Ein Mythos, belebt
Die Geschichte ist alt. Sehr alt. Wir kennen sie aus Homers Ilias. Troja. Das Pferd. Der Krieg. Und seine Folgen. Wie das alles klingt, erfahren wir in der Troja-Sonate von Fazıl Say. In diesem Stück kann man hören, dass die Geschichte des trojanischen Kriegs, abseits aller Grausamkeit, auch eine Geschichte von Glaube, Hoffnung, Liebe ist. In ihr liegt, auch wenn man das nicht vermuten würde, utopisches Potenzial, ein Hauch von metaphysischer Sinnlichkeit. Möglich macht dies die Dialektik von Leben und Tod; sie bildet sich in Says Sonate ab. Schon beim ersten flüchtigen Hören wird man der Antagonismen gewahr, die in diesem klingenden Dekalog aufeinanderprallen. Der Komponist ließ sich dabei vor allem von den Epen Homers inspirieren, nutzte aber auch andere literarische Quellen, um das »Phänomen« Troja in poetisch eindrückliche Klangbilder zu übersetzen – die so plastisch sind, dass man einige der Helden sogar sehen, zumindest spüren kann: Da ist Paris, jener junge Mann, dem man unterstellte, die schöne Helena geraubt zu haben. Dann Menelaos, der gehörnte Gatte, Agamemnon, der Kriegsstratege, Achill, der (scheinbar) Unbesiegbare, und Hektor, der (hingeschlachtete) Schlächter. Sogar der Dichter selbst tritt gleich im ersten Satz, der seinen Namen trägt, vor den Vorhang und erhebt das Wort. Neben den bekannten mythischen Gestalten, die ihre musikalische Entsprechung in plastisch formulierten Themen oder (Leit-)Motiven finden, betreten weitere Protagonisten die imaginäre Bühne. Tyche sehen wir, und vereinzelt blinzelt die Sonne durch die Töne hindurch. Nur die Götter, die fehlen. Die Musik schafft sie im Moment ihres Erklingens ab. Und obwohl es sich bei diesem überwältigenden Werk um absolute Musik handelt, sind es letztlich Menschen, die, vom Komponisten begleitet, ihren Weg durchs trojanische Dickicht suchen – und auch ein winziges Stück vom Glück. […]
Schönheit wird die Welt retten
Die erste der 3 Balladen, ein introvertiert-kantables Stück, schrieb Fazıl Say als Hommage an den Dichter Nazim Hikmet. Die zweite Ballade Kumru (Taube) ist ein zart dahinströmendes Andante. Von unvergleichlicher Zartheit und Schönheit ist auch die dritte Ballade – kein Wunder, bedeutet ihr Titel Sevenlere dair auf Deutsch »Für die Liebenden«. Auf ein mildtönendes Andante folgt ein leidenschaftliches, aber im pianissimo gehaltenes Allegro. Wie eine Erinnerung an die schönsten Stunden klingt danach der zweite Andante-Teil, an dessen Ende die Liebenden in die Lüfte entschweben.
Aus Ariels Armen führt der Weg direkt auf die Totalität des Seins. Black Earth ist das bekannteste Klavierstück Fazıl Says, es basiert auf dem in der Türkei populären Lied Kara Toprak des blinden Volksdichters Aşik Veysel, darin der Poet den Verlust des Lebens beklagt. Die dreiteilige Ballade verwendet Mikrotöne ebenso wie modale Wendungen, Jazz-Partikel – sowie präparierte Tasten, die den Klang der traditionellen Laute Saz nachahmen. Hört man diese Musik, muss man unweigerlich an Rilkes Gedicht Der Panther denken, an die Einsamkeit, die sich in diesen Worten ausdrückt und die dennoch magisch ist.
Jürgen Otten


