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Georg Friedrich Haas: Ein Schattenspiel / String Quartets No. 4 & No. 7

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Artikelnummer: NEOS 12006 Kategorien: ,
Veröffentlicht am: Februar 19, 2021

Infotext:

GEORG FRIEDRICH HAAS
Ein Schattenspiel · 4. und 7. Streichquartett

Georg Friedrich Haas gilt gegenwärtig als bedeutendster Vertreter des mikrotonalen Komponierens. Das stimmt im Grunde, greift aber etwas zu kurz, als sei dieser Komponist lediglich an technischen Problemen interessiert und befände sich noch immer in der avancierten Traditionslinie einer Beschäftigung und Erkundung des musikalischen Materials. Gerade seine drei Kompositionen Ein Schattenspiel, das 4. und 7. Streichquartett zeigen, dass Haas weniger an der Materialversenkung gelegen ist, als an den kommunikativen Aspekten des Komponierens und der Musik, die auf die größtmögliche Erschütterung der hörenden Wahrnehmung zielen. Die Mikrotonalität und das Komponieren mit Obertonreihen und Obertonakkorden ist sicher für das an die konventionelle, tradierte Harmonik gewöhnte Ohr ungewohnt und eine extreme Herausforderung der Hörerfahrung. Haas’ Komponieren dagegen fokussiert mehr die körperliche Erfahrung solcher Musik. Es ist durchaus nicht falsch, hier von einer Überwältigungsästhetik zu sprechen, in der die durch die Mikrotonalität und die Obertöne erzeugten Schwebungen zum Rauschen führen. Und dieses Rauschen ist nicht nur in der akustischen Begrenzung gemeint, sondern im Sinne seiner Ausdehnung und Wortumbiegung zum Rausch hin. Diese Musik wirkt wie eine Droge und erzeugt Rauschzustände.

Ein zusätzliches Mittel hierbei ist das Einbeziehen der Live-Elektronik. Diese ist zunächst einmal mit der Idee verbunden, den Klang zu verräumlichen, ihn also vom Ort seiner Erzeugung durch im Raum verteilte Lautsprecher zu lösen. Diese Idee wird von Haas nun völlig anders gelöst. Die Lautsprecher befinden sich in den genannten Stücken in unmittelbarer Nähe der Interpreten und nicht im Raum verteilt. Was die Live-Elektronik hier aber ermöglicht, ist die zeitliche Verzögerung und Verschiebung der entstehenden Klänge. »Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit«, heißt es in Richard Wagners letztem Musikdrama Parsifal aus dem Jahr 1882. Und als ob Haas darauf zurückgreifen würde, dient ihm hier die Live-Elektronik im gleichen Sinne.

In Ein Schattenspiel (2004) wird aus dem solistischen Instrument durch die Live-Elektronik ein Hyperinstrument oder ein akustischer Partner, der in der Tat als akustischer Schatten des Protagonisten funktioniert. Es handelt sich bei dem Stück um ein instrumentales oder imaginäres Theater. Einen akustischen Schatten erzeugt dieses Verfahren, indem die Live-Elektronik genau das wiedergibt, was der Solist zu spielen hat, jedoch mit einer zeitlichen Verzögerung, leicht beschleunigt und um einen Viertelton nach oben transponiert. Es kommt zu einem eigentümlichen Wettlauf zwischen dem Originalklang und seinem verrückten Schattenklang und ist auch ein Spiel mit dem musikalischen Medium schlechthin: mit der Zeit. Und so schreibt Georg Friedrich Haas in seinem Werkkommentar: »Der Spieler des Stückes sieht sich immer wieder von neuem dem gegenübergestellt, was er gerade gespielt hat. Die Live-Elektronik konfrontiert ihn mit seiner eigenen Geschichte. Schließlich wird er dann durch diese Geschichte eingeholt.« Und das ist nicht allein metaphorisch oder erzählerisch gemeint. Hier denkt Haas nun wirklich in einem Geschichtsbild. Dazu passt, dass er in Ein Schattenspiel auf die harmonischen Systeme der Vierteltonmusik von Ivan Wyschnegradsky zurückgreift, dem russischen Pionier des mikrotonalen Komponierens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In seinem 2003, ein Jahr vor dem Klavierstück entstandenen 4. Streichquartett, setzt Haas die Live-Elektronik in ähnlicher Form mit zeitlicher Verzögerung ein. Gleichzeitig geschieht aber auch hier die Verdopplung des Klangkörpers: Aus dem Streichquartett wird ein Oktett. Anders als im exakt ausnotierten Klavierstück enthält das 4. Streichquartett frei zu gestaltende Abschnitte. Um diese zu realisieren, müssen die vier ausführenden Musiker sehr genau aufeinander hören, um ein kompaktes Ganzes nicht gegen die Wand zu fahren. Ähnliches hat Haas zuvor schon verlangt: Das 3. Streichquartett »In iij. Noct.« (2001) findet fast eine Stunde lang in absoluter Finsternis statt. Diese extreme Herausforderung an Ausführende und Zuhörende lässt Zeit und Raum völlig neu erfahren. Hier geht es wie in Ein Schattenspiel nicht um Zeit als abstrakte Größe, sondern als eine Idee der (Klang-)Geschichte, wie der Komponist in seinem Kommentar in Bezug auf den Einsatz der Live-Elektronik akzentuiert: »Dabei interessiert mich weniger die klangliche Veränderung, als die Möglichkeit, Gespieltes aufzunehmen und wiederzugeben: Die Konfrontation der Interpret*innen mit ihrer eigenen unmittelbaren Vergangenheit – eine Vergangenheit, die dann auch ein wenig in Zeit und (Ton-)Raum verschoben wird, und zu der eine Kommunikation hergestellt wird.«

Im Unterschied zum Klavierstück, das vor allem durch die mikrotonale Harmonik und die architektonischen Schichtungen der Obertonakkorde bestimmt wird, bricht im 4. Streichquartett, ungefähr in der Mitte, ein musikalisches Gestaltungsmittel herein, das in Haas’ vorhergehenden Werken weniger eine Rolle gespielt hat: Es ist das Melos. Mit deutlicher Akzentsetzung spielt die Viola eine Melodiestimme. Die drei anderen Streicher stimmen mit ein, und so wird hier in der Tat wieder gesungen. Gegen Ende wiederholt sich das.

Dieses Hereinbrechen des Vokalen verstärkt sich im 2011 entstandenen 7. Streichquartett noch einmal. Auch hier beginnt etwa zur Mitte hin das Cello, in einer langen solistischen Linie zu singen. Im Schlussabschnitt wird dies in der 1. Geige aufgegriffen. Es muss kaum verwundern, dass Haas sich zur Entstehungszeit parallel in Bluthaus mit einem Bühnenwerk auf ein Libretto des österreichischen Dramatikers Händl Klaus beschäftigt hat. Hier ist das Melos Conditio sine qua non. Das 7. Streichquartett mit seinen vier instrumentalen Protagonisten ist dagegen, wie schon Ein Schattenspiel, im Grunde ein imaginäres Theater – durchaus aber ein Vexierspiegel des konkret Musikdramatischen. Hier nun schafft die Live-Elektronik mit dem gleichen Verfahren der zeitlichen Verzögerung und Verschiebung wie im Klavierstück und dem 4. Streichquartett nicht einfach einen akustischen Hintergrund, sondern einen akustischen Raum, in dem der Auftritt der Instrumentalisten stattfindet. Gleich zu Beginn dominiert die Live-Elektronik und bereitet den akustischen Raum für den Parodos – wie im klassischen griechischen Theater – für den Auftritt der vier Stimmen der Streicher. Spieltechnisch herrschen in diesem Streichquartett neben den Obertonakkorden die Triller und auf- und abführende Glissandi vor. Diese spieltechnischen Mittel tendieren zum geräuschhaft Flächigen. Ein Eindruck, der akustisch schließlich durch die zeitverzögerte Überlappung mit dem live-elektronischen Raum noch zusätzlich verstärkt wird. In diesem Raum schält sich das Melos der instrumentalen Stimme in Cello und 1. Geige umso deutlicher heraus. Hier wird in der Tat instrumental gesungen, die Solisten sind nicht allein Handhaber ihrer Instrumente, sondern Akteure, Darsteller und Protagonisten eines imaginären, handlungslosen Dramas. Am Ende werden sie – aber nicht nur sie, sondern auch alle Zuhörenden – durch das Rauschen der Schwebungen und eines »akustischen Clusters«, wie Haas ihn in der Stimme der Live-Elektronik bezeichnet, buchstäblich überwältigt. Die letzten reinen Geräuschklänge übertönt das anschwellende Rauschen der Live-Elektronik. In dieser gemeinsamen Handlung von Solisten und Live-Elektronik entsteht etwas ganz anderes, das mit Bekanntem und Gewohntem der musikalischen Tradition nichts mehr zu tun hat. Hier verlieren alle den Boden des Vertrauten unter den Füßen und betreten Neuland. Das geht allerdings nur mit der Emphase eines sich Überlassens. Kontrollieren kann man das nicht. Nein, ein Streichquartett im Sinne der Tradition ist das nicht mehr. Hier spielt nur eines.

Bernd Künzig

Programm:

Georg Friedrich Haas (*1953)

[01] Streichquartett Nr. 7 mit Live-Elektronik (2011) 25:40

Arditti Quartet
Irvine Arditti, Violine
Ashot Sarkissjan, Violine
Ralf Ehlers, Viola
Lucas Fels, Cello

SWR Experimentalstudio
Thomas Hummel, Klangregie

[02] Ein Schattenspiel für Klavier und Live-Elektronik (2004) 13:19

Sophie-Mayuko Vetter, Klavier

SWR Experimentalstudio
Reinhold Braig & Maurice Oeser, Klangregie

[03] Streichqurtett Nr. 4 mit Live-Elektronik (2003) 22:50

Arditti Quartet
Irvine Arditti, Violine
Ashot Sarkissjan, Violine
Ralf Ehlers, Viola
Lucas Fels, Cello

SWR Experimentalstudio
Thomas Hummel & Reinhold Braig, Klangregie

Gesamtspielzeit: 62:19

Ersteinspielungen

 

NEOS Music GmbH · Haas, Georg Friedrich: Ein Schattenspiel · String Quartets No. 4 & No. 7

Pressestimmen:


28. Februar 2022

www.mundoclasico.com

Lirismo y materialidad del microtono

[…]
Sorprende el comedimiento del cuarteto londinense (Arditti Quartet) en este registro, la suavidad con la que acometen las auras haasianas y la ausencia de esa rugosidad y rascado que tanto los caracterizan, aunque la música del compositor de Graz no se mueva, precisamente, por esos derroteros. Es más, en el Haas del siglo XXI la melodía y el lirismo juegan un papel muy importante, ya como forma de conectarse con el pasado y la rica tradición austríaca, ya como medio para acercarse al público: vía que el Arditti aquí asume y defiende, sin eludir su mayor accesibilidad.
[…]
También de la historia parece provenir el lirismo que se acusa avanzado el desarrollo de la obra, pues, si bien en su comienzo Ein Schattenspiel tira de martellato y de un pianismo muy típico de la primera mitad del siglo XX, en su segunda parte el melodismo convoca perfumes decimonónicos, por lo que, junto a Ivan Wyschnegradsky y a Béla Bartók, las reverberaciones se multiplican, en una de las partituras de Georg Friedrich Haas en la que más evidente resulta su interés por el paso del tiempo, quizás porque cuando compuso Ein Schattenspiel el austríaco acababa de franquear su primer medio siglo de vida: momento de reflexión y recolocación del yo en el fluido del tiempo, ya ultrapasado aquello que Dante calificaba de «mezzo del cammin di nostra vita». De todo ello da cuenta Sophie-Mayuko Vetter con una fuerza, una perfección técnica y una elegancia en los ecos históricos realmente fascinante.
[…]
Por lo que a las tomas de sonido se refiere, éstas son tan estupendas como podamos imaginar en los registros de la radio alemana SWR; máxime, cuando están de por medios técnicos del SWR Experimentalstudio, que nos proporcionan una inmersión realmente vívida en este proceso de transformación del microtono en melodía y materia. Las notas vienen firmadas por el varias veces mencionado Bernd Künzig y, aunque escuetas, son muy interesantes e informativas al respecto de cómo enmarcar estas partituras (no pocas veces sorpresivas) en el desarrollo estético de Georg Friedrich Haas. Biografías de compositor e intérpretes, fotografías y reveladores ejemplos de partituras completan esta edición.

Lyrik und Materialität des Mikrotons

[…]
Erstaunlich ist die Zurückhaltung des Londoner Arditti Quartet in dieser Einspielung, die Geschmeidigkeit, mit der sie die haasianischen Auren angehen, und das Fehlen der Rauheit und Kratzigkeit, die sie so sehr kennzeichnen, obwohl die Musik des Grazer Komponisten nicht genau diesen Linien folgt. In der Tat spielen Melodie und Lyrik im Haas des 21. Jahrhunderts eine sehr wichtige Rolle, sowohl als Verbindung mit der Vergangenheit und der reichen österreichischen Tradition als auch als Mittel zur Annäherung an das Publikum: ein Weg, den Arditti hier beschreitet und verteidigt, ohne sich vor seiner größeren Zugänglichkeit zu drücken.
[…]
Die Lyrik, die sich im Laufe des Werks zeigt, scheint ebenfalls aus der Geschichte zu stammen, denn obwohl Ein Schattenspiel zu Beginn von Martellato und einem für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr typischen Pianismus geprägt ist, beschwört die Melodik im zweiten Teil Düfte des 19. Jahrhunderts, neben Iwan Wyschnegradsky und Béla Bartók vervielfacht sich der Nachhall in einer der Partituren von Georg Friedrich Haas, in der sein Interesse am Vergehen der Zeit am deutlichsten wird, vielleicht weil der Österreicher zum Zeitpunkt der Komposition von Ein Schattenspiel gerade sein erstes halbes Lebensjahrhundert überschritten hatte: Ein Moment des Nachdenkens und der Neupositionierung des Selbst im Fluss der Zeit, weit nach dem, was Dante „mezzo del cammin di nostra vita“ nannte. Von all dem erzählt Sophie-Mayuko Vetter mit einer Eindringlichkeit, technischen Perfektion und Eleganz in den historischen Anklängen, die wirklich faszinierend sind.
[…]
Was die Tonaufnahmen betrifft, so sind sie so hervorragend, wie man es sich von den deutschen SWR-Radioaufnahmen vorstellen kann; umso mehr, wenn sie mit den technischen Mitteln des SWR-Experimentalstudios gemacht wurden, die uns ein wirklich lebendiges Eintauchen in diesen Prozess der Umwandlung von Mikrotönen in Melodie und Materie ermöglichen. Die Werkkommentare stammen von Bernd Künzig und sind, obwohl kurz, sehr interessant und informativ, um diese (oft überraschenden) Partituren in die ästhetische Entwicklung von Georg Friedrich Haas einzuordnen. Biografien von Komponisten und Interpreten, Fotos und aufschlussreiche Partiturbeispiele vervollständigen diese Ausgabe.

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