Luigi Nono: A Pierre. Dell’azzurro silenzio, inquietum – …sofferte onde serene… – Omaggio a György Kurtág – Con Luigi Dallapiccola

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Veröffentlicht am: Juni 22, 2012

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WIDMUNGEN

Zwischen 1981 und 1984 schuf Luigi Nono die Erstfassung, unmittelbar nach deren Uraufführung dann die endgültige Gestalt seines zentralen Werkes der 1980er Jahre, des Prometeo. Tragedia dell’ascolto. Alle Werke, die nach dem legendären Streichquartett Fragmente – Stille, An Diotima (1979/80) entstanden sind, verstand der Komponist als »Wege zum Prometeo«. Doch bereits im für Maurizio Pollini entstandenen Klavierstück (mit einem schattenhaften Tonband) …sofferte onde serene… und im »in memoriam«-Schlagzeugstück Con Luigi Dallapiccola lassen sich erste Ansätze dessen erkennen, was über das Streichquartett zu Das atmende Klarsein für Chor, Soloflöte und Live-Elektronik (1981) geführt hat. Nono selbst hat mehrfach darauf hingewiesen, dass erst mit diesem Werk erreicht worden sei, was er nach Al gran sole carico d’amore, der »azione scenica« von 1975, gesucht habe.

Bezeichnenderweise begann im November 1980, ein halbes Jahr nach der Uraufführung des Quartetts, Nonos Arbeit im damaligen, von Hans Peter Haller geleiteten EXPERIMENTALSTUDIO der Heinrich Strobel-Stiftung in Freiburg im Breisgau. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre war das große Ziel die »Tragedia dell’ascolto« Prometeo. Ursprünglich sollte das vollständige Atmende Klarsein diesen Prometeo beschließen. Die auf den Prometeo folgenden Werke gehen weitgehend von verschiedenen, in diesem Werk erreichten kompositorischen Erfahrungen aus.

Besonders aufschlussreich ist das bei Omaggio a György Kurtág, gleichsam Nonos Antwort auf Omaggio a Luigi Nono, das sein Freund György Kurtág 1979 für Chor a capella auf Texte der Lyrikerinnen Anna Achmatova und Rimma Dalos komponiert hatte. Die Uraufführung von Omaggio a György Kurtág in Florenz war eine weitgehende, auf eine Reihe von Abmachungen zwischen dem Komponisten und seinen Interpreten beruhende Improvisation; doch diese »geleitete« Improvisation beruhte auf der intensiven experimentellen Arbeit des Komponisten mit seinen Interpreten. Erst drei Jahre später hat Nono das Omaggio a György Kurtág schriftlich in einer Partitur festgelegt.

Alle im und mit dem Freiburger EXPERIMENTALSTUDIO entstandenen Werke, beginnend mit dem Atmenden Klarsein, beruhen in erheblichem Maße auf dieser unmittelbaren, sich über Jahre erstreckenden Zusammenarbeit mit bestimmten Musikern. Jedes neue Werk war seinerseits wieder ein neuer Ausgangspunkt für das folgende. In einer ersten, »experimentellen Phase« ging es Nono zunächst darum, die klanglichen Möglichkeiten der einzelnen Instrumente und der jeweiligen Singstimme unter Zuhilfenahme der Appa-rate des Studios zu erkunden. Die daraufhin niedergeschriebenen Partituren beruhen auf diesen experimentell, improvisatorisch erarbeiteten Materialien und deren Transformationsmöglichkeiten durch die Live-Elektronik.

Nicht weniger bedeutungsvoll waren die daran anschließenden Proben; Nono hat in den schriftlichen Partituren oft gewisse Entscheidungen dieser Probenphase vorbehalten. Das gemeinsame Erarbeiten eines Werkes mit den Musikern und den Mitarbeitern des EXPERIMENTALSTUDIOS hat Nonos Komponierweise auf dem Weg zu Prometeo und darüber hinaus ebenso grundlegend verändert wie das Verhältnis zwischen Komponist und Interpreten. Von einigen Werken, etwa von Risonanze erranti (1986), entstanden nacheinander für jede neue Aufführung unterschiedliche Ausarbeitungen, bis eine endgültige Fassung vorlag und gedruckt wurde.

Ganz ungewöhnlich innerhalb von Nonos Gesamtschaffen war es, dass mit …sofferte onde serene… eine ganze Reihe klein besetzter Werke für jene Musiker entstanden, mit denen er intensiv zusammengearbeitet hat; sie wirkten fast ausnahmslos auch in größer besetzten Werken mit, darunter der Flötist Roberto Fabbriciani, der Klarinettist Ciro Scarponi, der Posaune- und Tubaspieler Giancarlo Schiaffini und die Altistin Susanne Otto.

Über eine angebliche »Wende« in Nonos Schaffen nach Al gran sole ist nach der Uraufführung des Streichquartetts viel gerätselt worden; doch selbst für jene, die ihm damals persönlich nahe standen, blieben die Gründe der auffälligen Veränderungen seines Schaffens nach den fünf Jahren zwischen Al gran sole und dem Streichquartett im Dunkel, einer Zeit, in der nur gerade …sofferte onde serene… und das Werk für Dallapiccola entstanden sind.

Das Gedenken an Verstorbene hingegen verbindet diese späten Werke mit Nonos Schaffen seit dessen Beginn, dem Epitaph für F. G. Lorca, dem Canto sospeso und vielen anderen. Als Rückblick auf die ersten Begegnungen mit Pierre Boulez hat der Komponist auch seine Hommage zum sechzigsten Geburtstag von Boulez, A Pierre. Dell’azzurro silenzio, inquietum verstanden.

Nono selbst antwortete auf solche Fragen im Mai 1981: »Nach dem Gran Sole hatte ich das Bedürfnis, meine ganze Arbeit und mein ganzes Dasein als Musiker heute und als Intellektueller in dieser Gesellschaft neu zu durchdenken, um neue Möglichkeiten der Erkenntnis und des Schöpferischen zu entdecken. Manche Konzepte und Ideen sind abgestanden, heute ist es unbedingt nötig, die Phantasie so weit wie möglich in den Vordergrund zu stellen.«

Auf die Frage, wohin er gelangen wolle, lautete die Antwort: »Vor allem zum Prometeo. Aber ich muss mir jetzt selber Klarheit schaffen, meine eigene Arbeit besser verstehen. Bis jetzt sind meine musikalischen Werke – im Positiven wie im Negativen – allzu schematisch-ideologisch verstanden und meine (musik-) sprachlichen, stilistischen und strukturellen Anliegen sind etwas unterbewertet worden.« Die Frage, was denn Nono zu diesen Einsichten getrieben hatte, war damit jedoch nicht beantwortet. Die Versuchung, psychologische Antworten zu suchen, bleibt groß, aber Antworten lassen sich kaum in der Biographie, auch nicht in Nonos Texten oder Briefen finden: Luigi Nonos Biographie sind seine Werke.

Im Laufe der 1980er Jahre schienen bei ihm Perioden der Euphorie und solche tiefer Depressionen immer weiter auseinanderzuklaffen. Doch derartige Gegensätze gab es längst. »Kaum einer irrte so schutzlos mit seinem Widerspruch herum«, schrieb Helmut Lachenmann und fuhr hellsichtig fort: »Im übrigen mag über die Komplexität und Widersprüchlichkeit des Menschen Luigi Nono, seine Verletzlichkeit und Verletztheit, seine Warmherzigkeit und seine Grausamkeit, seine tiefgründige Übermütigkeit und seine Depressivität, seine rückhaltlose Zuwendung zu und seine oft eiskalte Abwendung von seiner Umgebung, seine Entzündbarkeit im Positiven wie im Negativen, derjenige weiterreden, der glaubt, menschlicher Komplexität schlechthin – und dies mit sprachlichen Mitteln – gewachsen zu sein.«

Dabei war es Helmut Lachenmann völlig klar, dass sich Nono in diesen Jahren mit einer vorher nie gesehenen Radikalität selbst in Frage gestellt hatte. Alle – auch die ideologischen – Schutzmauern hatte dieser verletzliche Komponist nach 1975 eingerissen. Er war zu einem Suchenden, auch einem Irrenden, Fragenden geworden, und alle Werke dieser SACD legen davon Zeugnis ab.

Mehr noch: Für den Nono der 1980er Jahre bildete das Hören das absolute Zentrum seines Komponierens. Dazu äußerte er in seinem Genfer Vortrag mit dem bezeichnenden Titel Der Irrtum als Notwendigkeit im März 1983: »Musik hören. Das ist sehr schwierig. Ich glaube, dass das heute ein seltenes Phänomen ist. Man hört literarische Dinge, man hört, was geschrieben wurde, man hört sich selbst in einer Projektion…«.

Über seinen letzten Werken stehen Worte von Antonio Machado, die dieses kompositorische Selbstverständnis, aber auch seine Zielsetzungen im Bild eines Wanderers zum Ausdruck bringen: »Wanderer, deine Spuren / sind der Weg, sonst nichts; / […] Wanderer, es gibt keinen Weg, / Weg entsteht im Gehen«.

Was für den Komponisten entscheidend geworden war, ist auch für den Hörer dieser Werke – für die Hörer aller anspruchsvollen Kunst, sei es mittelalterliche Einstimmigkeit, Josquin, Beethoven oder Musik der Gegenwart – von ausschlaggebender Bedeutung: Ein suchendes, irrendes, erkundendes Hören, das neue Horizonte, unbekannte Hörwelten eröffnet.

Jürg Stenzl

Programm:

[01] A Pierre. Dell’azzurro silenzio, inquietum 09:25
for bass flute, double bass clarinet and live electronics (1985)

Roberto Fabbriciani, flute
Ernesto Molinari, clarinet

EXPERIMENTALSTUDIO des SWR, live electronic realisation
Michael Acker, sound direction & music computing
André Richard, supervisor

[02] …sofferte onde serene… 14:14
for piano and tape (1976)

Markus Hinterhäuser, piano

EXPERIMENTALSTUDIO des SWR, live electronic realisation
André Richard, sound direction

[03] Omaggio a György Kurtág 17:56
for alto, flute, clarinet, tuba and live electronics (1983/1986)

ENSEMBLE EXPERIMENTAL
Susanne Otto, contralto
Roberto Fabbriciani, flute
Ernesto Molinari, clarinet
Klaus Burger, tuba

EXPERIMENTALSTUDIO des SWR, live electronic realisation
Michael Acker/Reinhold Braig/Thomas Hummel, sound direction & music computing
André Richard, supervisor
Detlef Heusinger, conductor

[04] Con Luigi Dallapiccola 12:53
for six percussionists and live electronics (1979)

Les Percussions de Strasbourg
Jean-Paul Bernard, Claude Ferrier, Bernard Lesage,
François Papirer, Keiko Nakamura, Olaf Tzschoppe

EXPERIMENTALSTUDIO des SWR, live electronic realisation
Reinhold Braig and Joachim Haas, sound direction & music computing

total time: 54:27

Pressestimmen:

Juli/August 2015

…interessant — das habe ich lange Jahre nicht mehr gespielt… Crumb? Nein? Was ist es dann? Nono – ich habe noch nie in meinem Leben was von Non gespielt, das ist komisch. … Klingt aber toll, wie heisst das? Con Luigi Dallapiccola: Das muss ich mir aufschreiben. Was mich hier fasziniert, sind die Klänge: die haben nicht einfach irgendwelche Triangeln genommen, sondern die sind aufeinander abgestimmt — und das macht es dann besonders. Wobei sich die Wahl der Instrumente in den letzten 20 Jahren radikal verändert hat: Früher haben die Komponisten fast alle immer kleine und große Trommel verwendet, Rührtrommel, Xylophon, Becken und Triangel. Mittlerweile ist das Instrumentarium explodiert und es werden von den Komponisten unheimliche viele Instrumente aus Afrika, Asien und Südamerika eingesetzt. Es ist heute sehr viel multikultureller und mit Bezügen aus unterschiedlichsten Musikrichtungen.

 


06.04.2014

Komplette Rezension auf klassik.com

[…] Das Ensemble Experimental widmet sich Werken von Luigi Nono mit größtem Erfolg. […] Luigi Nono war ein Komponist subtiler Klänge, aber es ging ihm nicht nur um Klang und die Verwandtschaft des Klangspektrums unterschiedlicher Instrumente, sondern auch um die Verwandtschaft von Musik verschiedener Epochen. […]  Jede Komposition wurde von
diesen exzellenten Musikern – emphatisch formuliert – in ihrem tiefsten Wesen erfasst. Diese Interpretationen leben, sie atmen den durchaus Geist romantisch-moderner Gegenwart. Und gerade die aus dieser Haltung erwachsene
Gegenwartsnähe, die musikalisch unmittelbar ansprechende Vitalität ist es, die den Werken eine intensive Aufmerksamkeit sichert. […] Eine wichtige Einspielung, nicht nur für Freunde neuer Musik. […]

Michael  Pitz-Grewenig

12.2013, Sémele Número 3

Todas las obras que Nono creó en el ámbito del Experimentalstudio de Friburgo espigan a partir de una serie de colaboraciones duraderas con sus intérpretes. De esta manera, cada nueva pieza compuesta suponía una nueva línea de fuga con respecto de la anterior. En todas ellas cristaliza su preocupación por la experiencia de la escucha: son obras en las que la audición adquiere un valor activo de búsqueda, de vagabundeo, que abre el oído a nuevos horizontes y mundos sonoros.

 


18.03.2013

Ce nouveau volet discographique consacré à Luigi Nono (1924-1990) comprend, «A Pierre. Dell’azzurro silenzio, inquietum» de 1985 pour flûte basse, double clarinette basse et électroniques live, «…sofferte onde serene…» de 1976 pour piano et bande magnétique, «Omaggio a György Kurtag» de 1983/1986 pour alto, flûte, clarinette, tuba et électroniques live, ainsi que «Con Luigi Dallapiccola» datant de 1979 pour six percussionnistes et électroniques live.

«Ce qui était devenu décisif pour le compositeur est également d’une importance déterminante pour l’auditeur de ces œuvres – pour les auditeurs de tout art exigeant, que ce soit la monodie médiévale, Josquin, Beethoven ou la musique du présent : une écoute en recherche, en errance, en exploration, qui ouvre de nouveaux horizons, des univers auditifs inconnus», souligne avec pertinence Jürg Stenzl dans le livret d’accompagnement de l’enregistrement.

Un SACD tout simplement incontournable.

Jean-Jacques Millo

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