José Manuel López López: Works for soloists and ensemble

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Artikelnummer: NEOS 10814 Kategorie:
Veröffentlicht am: Oktober 10, 2008

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MUSIK ALS KUNST DER LEICHTIGKEIT

Es gibt ›schwere‹ erdverbundene Musik, die uns von unten her anweht, uns auf wohltuende Weise lähmt indem sie uns bewegt: Man denke etwa an die virile Kraft der Rockmusik, an die chthonischen Massen bei Xenakis oder an die Trommeln aus Burundi … Und dann gibt es ›leichte‹ Musik, die eher Sublimes im Kantschen Sinne und Gefühl aufkommen lässt, die eher in die Lüfte zu entweichen sucht und dichterische, geheimnisvolle und spirituelle Saiten anschlägt.

Sollten wir nun um jeden Preis die Musik von José Manuel López López mit Hilfe dieses einfachen Begriffspaars einordnen – man erwartet nun mal von einem Musikwissenschaftler, dass er mit Etiketten hantiert –, dann würden wir diese gerne auf Seiten der ›leichten‹ Musik sehen. Sie verbreitet sich in vielerlei Hinsicht wie eine Kunst des offensichtlich Klanglichen, als eine Kunst der Auflösung der Materie, deren Aufweichung und Auflockerung: In ihr gibt es keine festen Bestandteile, und kaum tauchen solche auf, werden sie schon verwischt.

Wie bei der Spektralmusik besteht ihre Formstruktur oft aus Prozessen – eine fortschreitende Entwicklung, bei der die Materie einem aus den Fingern zu gleiten scheint. Eine andere Eigenschaft deutet in die gleiche Richtung: die äußerste Verfeinerung der Komposition, insbesondere im Timbre, die an die Musik des Impressionismus erinnert, an die musikalische Kunst der Schattierung, des Entweichens – diese verfeinerte Kunst geht einher mit dem Bewusstsein einer Vielfalt, die der Komponist für sich beansprucht.

Darüber hinaus wird selbst ein erdverbundener Hörer wohl in die Höhen der Zypressengipfel katapultiert werden – dank der vorhandenen ›Raketen‹ (rasend schnelle Tonleitern aufwärts) oder der langen Notenwerte in allerhöchster Tonlage. Aber vielleicht ist das bedeutendste Merkmal dieser Musik der Schwerelosigkeit das von ihr intensiv vermittelte Gefühl einer Klangdichtung.

José Manuel López López erläutert seine eigene Entwicklung: »von der Note zum Spektrum und von der reinen Musik zur Klangdichtung«. Dies zeigt auch die vorliegende CD auf: Werke von 2003 und 2005, eines von 1998, ein anderes – vielleicht noch ein Jugendwerk – aus einer Zeit, in der die Alchimie aus Spektrum und Klangpoesie noch nicht zu Tage tritt.

Le parfum de la lune (2003) für Solovioline und Instrumentalensemble (ein Dominique Dournaud und Anne Mercier gewidmetes Auftragswerk der Résidence en Bourgogne) ist von Yosa Buson (1716–1784) und dessen Haikus inspiriert, welche weder Philosophie noch emphatische Gesten, sondern eher äußerst feinsinnige Anspielungen an Momente eines innigen Verwachsenseins mit der Natur bieten, wie etwa: »Im Abendwind / streift mein Gesicht / ein Stück des Moskitonetzes«.

Der Komponist schreibt: »Die Idee besteht darin, […] die verschiedenen Zustände von Gemüt, Zeit und Natur usw. zu verwenden, die Buson als wahrnehmbare Grundlage für aus der Klangphysik abgeleitete Satztechniken vorstellt«. Es wäre schwierig, die genaue Entsprechung zwischen einem Haiku und einem musikalischen Moment zu finden, aber es ist wahrscheinlich, dass die Solovioline, welche immer wieder neue Impulse gibt, der eigentliche Motor des Streicherensembles ist.

Was die ›Klangphysik‹ betrifft: José Manuel López López leitet sein Klangmaterial aus Spektralanaysen des Klanges und den Spielweisen der verwendeten Instrumente ab. Die Intensität der Klangdichtung, welche sich beim Hören von Le parfum de la lune einstellt, entsteht unter anderem aus der unglaublich reichen Auswahl der Klangfarben, Spielarten sowohl der Violine als auch der anderen Instrumente: In mancher Hinsicht ist die Leichtigkeit dieses Stückes die unserer vergangenen Kindheit.

Dem eiligen Hörer seien einige ›luftige‹ Stellen genannt: Zu Beginn die lange Note in allerhöchster Lage; Spektralarpeggio in Takt 31 (02:00 der vorliegenden Aufnahme); Raketen (T. 38, 02:43); Regenmacher (T. 105, 06:40) – [Der Regenmacher (oder Regenstab) ist ein Effektinstrument – ein langes Hohlrohr, das mit verschiedenen Rasselkörpern gefüllt ist und womit spezielle Klangeffekte erzeugt werden können]; aufsteigende Glissandi in den Streichern, mehrklängig in den Bläsern, spektrale Tonleitern … (T. 118, 08:19); Solovioline und dann Streicher-Tutti auf einer Linie, welche »die von der Klarinette gespielte Frequenz sucht und dann umspielt«, auf der Frequenz der höchsten spielbaren Note (T. 239, 13:15).

El arte de la siesta (2005) für Soloakkordeon, Flöte, Klarinette, Klavier, Schlagwerk, Violine, Violoncello und Echtzeit-Elektronik ist ein Esteban Algora gewidmetes Auftragswerk des CIRM für das Festival Manca 2005 in Nizza. Der Komponist, von chinesischen Dichtern verschiedener Dynastien inspiriert – wie etwa Lo Tien (772–846), Ming (1368–1644), Wen Cheng Min (1470–1599) – »bezieht sich auf für den Sommer typische Klangeindrücke: die brütende Sommerhitze, zwitschernde Singvögel in der Abenddämmerung, den leichten Windhauch, heißen Wind, das üppig wuchernde Laubwerk der Bäume, Sprühregen oder einen Platzregen.

Mit Hilfe der Technik und eines instrumental- und datentechnischen Kompositionssatzes versucht er, diese zeitlosen, uns wohlbekannten Wahrnehmungen darzustellen«. Es sei hinzugefügt, dass das Akkordeon durch sein Gebläse für die musikalische Beschreibung einer Siesta bestens geeignet ist. Allerdings ist dies keine stille Siesta! Von Anfang an (T. 2, 00:53) gibt uns der Pianist (indem er den Deckel seines Instrumentes kräftig zuschlägt) zu verstehen, dass der Traum mitunter auch zum Albtraum wird; und dies ist tatsächlich der Fall, denn die Musik wird zunehmend heftiger und düsterer. Man sollte wohl keine Siesta nach zu schweren Mahlzeiten empfehlen!

Und doch, wie immer bei José Manuel López López, obsiegt die Leichtigkeit – unter anderem dank der Elektronik und deren körniger Klanglichkeit (erstmals zu hören bei Takt 7, 01:14), welche die Instrumente zuweilen imitieren, wenn sie etwa an die Regenmacher erinnern.

A Tempo (1998) für Solovioloncello und Instrumentalensemble, Pierre Strauch gewidmet, ist durch die vielfältigen vorkommenden Zeiten (»strukturelle, kontemplative, physische, psychologische, usw.« – wie der Komponist schreibt), durch den vorherrschenden Spektralakkord über dem Ton C, dessen höhere Obertöne sich unentwegt verflüchtigen, durch die ›Raketentechnik‹ des Satzes und auch durch andere Aspekte wohl das Stück der CD, das am meisten an Debussy erinnert – zumindest im Mittelteil, wo man zuweilen den französischen Meister zu hören meint.

In eben diesem Mittelteil bilden die sehr flüssigen Spektralakkorde (wie etwa die das aufsteigende Arpeggio C, G, E, A#, F#, C# in T. 218, 04:52), die sich am Ende des Stückes auflösen, einen Kontrast zu der zerhackten Satztechnik des Anfangs, die aus kleinen Motiven im Versatz besteht. Im übrigen ist A Tempo vielleicht eines der ersten Werke aus dem Katalog von José Manuel López López, das die Ästhetik der Klangdichtung annimmt, in welcher Spiritualität und Klangphysik verwoben sind.

Man mache sich ein Bild aus der Anmerkung des Komponisten, im Tonfall etwa eines imaginären Zugeständnisses von Borges: In diesem Stück »fand ich mich im Zustand einer unerwarteten, eigenartigen chemischen Reaktion, die mich vorantrieb und Takt um Takt weiter in ein Experiment hineintrieb; die mir erlaubte, Wege zu beschreiten, die ich sonst niemals eingeschlagen hätte.

So kam es, dass ich allmählich die Symbiose erreichte, die mir jahrelang vorschwebte: die Umwandlung von Klangdichtung in Naturwissenschaft und von Naturwissenschaft in Musik. Eine unendliche Anzahl von Geisteszuständen, Gefühlen oder tief verwurzelten Anwandlungen stellten sich ein und gelangten durch eine musikalische Sprache von einfachen, direkten Gesten in das Reich der physikalischen Grundgesetze, die den Klang regieren.«

Das Nicolas Brochot gewidmete Stück Rhea (1989) für Streichtrio und Instrumentalensemble zeugt von einer intensiven Arbeit an der musikalischen Zeit: reô, griechisch für ›fließen‹; Rhea, die »Göttin der Zeitdauer«, wie der Komponist sagt. Knapper als die Stücke davor, ist es gleichzeitig auch grober – weniger leicht, klassischer in gewissem Sinne – es klingt ein bisschen nach ›zeitgenössischer Musik‹; es arbeitet weniger an Klang, Klangfarbe und Ablauf als an Harmonie und Gestik.

Die ursprüngliche räumliche Inszenierung (die Solisten stehen in der Mitte der Bühne, das Ensemble ist in zwei Untergruppen aufgeteilt, jeweils rechts und links platziert) lässt den jungen José Manuel López López neuartige Klangvorstellungen einbringen. Im übrigen »dient die Beziehung zwischen Zeit und Raum […] der Entwicklung der Form – nicht etwa hin zu einem flachen und gradlinigen Objekt, sondern zu einem Objekt mit verschiedenen, wechselnden Oberflächen, einer Art dreidimensionaler Klangskulptur, welche sich vor uns bewegt, um sich in all ihren verschiedenen Hör-aspekten zu präsentieren«.

Makis Solomos
Übersetzung aus dem Französischen: Franz Dartmann

Quellenangaben zu den Zitaten: Notizen von José Manuel López López zu seinen Werken; ›La biología del sonido‹, Gespräch mit José Manuel López López in Andrew Ford/José Luis Téllez: Música presente, Perspectivas para la música del siglo XXI (Madrid, Fundación Autor, 2006)

Programm:

[01] Le parfum de la lune (2003) 17:49
for solo violin and ensemble

Anne Mercier, violin
PluralEnsemble

[02] El arte de la siesta (2005) 18:28
for solo accordion, flute, clarinet, piano, percussion, violin, violoncello and realtime electronics

Esteban Algora, accordion
PluralEnsemble

[03] A Tempo (1998) 15:00
for solo violoncello and ensemble

David Apellániz, violoncello
PluralEnsemble

[04] Rhea (1989) 05:58
for string trio and ensemble

PluralEnsemble
Ensemble Orchestral Contemporain

total time: 57:14

Fabián Panisello, conductor

Pressestimmen:

05/09

 

CD Compact

05/09

 

 


09.04.2009

Spanischer Impressionismus

Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 

Spanische Komponisten scheinen bei den Labels zurzeit recht beliebt zu sein. Eine ganze Reihe legt das Wiener Label Kairos auf, erschienen sind bereits unter anderem Werke von José M. Sánchez-Verdú und Hèctor Parra. Der in Paris lebende José Manuel López López wird dort nicht fehlen. Auch das Label Neos macht sich um die Verbreitung seiner Werke verdient und hat jetzt eine SACD (abspielbar auch auf CD-Spielern) mit Ensemblewerken von José Manuel López López veröffentlicht.
Siesta
Die Kompositionen entstanden zwischen 1989 und 2005, also in einem Zeitraum von 16 Jahren. Hier ist, wenn man die vier Titel von hinten nach vorn hört, eine interessante kompositorische Entwicklung zu verfolgen. So fehlt es dem frühesten Werk ‚Rhea‘ noch etwas an einer eigenen kompositorischen Sprache, es klingt eben so, wie neue Musik damals klang. Individueller wird seine Sprache mit ‚A Tempo‘ von 1998, das als eine der ersten seiner Klangdichtungen gelten kann. Mit den beiden neuesten Werken, ‚Le parfum de la lune‘ (2003) und ‚El arte de la siesta‘ (2005) hat José Manuel López López die Kunst seiner Klangdichtung zur Vollkommenheit entwickelt. Sie zeichnet sich aus durch den raffinierten Einsatz gelungener Instrumentenkombinationen, in ‚El arte de la siesta‘ noch unterstützt von einer unauffällig mit dem herkömmlichen Instrumentarium verschmolzenen Echtzeit-Elektronik, mit denen José Manuel López López schöne Mischungen erzeugt. ,Schön‘ ist hier das treffende Wort, denn er strebt nach Klangschönheit. Bemerkenswert ist auch sein Gefühl für Phrasen, die bei ihm fast zu einem lebendigen Atmen werden. Weiter auffallend, neben der Verwendung sehr hoher Töne, ist die wirklich gelungene Erzeugung von Atmosphären. Dramatisch geschieht wenig, die Spannung rührt von den filigranen und sehr abwechslungsreichen Zeichnungen der Atmosphären her. Da flirrt es vor Hitze, da hört man einen Regen. Und oft kommt der Gedanke auf, dass hier wieder an den Impressionismus eines Claude Debussy angeknüpft wird.
Virtuos
Das Plural Ensemble spielt die Kompositionen einfühlsam und virtuos, bringt die Luft vor Hitze zum Zittern, schiebt eine Wolke vor die Sonne, lässt die Hörer die Nässe des Regens spüren. Die gelungene Produktion wird noch abgerundet von einem ansprechenden Booklet, das mit Notenbeispielen jeder der vier Werke aufwartet.

Patrick Beck

 

Diverdi 12/2008

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