeinsam spielen sie – als Europäische Erstaufführungen – Cages Music for Two Pianos, die Winter Music und die Variations I, zudem einige Werke von anderen Komponisten (u. a. Earle Browns Four Systems).

Überdies hält Cage am 6., 8. und 9. September zu dem Thema Composition as Process (Komposition als Prozess) je eine Lecture: Changes (Wandlungen), Indeterminacy (Unbestimmtheit) und Communication (Kommunikation). Jede der drei Lectures – im Programm der Ferienkurse heißen sie »Studios« – flankiert Tudor durch die Aufführung von verschiedenen Klavierwerken, darunter Cages Music of Changes, Karlheinz Stockhausens Klavierstück XI, Christian Wolffs For Piano with Preparations und Bo Nilssons Quantitäten. Die Vortragstexte und die live aufgeführten Kompositionen durchdringen sich einander respektvoll, sie stören sich gegenseitig nicht, sie beeinflussen sich auch nicht. Die Pausen des einen sind die Freiräume für die Aktionen des anderen.

Damit das Gros der Ferienkurs-Teilnehmer 1958 verstehen kann, was Cage in seinen auf Englisch gehaltenen Darmstädter Lectures sagt, werden sie vorab ins Deutsche übersetzt und als Mitlesekopien den Zuhörern ausgehändigt. Die Übersetzungsarbeit leisten in gemeinsamer, langwieriger Nachtarbeit Wolf Rosenberg, Hans G Helms und Heinz-Klaus Metzger, der Cage bei diesen Ferienkursen persönlich kennenlernt. In einem Gespräch im Frühjahr 2008 in Berlin erinnert sich Metzger daran: »Es war damals in Darmstadt wie wohl an vielen Stellen in Deutschland so, dass Lehrveranstaltungen, die nicht auf Deutsch waren, ins Deutsche übersetzt werden mussten. Heute ist es ja in ganz Deutschland so, dass Lehrveranstaltungen, die nicht auf Englisch sind, ins Englische übersetzt werden müssen, damit die Hörer verstehen, was gelehrt wird.«

Und Hans G Helms, der Cage bereits 1954 bei den Donaueschinger Musiktagen kennengelernt hat, bei denen dieser zusammen mit David Tudor die Uraufführung seines Stücks 12’ 55.6078’’ für zwei Pianisten realisierte – es war Cages erster öffentlicher Auftritt in Europa –, sagt, ebenfalls in einem Berliner Gespräch im Frühjahr 2008: »Das war unsere erste intime Beziehung. Intim sage ich deswegen, weil – ich weiß nicht, wie viele Nächte das waren, ich vermute drei Nächte – John und meine Frau Khris und Rosenberg, Metzger und ich, diese drei Texte ins Deutsche zu übertragen versuchten, was einigermaßen geklappt hat. Das spielte sich so ab, dass wir drei Übersetzer untereinander dauernd über irgendwelche Formulierungen diskutierten. Aber ab und zu mussten wir ihn stören, und er lag auf dem Sofa mit dem Kopf im Schoß meiner Frau. Die beiden versorgten uns übrigens die ganze Nacht über mit Kaffee und was zu essen.«

Die Übersetzungen gehen den drei Nachtarbeitern nicht immer leicht von der Hand. Außerdem – und das ist für die Rezeptionsgeschichte der drei Lectures nicht unwichtig – übertragen Rosenberg, Metzger und Helms einige der Cage’schen Formulierungen in die damaligen Darmstädter Diskurse. Besonders bemerkenswert: In der deutschen Übersetzung lautet eine Frage der insgesamt über zweihundert Fragen, aus denen die Communication-Lecture besteht: »Sind Töne Töne oder sind sie Webern?« Im englischen Original heißt es aber: »Are sounds just sounds or are they Beethoven?« Womöglich haben die Übersetzer mit Cages Einverständnis den einen Komponistennamen durch den anderen ersetzt; in die Ferienkurs-Situation der 1950er Jahre passt der damals weidlich diskutierte, als präseriell reklamierte Anton Webern freilich weitaus besser hinein als Ludwig van Beethoven.

Was Cage 1958 in Darmstadt an dieser Stelle aber tatsächlich gesagt hat, lässt sich nicht überprüfen, die ersten Minuten dieser Lecture fehlen in dem historischen Tonbandmitschnitt. Für Heinz-Klaus Metzger ist die 58er-Übersetzung im Nachhinein ohnehin nicht ganz unproblematisch: »Ich habe all das, was an Mystik drinsteckt, damals verkannt, in Rationalismus übersetzt, in reine Vernunft. Dass die Erzählungen in ihrem Cage’schen Wortlaut, also die vermeintliche Mystik vernünftiger war als die Reflexionsphilosophie, ist mir erst später aufgegangen.”

Der Communication-Vortrag von 1958 ist übrigens der einzige der drei Darmstadt-Lectures von Cage, von dem auch, abgesehen von den fehlenden Anfangsminuten, ein Audiodokument im Archiv des Internationalen Musikinstituts Darmstadt existiert. Weshalb die beiden Lectures Changes und Indeterminacy nicht auch per Tonband dokumentiert worden oder ob die Aufnahmen später verloren gegangen sind, lässt sich heute nicht mehr sagen.

Der Druckfassung von Communication stellt Cage voran, dass dieser Text aus Fragen und Zitaten bestünde, dass die Zitate aus eigenen Schriften und Schriften anderer stammten, dass die Reihenfolge und die jeweilige Textmenge der Zitate durch Zufallsoperationen ermittelt worden seien, dass keine Aufführungsdauer komponiert sei, dass er aber vor dem Vortrag eine solche bestimmte und dass er – ebenfalls durch Zufallsoperationen – ermittelte, wann er, dann und wann während des Vortrags, eine Zigarette anzuzünden habe. Ob das am 9. September 1958 ab 17 Uhr im Schloss Heiligenberg während seiner fast einstündigen Communication-Lecture dann 19 Zigaretten gewesen sind oder doch nur 12 oder noch weniger, die er anzündet und dann recht schnell ausdrückt, bleibt ungewiss. Augen- und Ohrenzeugen, darunter die Musikkritiker Hans-Heinz Stuckenschmidt (in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 13.9.1958) und Wolfgang Widmaier (im Darmstädter Echo, 12.9.1958), nennen abweichende Zahlen. Verbürgt und auch hörbar dokumentiert ist indes, dass der Pianist David Tudor während des dritten Darmstädter Vortrags von Cage die Stücke For Piano with Preparations von Christian Wolff und – als Uraufführung – Quantitäten von Bo Nilsson gespielt hat.

John Cages erster Auftritt in Darmstadt 1958 – erst 1990 kommt er zum zweiten und letzten Mal zu den Ferienkursen, zwei Jahre vor seinem Tod – ist ein eminentes musikgeschichtliches Ereignis. Vor allem mit seinen drei Lectures öffnet er die kleine Welt der Neuen Musik, legt er die Saat für eine bald dann aufkeimende heterogene wie bunte Kunstklang-Landschaft mit vielen unterschiedlichen Konzepten von dem, was Musik ist und was Musik sein kann. Heinz-Klaus Metzger resümiert 2008 im Gespräch: »Was Cage 1958 in Darmstadt geboten hat, war, ob er das hätte so nennen wollen oder nicht, Theorie. Und die Wirkung von Theorie und auch die kompositorischen Konsequenzen von Theorie waren einfach so: Die Abschaffung des ganz traditionellen Musikdenkens ist unter dem Eindruck dieser Vorlesungen so zwingend gewesen und ging so in die Tiefe, wie es eine musikalische Aufführung oder eine Partitur gar nicht gekonnt hätte.« Und Hans G Helms konstatiert: »Was man nicht vergessen darf, ist, dass zu dieser Zeit eben auch die allgemeine Wahrnehmung unter Künstlern von der damals gegenwärtigen Geschichte sich radikal zu verändern begann, das setzt sich dann beispielsweise in der Fluxus-Bewegung fort. Nam June Paik ist ein Musterbeispiel dafür. Cage dürfte derjenige gewesen sein, der durch diese drei Vorträge den Anstoß dazu gegeben hat, dass Andere den Mut fanden, etwas zu tun, was sie im Kopf schon lange bewegte, was sie aber nicht zu realisieren gewagt hatten.«

Während der Darmstädter Ferienkurse 1958, am 3. September, spielen John Cage und David Tudor die Europäische Erstaufführung von Cages Variations I, ein Stück »für jede Anzahl von Interpreten, jede Art und Anzahl von Instrumenten«, das die beiden schon ein halbes Jahr zuvor, am 15. März 1958 im Women’s College der University of North Carolina (Greensboro) in drei Versionen – wohl als Uraufführung – realisiert haben. Tudor und Cage agieren hierbei wie dann auch bei Aufführung in Darmstadt vornehmlich als Pianisten (am und im Klavier), zudem setzen sie noch andere Klangwerkzeuge ein. Variations I ist eine Komposition, die vor ihrer eigentlichen Realisation durch die Akteure erst hergestellt werden muss. Dazu liefert die Partitur das Material, das aus sechs quadratischen Transparentfolien besteht. Eine davon ist mit lose über die gesamte Folie verteilten Punkten in vier unterschiedlichen Größen bedruckt. Die kleinsten Punkte markieren einen einzelnen Klang, die größten eine Mixtur aus vier oder mehr Schallereignissen. Auf den weiteren fünf Folien, die für fünf Klangparameter stehen, befinden sich jeweils fünf gerade Striche in verschiedenen Längen. Jede dieser Folien bietet eine andere Konstellation der Linien, die sich zuweilen auch kreuzen. Punkt-Folie und je eine Linien-Folie werden wie beiläufig übereinander geworfen. Das daraus resultierende Bild ist die Topografie, die es nun zu verfeinern gilt, indem von einzelnen Punkten aus eine Senkrechte zu einer der Linien gezogen wird. Dadurch erhält man, je nach gewünschter Lesart und Deutung, dann diese oder jene Eigenschaft der später auszuführenden  Version von Variations I. Der Weg zu einer solchen Variations I-Version ist zeitaufwendig; überdies verlangt das Procedere auch eine Vorab-Konzeption bezüglich aller Parameter, die zu einem Musikstück gehören: Gesamtdauer, Dauern der einzelnen Ereignisse sowie ihr Auftreten im Geschehen, Tonhöhen, Lautstärken, Instrumentarium usw. Die Interpreten von Variations I, so sie ihre Realisationsversion selbst konfiguriert haben, sind denn auch die eigentlichen Komponisten des Stücks. Ihre Fantasie, ihre Ideen, ihre Selbstorganisation und ihr kompositorisches Können, das sich vor allem in der Art der Fragen spiegelt, die sie an die geworfenen Folien-Bilder mit dem Total aller möglichen Antworten stellen, sind maßgeblich für das Ergebnis, das erste Resultat. Das zweite ist dann die Aufführung von Variations I, von einer ihrer denkbar unendlichen Zahl von Versionen. Diejenige, die John Cage und David Tudor am 3. September 1958 während der Darmstädter Ferienkurse präsentiert haben, hat dem damaligen Publikum offensichtlich viel Spaß gemacht, aber auch für Verwirrungen gesorgt.

Stefan Fricke

Programm:

John Cage (1912–1992)
Communication

Third part of the Darmstadt Lecture “Composition as Process” (1958)
John Cage, voice
World premiere recording

[01] Communication 1 06:07

[02] Communication 2 06:19

[03] Christian Wolff (*1934)
For Piano with Preparations (1957) 11:04
David Tudor, piano

[04] Communication 3 07:25

[05] Bo Nilsson (*1937)
Quantitäten (1958) 04:35
David Tudor, piano
World premiere

[06] Communication 4 06:18

[07] Bo Nilsson (*1937)
Quantitäten (1958) 04:21
David Tudor, piano
World premiere

[08] Communication 5 01:43

[09] Communication 6 05:48

[10] John Cage (1912–1992)
Variations I (1958) 08:50
John Cage and David Tudor, two pianos and radio sets
European premiere

total time 62:34

Pressestimmen:

01/2014

[…] Originalaufnahmen John Cages mit Aufführungen, Lesungen oder Vorträgen gibt es einge. Diese hier aber ist wirklich etwas Besonderes. […]
[…] Diese Aufnahme [transportiert] die Stimmung und Aura jenes Moments: Cages mal sanft dahin eilende, dann wieder sich verzögernde oder unvermittelt pausierende Stimme […] und nicht zuletzt das auch immer wieder hörbar anwesende Publikum mit seinen Reaktionen. […]

Thomas M. Maier

Musik: 
Technik: 
Booklet: 

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