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Wolfgang Rihm: La musique creuse le ciel

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Artikelnummer: NEOS 10721 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: Juni 5, 2009

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Ausgeweideter Himmel – La musique creuse le ciel

Wolfgang Rihms La musique creuse le ciel für zwei Klaviere und großes Orchester ist ein Frühwerk, entstanden zwischen 1977 und 1979; der Komponist war zu Beginn der Arbeit an dieser Partitur 25 Jahre alt. Es ist der Geniestreich eines ›jungen Wilden‹, der zu Beginn seiner Laufbahn das Establishment der damaligen Avantgarde kräftig durcheinanderwirbelte.

Rihm bricht in diesem Werk die hermetischen Gefüge der seriellen Musik bewusst auf: Die klaren Konturen sowie das dichte Geflecht motivischer Strukturen und charakteristischer Gesten zeigen aus immer neuen Blickwinkeln einen musikalischen Kosmos, der auf blockhafte Setzungen weitgehend verzichtet und statt dessen permanent ›im Fluss‹ zu sein scheint. In der Tat handelt es sich um ein frühes Beispiel für Rihms Vorstellung einer ›fließenden Musik‹, die er in späteren Jahren, vor allem seit Anfang der 1990er Jahre, wieder aufgreifen und vertiefen sollte.

Der Titel stammt aus den nachgelassenen Gedichten von Charles Baudelaire und ließe sich etwa mit ›Die Musik weidet den Himmel aus‹ übersetzen. Als Rihm die Arbeit an diesem Werk in Angriff nahm, hatte er sich bereits intensiv mit den Dichtern des Expressionismus und der Lyrik Paul Celans auseinandergesetzt und dabei – insbesondere im Verhältnis zu Celan – das Stadium der ›eigentlichen Zwiesprache‹ mit dem Dichter erreicht, wie es Josef Häusler einmal formulierte.
Zwiesprache ist auch das zentrale Moment dieser Komposition, und das in mehrfacher Hinsicht. Im Zentrum stehen die beiden Solisten. Ihnen gehören Passagen eindeutiger Dominanz, bei denen sie nur Impuls gebend vom Schlagwerk begleitet werden. Daneben agieren sie auch als Solisten oder als Solist in Form von zwei Personen in Zwiesprache mit dem Orchesterapparat. Über weite Strecken des Werkes aber sind sie Teil des großen Ganzen, erscheint das Dialogisieren innerhalb verschiedener Konstellationen des gesamten Klangkörpers.

Das Werk ist klar gegliedert. Generalpausen und Passagen äußerster musikalischer Reduktion markieren deutliche Zäsuren innerhalb des musikalischen Flusses. Am Beginn steht ein Dreitonmotiv, das im weiteren Verlauf des Werkes immer wieder auftaucht, an einer Stelle sogar auf Vierteltöne komprimiert. Die Entgegnung auf dieses dreitönige Motiv ist ein weiteres musikalisches Ur-Element, ein geradezu ausuferndes Tremolo in den Soloinstrumenten. Aus diesen beiden Motiven entwickelt sich ein packendes, äußerst dichtes Miteinander.

Doch der musikalische Verlauf entsteht nicht durch die thematische Verarbeitung dieses Materials. Die beiden Grundelemente bilden lediglich die Eckpfeiler, zu denen Rihm immer neue Gegenpole entwirft, überraschende Fortsetzungen entwickelt oder neue Klangprozesse in Gang setzt. Es ist eine Musik, die immer an Grenzen zu gehen bestrebt ist, kraftvoll, energiegeladen, virtuos in der gesamten Textur. Auch die ruhigeren Passagen sind nie spannungsfrei, sondern häufig das erste Anzeichen für nahende katastrophische Ausbrüche oder stürmische Fort- oder Weiterentwicklungen zuvor präsentierten Materials. Immer wieder kommen die Tremoli ins Spiel, wenngleich ihre dramaturgische Funktion innerhalb des Werkes oft ganz unterschiedlich motiviert ist. Trotzdem bilden sie eine klangliche Klammer, die die heterogenen Materialien zusammenschweißt.

La musique creuse le ciel kommt nicht als geschlossener musikalischer Kosmos daher, sondern mäandert, wuchert, verzweigt sich und ändert beständig Kontur und Richtung. Die Musik wechselt ihre Dichte, ihre Farbe oder ihr Profil mitunter binnen weniger Takte. Sie gleicht einer flüssigen Skulptur, die sich permanent in Bewegung befindet. Dadurch nähert sie sich einer offenen Form mit unterschiedlichen Graden von Bestimmtheit, ohne jedoch den deutlich ausgeprägten Werkcharakter in Frage zu stellen – ein großartiges Beispiel für den musikalischen Aufbruch des Neo-Expressionismus der späten 1970er Jahre.

Rhythmische Visionen – Über-Schrift

Über-Schrift für zwei Klaviere entstand 1992/2003. Mit In-Schrift für Orchester und Nach-Schrift für Ensemble gehört es zu einer Reihe von zentralen Stücken, in denen der Komponist den Prozess des Schreibens thematisiert, der ja bei der kompositorischen Arbeit eine zentrale Rolle spielt.

Einzelne Tonpunkte stehen am Beginn des groß angelegten, etwa halbstündigen Werkes. Sie geben den inneren Rhythmus vor, vor dessen Hintergrund sich immer neue Figuren und Muster abzeichnen. Am Anfang sind es immer nur kurze, oft ruppige Gesten – nahezu insistierend benutzt Rihm das rhythmische Muster ›kurz–lang‹. Erst im weiteren Verlauf entwickeln sich diese kurzen Phrasen zu komplexeren Strukturen und größeren Bögen, werden die Einzelereignisse in einen größeren Zusammenhang gestellt. Über weite Strecken wirkt der Tonsatz wie ein Puzzle, dessen Leerstellen nach und nach ausgefüllt werden und erinnert an eine zerrupfte Tanzweise oder einen durchlöcherten, allmählich rekonstruierten Tango: die Geburt der Musik aus dem Geist des Rhythmus.

Martin Demmler

Programm:

Wolfgang Rihm (*1952)

[01] La musique creuse le ciel (1977/1979) 34:12
Music for two pianos and large orchestra

[02] Über-Schrift (1992/2003) 26:33
for two pianos

total time: 60:47

 

GrauSchumacher Piano Duo

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Peter Rundel, conductor

Pressestimmen:


04/2010


03/04.2010


11.03.2010

Klangsüchtige Wonnen

Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 

Die gewissenhaft edierten CDs des Münchner Labels NEOS verdienen Aufmerksamkeit. Abseits eingefahrener Wege bemüht man sich hier um interessante Angebote, bei denen es auch für den Musikkenner noch einiges zu entdecken gilt. So gehört die vorliegende Aufnahme mit Kompositionen von Wolfgang Rihm zum Profundesten, was derzeit in den entsprechenden Musikkatalogen zum Schaffen dieses interessanten Komponisten zu entdecken ist.

Die beiden Kompositionen auf der vorliegenden CD entstammen zwei verschiedenen Phasen des Schaffens von Wolfgang Rihm. ‚La musique creuse le ciel‘ wurde in den Jahren 1977/79 komponiert, ‚Überschrift‘ begonnen im Jahre 1992, beendet aber erst im Jahre 2003. Die Kategorie des Fortschritts, die für die Musik des 20. Jahrhunderts stellenweise so bedeutsam war, hat für Wolfgang Rihm kaum eine Rolle gespielt. Ihm ging und geht es stets um kommunikative Prozesse, aber auch vor allem um das genaue Hinhören oder emphatisch formuliert, Musik als Abenteuer im Kopf.

‚Über-Schrift‘ für zwei Klaviere ist eine Expedition in die Tiefen der Klanggestaltung, hervorgerufen durch faszinierende Flagolett-Effekte, rhythmisch-melodische Figurationen usw. Das Klavierduo Andres Grau und Götz Schumacher fesselt durch klar angelegte klangliche Gestaltung und rhythmische Pointierung. Fazit: eine in sich bewegte, aber trotzdem meditative Interpretation.

‚La musique creuse le ciel‘ für zwei Klaviere und Orchester antizipiert die Komposition ‚Dialoge‘ von Bernd Alois Zimmermann. Grundsätzlich neue Aspekte ergeben sich bei Rihm nicht, aber das ist auch nicht bedeutsam. Wichtig ist vielmehr, dass hier eine quasi irreale Klangästhetik mit harmonischen Schwebezuständen, klangsüchtiger Instrumentationsartistik geschaffen wird, die bei aller ‚Traditionslastigkeit‘ und Anklängen an Bekanntes stets neu klingt, so als würde man ein Familienphoto unterm Mikroskop betrachten und dann die Einzelteile neu zusammensetzten. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Peter Rundel musiziert solide mit Bestimmtheit und Hellhörigkeit für motivische Zusammenhänge. Das Duo Grau-Schumacher präsentiert sich hier mit der gleichen Eloquenz, wie eben besprochen und realisiert seinen Part virtuos, sensibel und genau.

Die Aufnahme lässt klangtechnisch kaum Wünsche offen, bis auf die Tatsache, dass man sich des Gefühls nicht entledigen kann, dass die beiden Flügel zu sehr in den klanglichen Vordergrund gestellt worden sind. Es lohnt sich, diese Musik kennenzulernen. Zudem erschließt die Aufnahme durchaus kompositorisches Neuland und stellt einen gewichtigen Beitrag zur Rihm-Rezeption dar.

Michael Pitz-Grewenig

 


Jan/Feb.2010

La Musique greuse le ciel

Many American listeners may be surprised to discover that the music of Wolfgang Rihm (b. 1952) is regarded by many in German new-music circles as dangerously reactionary. This has to do with where one defines the boundaries of “tradition.” For Rihm, ever since he burst on the scene in his twenties, “history” has been defined by the expressionist language of the early 20th century, leavened with many of the techniques derived from later modernist advances. Though thoroughly Germanic and less overtly romantic, one can perhaps think of John Corigliano as a useful American analogue. But as I said, many in Germany find his approach anathema. The ur-revolutionary Helmut Lachenmann and the late/high/mannerist modernist Brian Ferneyhough each continue to write a music that suggests that the discoveries of the last century are far from done, and that music will eventually be something barely recognizable from its state even 60 years ago. Rihm seems to believe that our mission is to rediscover a sort of “primal piece” and rewrite it, and that because we are now the living, it will of necessity be new.

I’m not enamored of the highly dogmatic view represented by Rihm’s adversaries, and as a result, I have sympathy for his more “historicist” approach. But I do find problems with his work. He’s incredibly prolific, and it seems he barely stops to refill his pen, he writes so fast. The music is dramatic, spectacular, and overwrought. It also has struck me as somewhat superficial, despite (or maybe because of) all the Sturm und Drang.

This disc gives us two works featuring Piano Duo (Andreas Grau and Götz Schumacher). La musique creuse le ciel (1977/1979) is for duo with orchestra, and Über-Schrift (1992/2003) for duo alone. Of the two, the former (title from a line of Baudelaire, “Music hollows out the sky”) strikes me as the far more successful and engaging. It often projects somber mystery and foreboding, quite chilling. There are episodes of stunning orchestration; for one example, there’s a passage that seems to be a combination of dotted woodwind rhythms with string tremolos that becomes like a giant whirling sonic buzz saw. Though over a half hour, I found myself willing to give myself up to it. But when it was over (and more than once), I remained wondering what it all meant, if anything. There seems to be here a strong desire to please the listener, though not with easy or pretty sounds, but rather with spectacular sonic shock effects. And the role of the pianos is problematic for me. For long stretches they are submerged in the texture, so they seem an afterthought, and are a little shocking whenever they reassert themselves.

Über-Schrift is more recent, but for me even less satisfying. It’s jarring, disjunct, and abrasive in its sounds; there are lots of sharp attacks against soft backgrounds. For me, this is by now something of a new-music cliché. The music does slowly coalesce from isolated events into something more continuous, but that doesn’t seem like a big payoff.

In the end, the effect of Rihm’s music seems like elevated film music. This isn’t a facile put-down; indeed it’s what intrigues me the most about it. At its best, this music seems to accompany some sort of not-quite-seen scenario, forcing you as a listener to exercise your imagination to its highest to link the sound and interior visuals. Going back to tradition, perhaps Rihm’s closest musical grandfather is Richard Strauss.

The performances are committed, accurate, and suitably intense. In the double concerto, there’s a lot to enjoy, dark and sensual. But I’m still not sold on any particular profundity here.

Robert Carl

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