Peter Ruzicka: Complete Works for String Quartet

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Artikelnummer: NEOS 10822/23 Kategorie:
Veröffentlicht am: November 20, 2009

Infotext:

Literarische Fixsterne reizen Peter Ruzicka zu immer neuer musikalischer Betrachtung. Indem er in seinen Quartetten die Sprach-Skepsis von Celan, Hofmannsthal und Hölderlin reflektiert, prüft er das eigene Denken und Empfinden. Geleitet von einem scharfen, kontrollierenden Verstand, wagt er früh den Blick nach innen, ins Abgründige der Seele. Heftige emotionale Ausbrüche erscheinen rückgebunden an ein Ethos der Vernunft, der Nachdenklichkeit, der aufgeklärten Urbanität. Behutsam bereitet Ruzicka zugleich den Boden für das nicht mehr stumm-gegenwärtige, sondern explizite Wort in seinen späteren Werken. Für ein sensibles, vieldeutig-prägnantes Sprechen und Singen.

Programm:

SACD 1

01 INTROSPEZIONE · String Quartet No. 1  10:43
Dokumentation für Streichquartett (1969/1970)

… FRAGMENT… · String Quartet No. 2  08:03
Fünf Epigramme für Streichquartett (1970)
02 I 02:00
03 II 00:53
04 III 01:32
05 IV 01:06
06 V 02:33

07 Paul Celan: 12 poems from “Zeitgehöft”  06:43
Peter Ruzicka, speaker
[1] Paul Celan: 12 Gedichte aus dem Zyklus “Zeitgehöft”
[2] Wanderstaude · [3] Alle die Schlafgestalten
[4] Zwei Sehwülste · [5] Du wirfst mir · [6] Mandelnde
[7] Die Glut · [8] Wir, die wie der Strandhafer wahren
[9] Das Leuchten · [10] Die Pole · [11] Im Glockigen
[12] Was bittert · [13] Nach dem Lichtverzicht

08 KLANGSCHATTEN  01:52
for string quartet (1991)

09 …… ÜBER EIN VERSCHWINDEN · String Quartet No. 3 (1992)  22:51

total time 50:34

SACD 2

01 “… SICH VERLIEREND” · String Quartet No. 4  22:54
for string quartet and speaker (1996)
Christoph Bantzer, speaker

02 STURZ · String Quartet No. 5 (2004)  13:44

ERINNERUNG UND VERGESSEN · String Quartet No. 6  31:34
for string quartet and soprano (2008)
03 I 06:00
04 II 03:35
05 III 06:50

06 IV 03:19
07 V 01:57
08 VI 05:41

09 VII 04:12

Mojca Erdmann, soprano

total time 68:26

Minguet Quartett
Ulrich Isfort, 1st violin · Annette Reisinger, 2nd violin
Firmian Lermer, viola · Matthias Diener, violoncello

 

Pressestimmen:


24.07.2010


06/2010


 


05/06.2010


05/2010

 


2/2010

“Vorwärts gelebt und rückwärts verstanden”
Ein Besuch bei Peter Ruzicka, dessen Gedanken so überraschend sind wie viele seiner Kompositionen

Von Burkhard Schäfer

crescendo: Dürfen wir Ihre bei NEOS erschienen sechs Streichquartette als Ihr musikalisches Vermächtnis betrachten?

Ruzicka: Es ist in der Tat eine autorisierte Einspielung. Ich war von Anbeginn begleitend dabei, nachdem ich zuvor bereits das Glück hatte, mit dem Minguet Quartett bei zahlreichen Einstudierungen meiner Streichquartette beratend mitzuwirken. Die sechs Werke sind über einen sehr langen Zeitraum von fast vierzig Jahren entstanden, so dass man durchaus von einer Dokumentation sprechen mag. Die Quartette waren ursprünglich nicht als Zyklus angedacht, aber im Nachhinein fügt sich für mich nun doch der Eindruck eines geschlossenen Ganzen. Allen diesen Streichquartetten gemeinsam ist der Bezug auf bestimmte Ereignisse und Reflektionen in meinem Leben. Man könnte sagen, die Komposition dieser Werke gleicht dem Schreiben von Tagebüchern.

crescendo: Das Streichquartett nimmt in Ihrem Œuvre also schon seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle ein. Was fasziniert Sie so an dieser Gattung?

Ruzicka: Im Grunde bin ich ein ausgesprochener Orchesterkomponist. Die meisten meiner Werke sind für das große Format geschrieben, für Oper, Orchester und Kammerensembles. Die Kammermusik bildet den eher kleineren Teil des Werkkataloges. Das Genre des Streichquartetts ist für mich ein ganz persönliches, ein “Klangraum” für besondere innere Konzentration, gleichsam für die Innenwelt des Komponierens. Momente, die zu tun haben mit Erinnerung, mit Zeit, mit Stille, auch mit Werden im Vergehen. Also mehr ein Rückzug, ein Blick auf sich selbst, etwas Selbstreferentielles …

crescendo: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Minguet Quartett?

Ruzicka: Das Quartett überraschte mich eines Tages mit der Nachricht, dass es beim Festival “Kissinger Sommer” mein drittes Streichquartett “… über ein Verschwinden” spielen werde. Ich bin hingefahren, noch ohne mit dem Quartett vorher gearbeitet zu haben, und zu meiner Freude gab es dann eine dieser musikalischen Sternstunden, von denen ein Komponist nur träumen kann. Es bestand einfach Identität zwischen dem Imaginierten und der Realisation, und dabei gehöre ich eher zu den Komponisten, die ihre Werke nur schwer “loslassen” können. Aus dieser Begegnung ergab sich dann die Verabredung einer weiterführenden künstlerischen Zusammenarbeit.

crescendo: Wie sehen Sie selbst die Entwicklung von Ihrem ersten Quartett “Introspezione” aus dem Jahr 1969/1970 bis zu Ihrem sechsten und vorläufig letzten Quartett “Erinnerung und Vergessen” von 2008?

Ruzicka: “Introspezione” hat einen besonderen, gleichsam exterritorialen Hintergrund. Es ist das Protokoll eines unter ärztlicher Aufsicht unternommenen psychedelischen Selbstversuches.

crescendo: Psychedelischer Selbstversuch?

Ruzicka: Sie haben richtig gehört. Für einen Musiker war es faszinierend, das eigene musikalische Bewusstsein “gespiegelt” zu sehen. Ich versuchte dann, dieses Erlebnis wenig später in der Form eines Streichquartetts kompositorisch nachzuvollziehen. Wenn ich das Stück heute höre, ist diese einzigartige, transzendentale Erfahrung des eigenen Ichs wieder präsent. Das jüngste, sechste Quartett “Erinnerung und Vergessen” liegt denkbar weit entfernt davon. Nicht nur zeitlich durch den Abstand von Jahrzehnten, sondern auch ästhetisch. Hier sind es andere Ereignisse und Erfahrungen in meinem Leben, die reflektiert werden. Dieses Stück versteht sich als klingende Meditation über einen sehr dunklen, gedankenreichen Hölderlin-Text, die späte Hymne “Mnemosyne”. Zum Streichquartett tritt hier eine Singstimme, die zentrale Teile dieses Gedichts zu umrunden und zu deuten versucht. “Erinnerung und Vergessen” ist unmittelbar nach Beendigung meiner zweiten Oper “Hölderlin” entstanden und erscheint mir aus heutiger Sicht wie ein kammermusikalischer Nachklang zu der Gedankenwelt des Musiktheaters.

crescendo: Vielen Ihrer Werke, beispielsweise der Musik für 22 Streicher “… Ins Offene …” und dem Streichquartett Nr. 5 “Sturz”, liegen – Ihren eigenen Werkkommentaren zufolge – abstrakte Bewegungsmuster zugrunde. Handelt es sich also um Musikdramen im Kleinen?

Ruzicka: Ich habe nichts gegen eine solche Beschreibung einzuwenden. Ich denke etwa an das bedrängende Bild, aus der Finsternis eines engen Tunnels heraus ins Offene zu gelangen. Hier erscheint die Musik als eine fast haptisch erfahrbare, sich befreiende Klangrede. Beim fünften Streichquartett “Sturz” ist es das beständig insistierende Abwärtsdriften einer musikalischen Gestalt. Dies vor dem Hintergrund eines sehr ausgedehnten “Zeitschleiers”, einer filigranen Konstruktion sich ständig wiederholender und gleichsam selbst erinnernder Strukturen.

crescendo: Die Titel sind also eine Art Interpretations- oder Assoziationshilfe für die Hörer?

Ruzicka: Ich denke, wenn ein Hörer mit solchen Werktiteln versehen diese Stücke hört, wird ihm dies eine Hörhilfe bedeuten. Der Titel des vierten Streichquartetts “… sich verlierend” etwa, also ein imaginäres Ziel verfehlen, Abbrechen eines gedanklichen oder physischen Prozesses, dies mag assoziativ nachvollziehbar sein. Solche Leitgedanken als Werktitel stehen bei mir selten am Anfang, sind eher Resümee der besonderen Poetik eines Stückes.

crescendo: Wie nähern Sie sich einer neuen Komposition? Machen Sie sich viele Notizen – Worte, Zeichnungen?

Ruzicka: Es gibt für mich zwei verschiedene Typologien. Einmal sind es Stücke, die mir in einem bestimmten Moment ganz vollständig und unveränderlich vor Augen stehen – dann versuche ich, diese Inspiration grafisch festzuhalten, in “Echtzeit” zu notieren …

crescendo: … wovon viele Komponisten ja träumen …

Ruzicka: … In der Tat! Überspitzt gesagt ist dann die weitere Ausarbeitung der Partitur nur eine Frage der Zeit. Der andere Typus ließe sich so beschreiben, dass aus einer Anfangszelle nur zögernd und allmählich eine Gestalt entsteht, diese sich durch kompositorische Techniken weiterentwickelt, dabei vielfach wieder verworfen wird und erst nach vielen, allerdings durchaus produktiven Umwegen die endgültige Gestalt erwächst. Bei diesem Prinzip des “trial and error” beträgt die Kompositionszeit natürlich ein Vielfaches.

crescendo: Sie haben einmal geschrieben, dass Ihre Auseinandersetzung mit der “Musik über Musik” in den 1990er Jahren einer “übergreifenden Schreibweise wich, die den langen Blick” zu suchen schien. Können Sie uns das erklären?

Ruzicka: Zum Stichwort “Musik über Musik” nur so viel: Es gab in den achtziger und frühen neunziger Jahren eine Phase in meiner kompositorischen Arbeit, in der ich mich sehr mit bestimmten Aspekten der musikalischen Tradition auseinandergesetzt habe, die eine Art “utopischen Überschuss” beinhalteten, etwa in der Musik von Schumann, Thomas Tallis, Mahler oder auch Allan Pettersson. Der Gedanke an ein Weiterdenken des Unabgeschlossenen, nicht Umgreifenden hat meine eigene Musik damals geprägt. Der “lange Blick” ist nun eher der Versuch, aus dem Bannkreis der die Kunst noch immer beherrschenden Postmoderne zu einer neuen “Zweiten Moderne” vorzustoßen. Dieses Ziel habe ich mir gerade auch als Intendant beständig gestellt. Ein solcher Paradigmenwechsel wird kommen, dessen bin ich gewiss, auch wenn zunächst der richtige Weg noch wichtiger als das Erreichen des Ziels erscheint.

crescendo: Wie wird sich klassische Musik – insbesondere Kammermusik – Ihrer Meinung nach entwickeln? Wo sehen Sie neue, zukunftsweisende Ansätze?

Ruzicka: Ästhetische Entwicklungen werden vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Prognosen, wo ich künstlerisch in zehn Jahren stehen werde, vermag ich wirklich nicht zu geben, auch nicht bei der Zielbestimmung einer “Zweiten Moderne”. Adorno hat ja diesen wunderbaren Satz gesagt, es sei unsere Aufgabe, Dinge zu tun, von denen wir nicht wissen, was sie sind. Und eben dies bleibt die beständige Herausforderung für uns Komponisten. Wir dürfen uns in keinem Moment zufrieden geben mit dem Kanon des schon Gewussten und Bewussten. Vielmehr gilt es, das Unbekannte, das vielleicht schon potenziell Erkennbare, zu erkunden und musikalisch zu formulieren.

crescendo: Gab es in Ihrer musikalischen Vita Berührungspunkte zur Pop-Bewegung?

Ruzicka: Ganz früh ist einmal ein Stück für Beatband und Sinfonieorchester entstanden. Später habe ich mich dann von dieser Jugendsünde distanziert, weil es mir nicht gelungen ist und wohl auch nicht gelingen konnte, diese kategorial unterschiedlichen Musiksprachen zusammenzudenken. Es war wohl eine Utopie, eine “Versöhnung” dieser Sphären, die ästhetisch so diametral verschiedene Wege gehen, für möglich zu halten.

crescendo: Warum sind Pop und Klassik Ihrer Meinung nach zwei unversöhnliche Sphären?

Ruzicka: Die Barrieren beginnen schon mit dem Auseinanderdriften der Reproduktionsbedingungen. Allerdings gibt es auf anderer Ebene durchaus interessante Querbeziehungen. Etwa in meiner Arbeit als künstlerischer Leiter der Münchener Biennale. Da erleben wir, dass bei bestimmten Veranstaltungsstätten, wie zum Beispiel der Muffathalle, wo sozusagen sechs Tage in der Woche Popmusik gemacht wird und wir dann neues Musiktheater aufführen, ein breites, eben nicht spezialisiertes Publikum zu uns strömt – und dann fasziniert ist von Neuer Musik, die es zuvor noch nie so erlebt hat.

crescendo: Das ist aber doch ein gutes Zeichen?

Ruzicka: Ja, durchaus. Ich glaube deshalb nicht, dass es prinzipielle Verständnisbarrieren gibt, sondern vielmehr Hürden durch den ganz unterschiedlichen, sozial eingeübten Kontext. Da gibt es einfach Berührungsängste. Immerhin zeigen aber solche Phänomene wie bei der Münchener Biennale, dass wir aufgefordert sind, auch ein breites Publikum durch geeignete Formen der Vermittlung mitzunehmen. Nichts ist wichtiger als gerade diejenigen künstlerisch zu erreichen, die nicht ohnehin schon “bekehrt” sind. Deshalb möchte ich diese Erfahrung als Programmmacher keinesfalls missen.

– Peter Ruzicka –
Ruzicka (*1948 in Düsseldorf) genoss seine musikalische Grundausbildung am Hamburger Konservatorium (Klavier, Oboe, Kompositionstheorie). Seit 1977 ist er als Komponist tätig, seine Werke wurden von führenden Orchestern und Ensembles in aller Welt gelobt und gespielt. Seit 1990 ist er außerdem Professor an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Ruzicka wirkte als Intendant des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin, der Staatsoper Hamburg der Hamburger Philharmoniker und der Salzburger Festspiele. 1996 übernahm er die künstlerische Leitung der Münchener Biennale (27.4.-12.5.2010), die er noch heute innehat. Ruzicka lebt in Hamburg.

 

Auszeichnungen & Erwähnungen:

Echo Klassik 2010
KAMMERMUSIK-EINSPIELUNG DES JAHRES (20./21. Jahrhundert) (Streicher)
Minguet Quartett

 


06/2010


 


05/2010

 

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