York Höller: Topic – Horizont – Mythos – Schwarze Halbinseln

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Artikelnummer: NEOS 10829 Kategorie:
Veröffentlicht am: Mai 15, 2010

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Musik als Klangrede
Ein Porträt des Dichters in Klängen: York Höller

Die Uraufführung von Topic durch das Orchester der Kölner Musikhochschule im Großen Sendesaal des WDR Köln brachte York Höller 1967 den Durchbruch. Ein Vertreter des Schott-Verlags nahm den jungen Komponisten daraufhin unter Vertrag, und auf Veranlassung des Musikredakteurs Otto Tomek spielte das WDR Sinfonieorchester unter Leitung von Michael Gielen die revidierte Fassung des Stücks 1970 beim Warschauer Herbst, den Darmstädter Ferienkursen und erneut in Köln. Durch diese Folgeaufführungen fand Höller wichtige Interpreten in Pierre Boulez, Daniel Barenboim und Hans Zender. Zudem wurde er von Karlheinz Stockhausen, dem Leiter des Studios für Elektronische Musik des WDR, eingeladen, hier seine erste und einzige reine Tonbandkomposition Horizont zu realisieren.

Topic (1967) ist Höllers erstes von vielen weiteren Orchesterwerken und steht noch unter dem Einfluss des Studiums bei Bernd Alois Zimmermann und der eindrücklichen Uraufführung von dessen Hauptwerk Die Soldaten an der Kölner Oper 1965. Die neun Abschnitte sind in Charakter, Dynamik, Tempo und Instrumentation teils extrem unterschiedlich und bilden gerade in ihrem Kontrast eine übergeordnete Einheit. Unverkennbar ist das souveräne Talent des damals 23-Jährigen im Umgang mit dem großen symphonischen Apparat und bei der Gestaltung dramatischer Spannungsbögen. An Zimmermann erinnern Fanfaren-Attacken der Trompeten sowie eine gewisse stilistische Offenheit mit gelegentlichen Anklängen an Barock- und Jazz-Musik. Zugleich handelt es sich bei aller ungebärdigen, teils ins Katastrophische gesteigerten Wildheit um eine sehr planvolle Musik. Der englische Werktitel meint soviel wie Thema oder Gegenstand einer Diskussion und betont Leitideen, die Höllers gesamtes Schaffen bestimmen: klare Konstruktion, expressive Ansprache, poetischer Gehalt und die Vorstellung von Musik als Klangrede. Statt wie andere Komponisten seiner Generation die serielle Nachkriegsavantgarde einseitig abzulehnen, fand Höller unter Berücksichtigung wahrnehmungspsychologischer Erkenntnisse zu einer individuellen Verbindung von strukturellem Denken mit spontaner Erfindung und »effektivem Gehörseindruck«. Dabei ließ er sich immer wieder von außermusikalischen Eindrücken inspirieren, von räumlichen, bildlichen, literarischen, philosophischen oder naturwissenschaftlichen Vorstellungen, die dem Hörer weite Assoziations- und Erlebnisräume öffnen.

Frühzeitig orientierte sich Höller am Ideal von Musik als lebendigem Organismus, dessen sämtliche Bestandteile wie bei einem genetischen Code sowohl in jeder Zelle als auch in der Struktur des Ganzen enthalten sind. Analog dazu wollte er in seiner 4-Kanal-Tonbandkomposition Horizont (1971/72) ohne vorgefertigten Formplan mit relativ eingeschränktem, rein elektronisch generiertem und transformiertem Material eine stilistisch einheitliche, prozessartig sich entfaltende und vor allem »eigene, sehr persönliche Klangwelt« schaffen. Mit der Schnittlinie von Endlichem und Unendlichem beschreibt der Werktitel die intendierte Verbindung von mathematischer Kons-truktion mit musikalischer Expression bzw. den Formverlauf des Stücks als »imaginären Kreis, der Geschlossenheit und Offenheit zugleich repräsentiert«. Der Untertitel Elektronische Musik in Form eines Essays über logarithmische Gefühle spielt dagegen auf den »Essay über Gefühle« an, den die Hauptperson Ulrich in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften zu schreiben beabsichtigt. Zudem benennt er den psychophysischen Umstand, dass das Unterscheidungsvermögen der menschlichen Sinnesorgane nach logarithmischen Abstufungen funktioniert, welche auch die Zeitgestaltung des Stücks bestimmen.

Ende der 1970er Jahre beschäftigte sich Höller mit Wagners Musikdramen sowie mit den psychoanalytischen Schriften Carl Gustav Jungs und der von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gemeinsam verfassten Dialektik der Aufklärung. Diese Auseinandersetzung vermittelte ihm die Einsicht, dass Musik über mimetische Kräfte verfügt und der Natur des Subjekts zum Ausdruck verhelfen kann. Im Ensemblewerk Mythos (1979/80, rev. 1995) zielte er folglich nicht auf eine bestimmte mythologische Überlieferung, sondern auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs allgemein als Rede oder Erzählung. Tatsächlich nennt Höller sein Stück »Klanggedicht«, was den Doppelcharakter seiner Musik gut beschreibt: einerseits ist sie ein rational konstruiertes Gebilde von großem Klangreichtum und direktem, spontan-impulsivem Ausdruck; andererseits handelt es sich um in Mikro- und Makroform, Metrik, Versen und Strophen gleichsam sprachlich gestaltete Musik. Mythos wurde für Höller insofern wegweisend, als er hier erstmals »archetypische Erfahrungen« und »Urerlebnisse« anhand profilierter musiksprachlicher Gesten, symphonischer Gestaltcharaktere und instrumentatorischer Topoi gestaltete, die hier allerdings nur in sehr stilisierter Form begegnen: »Dem Werk liegen teilweise vertraute poetische Bilder und Ausdruckscharaktere zugrunde, wie z. B.: Von Wind, Wasser und der Nymphe Syrinx, Hornruf und Echo, bedrohliche Gesten, in eine Art Marche Funèbre mündend, Silberfarbenes Nocturne, Dionysischer Rundtanz, Nachtschwarzer Hymnus usw.« Dabei bediente sich Höller eines Kontinuums zwischen instrumentalen und per Tonband zugespielten elektronischen Klängen, die teils kontrastieren, teils nahtlos verschmelzen oder unmerklich ineinander übergehen. Als konstruktive Keimzelle für die harmonischen, rhythmischen und großformalen Strukturen dient eine Klanggestalt, wie sie Höller seit seinem Streichquartett Antiphon (1976) fast allen seinen Kompositionen zugrunde legte. In diesem Fall handelt es sich um eine 34-tönige Melodie, die mit demselben Ton es beginnt und schließt sowie sämtliche zwölf chromatischen Töne in zwei unterschiedlich phrasierten 17-tönigen Hälften durchläuft. Das Ergebnis sind dichte, chromatisch gefärbte Akkordkomplexe jenseits tonaler Gebilde oder Cluster.

In Schwarze Halbinseln (1982) zeichnet Höller mit dunklen Farbschattierungen ein großes Tableau ozeanisch-atmosphärischer Klanglandschaften. Er orientiert sich dabei an sprachrhythmischen Strukturen, Ausdrucksgebärden und poetischen Bildern des Gedichts Die Nacht (1911) des expressionistischen Lyrikers Georg Heym. Über einem clusterartigen Orgelpunkt von Elektronik und tiefen Streichern liegt zu Anfang das von einer Frauenstimme geflüsterte und bis zur Unverständlichkeit abgewandelte Gedicht samt gespenstischen Frauenchören und irrealen Glockenklängen wie von fernen Inseln. Das Sprachmaterial des Texts wird konsequent zu einem »Klanggedicht« musikalisiert und erst gegen Ende verständlich. In einem Brief an Höller zeigte sich der Widmungsträger des Werks Karlheinz Stockhausen beeindruckt von der »satten Farbgestaltung« und »weitgespannten Zeitgestaltung«.

Rainer Nonnenmann

Programm:

[01] Topic (1967) for large orchestra · Dedicated to Bernd Alois Zimmermann 12:56

WDR Sinfonieorchester Köln · Michael Gielen, conductor

[02] Horizont (1971/1972) quadrophonic electronic music 10:39

Dedicated to Ursula und Cuno Theobald
Studio für Elektronische Musik des WDR
Peter Eötvös and Volker Müller, realization

[03] Mythos (1979/1980, rev. 1995) · Dedicated to Hans Zender 22:52

for 13 instruments, percussion and 4-channel tape
musikFabrik · Zsolt Nagy, conductor
Studio für Elektronische Musik des WDR · Volker Müller, sound direction

[04] Schwarze Halbinseln (1982) · Dedicated to Karlheinz Stockhausen 20:53

for large orchestra, vocal and electronic sounds on 4-channel tape
Text by Georg Heym
WDR Sinfonieorchester Köln · WDR Rundfunkchor Köln
Diego Masson, conductor
Studio für Elektronische Musik des WDR · Volker Müller, sound direction
Marie-Louise Gilles, speaker (tape)

total time 67:57

* World Premiere Recordings

Pressestimmen:

Komponierte Gentechnik: Komponistenporträt York Höller

Christian Vitalis, 01.12.2010

Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 

York Höller, 1944 in Leverkusen geboren und an der Kölner Musikhochschule lehrend, gehört in die Riege der bedeutendsten deutschen Komponisten unserer Zeit. Nun ist ‚Neue Musik‘ allerdings nicht sonderlich publikumswirksam, und das Schicksal vieler Kompositionen ist es, lediglich einmal uraufgeführt und dann vergessen zu werden.

Das scheint auch hier nicht anders zu sein, denn zum einen bietet der Plattenmarkt so gut wie nichts zum Thema York Höller, und bei der hier zur Besprechung gelangenden Produktion des Labels NEOS mit vier Kompositionen handelt es sich nicht etwa um Neuproduktionen, sondern ‚lediglich‘ um die Neuausgabe präexistenten Materials – kein Zufall wohl, dass die Aufnahmen meist so alt sind wie die Stücke selbst und es sich offenbar um die einzigen Einspielungen (hier werbewirksam als ‚Ersteinspielungen‘ klassifiziert) handelt.

Nach einer Platte mit den Stücken ‚Sphären‘ und ‚Der ewige Tag‘ liegt nun bereits die zweite Produktion des Labels vor, die sich dem Kölner Komponisten widmet und vier Kompositionen enthält. Sofort fällt die liebevolle Gestaltung auf. Die in drei Sprachen vorliegenden Texte sind gut lesbar gesetzt und übersichtlich gestaltet; von jedem Werk gibt es – heute ein ziemlich selten gewordener Luxus – ein Partiturbeispiel. Gerade im der Neuen Musik ist das immer sehr aufschlussreich und interessant. In diesem Fall ergänzen die Abbildungen den etwas knapp geratenen Text von Rainer Nonnenmann, der zwar verständlich geschrieben ist, jedoch ruhig etwas weiter hätte ausgreifen können.

Die vier Werke

Während die erste Platte Werke mit Live-Elektronik präsentiert, sind es nun Kompositionen mit Tonband. Im Einzelnen sind das: die reine Tonbandkomposition ‚Horizont‘ (1971/72), ‚Mythos‘ für 13 Instrumente, Schlagwerk und Tonband (1979/80, rev. 1995) sowie ‚Schwarze Halbinseln‘ für Orchester und Tonband. Die Ausnahme ist ‚Topic‘ für großes Orchester (1967) ohne jegliche Elektronikanteile – mit diesem Werk war der junge Komponist über Nacht berühmt geworden; das Stück verrät noch den Einfluss des Lehrers Bernd Alois Zimmermann.

Höller gelingt es, bei streng durchgeplanter Konstruktion eine Musik zu schaffen, die den Hörer unmittelbar gefangen nimmt. ‚Horizont‘ ist Höllers einzige reine Tonbandkomposition. Es ertönen Mischungen verschiedener elektronisch erzeugter Klänge, wie sie zu Beginn der 1970er-Jahre wohl gerade modern waren; dem heutigen Ohr wird hier allerdings leider einiges unfreiwillig komisch anmuten. In diesem Stück sind es übrigens Logarithmen, die ihm seine Struktur geben.

Später entwickelte Höller eine eigene Kompositionstheorie, welche sich eher biologisch erklären lässt: Jeder Komposition liegt eine Keimzelle zugrunde, aus der das ganze Werk organisch erwächst; man könnte diese Keimzelle als den ‚genetischen Code‘ der Komposition bezeichnen. Neu ist diese Idee nicht, neu aber wohl die Art dieser Keimzelle und die Konsequenz, mit welcher sie die Komposition durchdringt.

‚Mythos‘ gilt als typischer Vertreter eines auf dieser Theorie fußenden Komponierens. In ‚Schwarze Halbinseln‘ schließlich kommt das textliche Element hinzu: Der Komponist hat dem Werk ein Gedicht von Georg Heym zugrunde gelegt, das in einer Rezitation erklingt. Diese ist auf dem Tonband enthalten und ist zu Beginn bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, gegen Ende dann unverfälscht zu hören.

Kein Geringerer als Karlheinz Stockhausen bewunderte an diesem Werk die ‚satte Farbgestaltung‘. Und tatsächlich: Ähnlich wie ‚Topic‘ belegen auch die anderen Stücke, dass sich eine strenge Kompositionstheorie und ein unmittelbar ansprechender emotionaler Gehalt in der Musik nicht ausschließen müssen. Auf der anderen Seite: Gerade weil York Höller dies gelingt, muss man ihn zu den ganz Großen zählen.

Bedeutende Namen leisteten Bedeutendes

Unter den Interpreten der vorliegenden Produktion finden sich einige bedeutende Namen, und so verwundert das durchwegs hohe bis höchste spieltechnische wie interpretatorische Niveau nicht. ‚Topic‘ wurde 1970 vom WDR Sinfonieorchester Köln unter Michael Gielen eingespielt. ‚Horizont‘ entstand – so wie die Tonbänder der anderen Stücke auch – im Studio für Elektronische Musik des WDR; realisiert wurde es von Peter Eötvös und Volker Müller; letzterer hat auch in ‚Mythos‘ und den ‚Halbinseln‘ die elektronischen Fäden gezogen.

Der instrumentale Part in ‚Mythos‘ wurde 1997 von der musikFabrik unter Zsolt Nagy meisterhaft produziert, und in den ‚Schwarzen Halbinseln‘ ist einmal mehr das WDR Sinfonieorchester Köln zu erleben nebst Stimmen des dortigen Rundfunkchors sowie der Rezitation von Marie-Louise Gilles vom Tonband. Die Gesamtleitung der 1982 entstandenen Aufnahme lag bei Diego Masson.

Auch der Klang ist nicht angestaubt

Auch klangtechnisch haben die vier Aufnahmen keinen nennenswerten Staub angesetzt und wissen auch heute noch zu befriedigen. Man fragt ich aber, ob es nicht eine Option gewesen wäre, das Material entsprechend aufzubereiten und auf eine SACD zu packen – dann hätte die Sache nahezu perfekt werden können. Sicher hätte man der explizit als ‚quadrophon’ bezeichneten Tonbandkomposition auf diese Weise gerecht werden können.

In den beiden anderen Stücken mit Zuspielband hätte man aber in erster Linie die Intentionen des Komponisten berücksichtigen müssen; die beiden Stücke leben davon, dass Tonband und Live-Musik immer wieder miteinander verschmelzen – da würde sich ein Surround-Klang mit klar getrennten Kanälen womöglich eher kontraproduktiv auswirken.
 

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